GQ (Gentleman´s Quarterly), Nr.1, Januar 2002, p.86

David Lynch Mystery Man

Fotos: Frank W. Ockenfels / Outline / Intertopics

Möglich, dass Regisseur David Lynch nicht immer alle beieinander hat. Aber genau deshalb lieben ihn alle.

Zauberfeen, abgeschnittene Ohren und weggeschossene Köpfe beherrschen die Welt von Kult-Regisseur David Lynch (Blue Velvet). Sein neuester Film Mulholland Drive (3.1.) passt ideal in dieses Oeuvre. Und Lynchs private Gepflogenheiten füttern das aberwitzige Image. Ob er sich vom ständig gleichen Salat ernährt oder monatelang in einem Haus ohne Möbel lebt - er wirkt wie ein Gefangener absurder Obsessionen. Doch im Gespräch mit GQ gibt sich der 55-jährige recht happy und gelöst.

 

Ihr neuer Film ist voll mysteriöser Bizzarrerien. Wollen Sie Ihrem Publikum zeigen, wie schlau Sie sind, oder nehmen Sie es auf den Arm?

So zu denken ist absurd. Die Ideen kommen zu mir und verknüpfen sich miteinander. Das ist Magie. Und diese Welt zeige ich. Soll jeder seine eigenen Schlüsse daraus ziehen.

Sie wollen uns nicht dabei helfen?

Ich würde doch Ihre Phantasie beschneiden, wenn ich Ihnen meine Interpretation aufdränge. Wir sind alle verschieden, jedenfalls oberflächlich betrachtet, und deshalb versucht jeder, meine Welt anders zu erklären.

Ihr Kosmos hat reichlich monströse Züge. Man könnte glauben, es gehe Ihnen nicht gut.

Im Gegenteil. Ich erlebe einen Zustand puren Glücks, wenn ich mich mit der Arbeit beschäftige. Und das tue ich ständig.

Als Kind war für Sie die New Yorker U-Bahn ein Hort des Horrors. Gibt es für Sie noch die Hölle auf Erden?

Viel zu viel davon. Aber ich versuche, von dieser Negativität so wenig wie möglich an mich ran zu lassen.

Der gegenwärtige Terrorkrieg lässt Sie kalt?

Natürlich spüre ich, dass die Welt jetzt eine andere ist. Aber eins ist auch sicher: Die alte Methode "Auge um Auge, Zahn um Zahn" hat nie funktioniert und wird wahrscheinlich nie funktionieren.

Sie sind also kein großer Anhänger von George W. Bush?

Ich bin Filmemacher. Ich interessiere mich nicht für Politik. Warum soll ich über etwas sprechen, von dem ich nichts verstehe?

Aber bei den letzten Präsidentschaftswahlen drehten Sie ein Video für John Hagelin, den Kandidaten der Naturgesetzpartei.

Das ist etwas anderes. Jeder, der ihn hört, würde ihn sofort wählen. Leider haben ihn nur sehr wenige gehört. Hagelin vertritt die Lehre von Maharishi Mahesh Yogi, dem Begründer der Transzendentalen Meditation, eine Methode der Bewusstseinserweiterung. Ich praktiziere sie selbst seit rund 28 Jahren.

Was hat Sie Ihnen gebracht?

Sie hilft einfach bei allem. Es gab eine Zeit, in der ich so voller Zorn war. Meine Schwester empfahl mir damals Transzendentale Meditation, und als ich damit anfing, lösten sich diese Wutzustände einfach auf. Ich nutze das auch, um Ideen zu finden. Es ist wie beim Angeln. Je tiefer du kommst, desto größer sind die Fische.

Vor gelegentlichen Misserfolgen wie Lost Highway bewahrt Sie die Methode dennoch nicht.

Selbst wenn nicht alle das gleiche lieben wie man selbst, muss man an das glauben, was man tut. Man kann nicht einfach sagen: Ich bin ein Versager. Du hältst deinen Kopf hoch und gehst weiter.

Mit Ihrer Website davidlynch.com gehen Sie jetzt in eine neue Richtung. Warum?

Das Internet ist für mich der Ort reiner, kreativer Freiheit. Ich werde meine Fotografien zeigen. Vielleicht auch die Bilder von den Modellen, die ich aus den Gliedmaßen kleiner Tiere gebastelt habe. Sie können Musik abrufen und Videos sehen.

Sie drehen Filme, malen, komponieren, basteln. Schlafen Sie eigentlich noch?

Leider ja. Das lässt sich nicht vermeiden. Aber ich trinke sehr viel Kaffee.

Interview: Rüdiger Sturm