Harpers Bazaar, Oktober 1990, p.62-66

Isabella Rossellini

Porträt Isabella Rossellini

DIE EIGENWILLIGE SCHÖNE

Was sie nicht mag: Den Vergleich mit ihrer Mutter Ingrid Bergman, die Abhängigkeit von einem Mann und das Zusammenleben unter einem Dach. Was sie mag: ihr freies Leben in New York und die Millionen, die sie verdient. Ganz nebenbei ist sie auch noch Filmstar. Harper´s-Bazaar-Autorin Irmgard Hochreither hat mit Isabella Rossellini ein sehr persönliches Gespräch geführt.

Isabella Rossellini

Die kommt mir irgendwie bekannt vor; sieht ja ja aus wie die junge Ingrid Bergman." Regisseur David Lynch war ehrlich überrascht. Und völlig ahnungslos, als er in einem New Yorker Café zum ersten Mal Isabella Rossellini begegnete. Doch kaum hatte der Filmemacher seiner Verwunderung über diese verblüffende Ähnlichkeit lautstark Luft gemacht, rammt ihm seine Begleiterin den Ellenbogen in die Rippen. "Du Blödmann" zischelte sie, "das ist doch die Tochter von Ingrid Bergman." Sie wurden einander vorgestellt, und zum Glück nahm bella Isabella, die normalerweise auf derartige Vergleichsstudien mit der berühmten Mutter äußerst allergisch reagiert, die Sache nicht weiter übel. Im Gegenteil. Das zufällige Treffen war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Einer großen Liebe.

Die schöne Tochter von Ingrid Bergman und Roberto Rossellini war damals 33 Jahre alt, hochbezahltes Topmodel (sie hatte einen Zwei-Millionen-Dollar-Vertrag mit der Kosmetikfirma Lancome abgeschlossen) und Schauspielerin. Eine junge Frau, die versuchte, zwischen Segen und Fluch der großen Namen, ihren eigenen Weg zu finden. Künstlerisches Schattenboxen gegen einen Mythos - ein mühsames Geschäft, bei dem Verletzungen nicht ausbleiben. Immer wieder die gleichen Fragen. Immer wieder die gleichen Antworten. Das Mutter-Tochter-Trauma war, so versucht sie immer wieder klarzumachen, nur herbeigeschrieben, herbeigeredet. "Meine Mutter und ich", wehrt sie ab, "waren nie Konkurrentinnen. Ich finde es schön, daß ich ihr ähnlich bin. Aber ich bin und bleibe eben ihre Tochter. Für mich war sie nie der Glamourstar. Sie war mein Zuhause, gab mir zu essen, war die Mutter."

Heute mit 37 Jahren hat Isabella es geschafft. Sie ist ganz oben. Überglücklich erzählt sie von den neuen Siebenjahresvertrag, den sie gerade mit Lancome abgeschlossen hat. "Und das", sie strahlt über das ganze Gesicht, "obwohl ich demnächst 38 werde."

Isabella ist wohl das, was man einen Spätzünder nennt. Auch als Schauspielerin. Sie war über dreißig, als die Filmbranche auf die ehemalige Journalistin mit dem berühmten Namen aufmerksam wurde. Nach einem Achtungserfolg in dem italienischen Kunstfilm "Die Wiese" der Gebrüder Taviani, spielte Isabella neben dem russischen Balletstar Michail Baryshnikow die Hauptrolle in dem Thriller "White Nights - Nacht der Entscheidung". Das war der Durchbruch bei Publikum und Filmkritik, man bejubelte die Entdeckung "einer neuen Bergman". Und wieder wehrte sich Isabella Rossellini: "Es belastet mich, daß die Kritiker laufend Vergleiche mit meiner Mutter anstellen wollen. Warum kann man nicht einfach als eigenständige, selbstverantwortliche Person akzeptieren. Meine Eltern habe ich über alles geliebt, aber ich will unabhängig sein von ihrer Legende, eigene Fehler und Erfahrungen machen dürfen."

Vielleicht war es eine Art Befreiungsschlag, als sie danach das Angebot von David Lynch annahm, die Hauptrolle in dem Psychoschocker "Blue Velvet" zu spielen. Isabella in der Rolle einer schizoiden Nachtclubsängerin mit sadomasochistischen Neigungen, die hinter der bröckelnden Fassade gutbürgerlicher Spießigkeit immer weiter abrutscht in einen Strudel aus Sex und Crime. Die Tochter der Hollywood-Göttin als Kleinstadtschlampe - ein Alptraum für jeden Bergman-Verehrer.

Gute Freunde warnten die Schauspielerin vor dieser Rolle. Das Hochglanzimage könnte Schaden leiden. Doch Isabella schlug alle Warnungen in den Wind. Sie übertünchte die Reinheit ihres makellosen Lancome-Gesichts mit grellrotem Lippenstift, knallblauem Lidschatten und umrahmte das Ganze mit einer vulgären schwarzen Lockenperücke.

Böse Isabella, armes Kind. Der Skandal war perfekt. Es hagelte Lobeshymnen und Verrisse. Die italienischen Zeitungen überschlugen sich, die Verantwortlichen beim Filmfest in Venedig warfen "das üble Machwerk" aus dem Programm. Kritiker hielten der Künstlerin vor, sie habe damit das Ansehen ihres verstorbenen Vaters befleckt. Diese Angriffe auf ihre Person kann Isabella auch heute nicht verstehen. "Für mich", sagt sie, "war 'Blue Velvet' die spannendste und aufregendste Arbeit, die ich je gemacht habe. Von Anfang an habe ich an den Film geglaubt, war hundertprozentig überzeugt von dem Drehbuch. Ich wußte, wenn ich dieser Herausforderung nicht nachgebe, dann würde ich noch lange im Konventionellen hängenbleiben. Ich bin heute glücklich, daß ich den Film gemacht habe. Außerdem passiert es ja nicht oft, daß man sich in einen Stoff auf Anhieb verliebt."

Die Isabella verliebte sich nicht nur in den Stoff. Seit den Dreharbeiten vor vier Jahren sind Regisseur David Lynch und seine Hauptdarstellerin Isabella ein Liebespaar. In seinem neuen Film "Wild at Heart", in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet, spielt sie wieder mit. Die beiden führen eine Beziehung auf Distanz, from coast to coast. David lebt in Hollywood, Isabella in New York. Seit ihre beiden Ehen, die eine mit dem Filmregisseur Martin Scorsese ("Taxi Driver"), die andere mit dem Dressman Jonathan Wiedemann, in die Brüche gingen, wohnt Isabella allein mit Tochter Elletra und einer Haushälterin in einem zweihundert Quadratmeter großen Loft in Manhattan, nahe Chinatown.

Isabella Rossellini

Hat die Schöne, die seit Jahren auf eigenen Füßen steht, die ihr Geld selbst verdient, die es als Herausforderung betrachtet, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen, endgültig die Nase voll von der Ehe? Isabella Rossellini lacht. Ein tiefes, etwas heiseres Lachen. "Ich denke zwar im Moment über eine dritte Heirat nicht nach - aber ausschließen würde ich es nicht."

Ihre Telefonrechnung ist astronomisch. Stundenlang telefonieren David Lynch und Isabella Rossellini von Küste zu Küste. Warum zieht nicht einer der beiden um? Sie zögert mit der Antwort, sagt dann vorsichtig: "Es ist schwierig. Seine Kinder leben in Los Angeles, Jonathan, der Vater meiner Tochter, lebt in New York, und ich will, daß die beiden sich regelmäßig sehen. Auch für mich ist New York mein Zuhause, der Mittelpunkt meines Familien- und Berufslebens. Meine Zwillingsschwester Ingrid lebt hier, meine Cousinen, meine Freunde, und hier habe ich meine Arbeit für Lancome. Bei David ist es ähnlich. Er macht Filme, sein Platz ist in Hollywood. Wir sehen uns halt so oft es geht."

Im Augenblick ist das nicht so einfach, denn bis Oktober steht Isabella in Moskau vor der Filmkamera. Eine italienisch-französisch-russische Coproduktion nach dem Theaterstück "Die schalkhafte Witwe" von Goldoni. Commedia dell´arte in Rußland.

"Das Unglaubliche ist", sagt sie, "daß die Produzenten die Kanäle, die Gondeln, den Markusplatz, einfach alles, in den Moskauer Studios naturgetreu nachgebaut haben, weil es so unverschämt teuer gewesen wäre, am Originalschauplatz in Venedig zu drehen."

Ihr Part in dieser Komödie ist die Rolle einer kapriziösen jungen Frau, die ihrem reichen alten Ehemann Hörner aufsetzt. Eine lustige Witwe, die ihre Seitensprünge plant, wie einst Napoleon seine Schlachtenordnung. Der Film, dessen Titel noch nicht feststeht, soll im nächsten Jahr in die Kinos kommen.

Das Geld, das Isabella Rossellini mit ihrer Arbeit als Fotomodell verdient, erlaubt es der Schauspielerin, sehr wählerisch zu sein, wenn es um Rollenangebote geht. "Fun" ist eines der wichtigsten Worte in ihrem Sprachschatz. "Ja", sagt sie sehr bestimmt, "ich möchte in erster Linie Spaß haben bei der Arbeit." Deshalb steht sie auch so gerne Modell für Lancome, weil es ihr Spaß macht. So einfach ist das. Daß dabei die Verkaufsrate der Lancome-Produkte in den letzten Jahren um 25 Prozent gestiegen ist, beweist nur, daß dieser Spaß sich für alle Beteiligten auszahlt.

Schönheitskönigin Isabella fühlt sich keineswegs als Opfer, als Beauty victim. "Wichtig für uns", so beschreibt sie ihre Philosophie," ist doch nur eines - wir wollen alle gefallen. Uns selbst und den anderen. Genau das ist die Basis meiner Anzeigenkampagne. Diese Produkte sind nicht das Wesentliche im Leben, sie sind sozusagen das Sahnehäubchen obendrauf. Ich will doch keine Komplexe erzeugen, finde nicht die kosmetisch perfekte Schönheit attraktiv, sondern die Möglichkeit, mit diesen Produkten spielerisch umzugehen und ein schönes Ergebnis zu erzielen. Das ist fun, und zwar für Frauen in jedem Alter."

Sie selbst empfindet sich ohnehin nicht als perfekte Schönheit. "Ich bin zu klein, zu dick und sehe aus wie eine italienische Mama", ein unbekümmertes Lachen begleitet das schroffe Urteil über die eigene Person. Aber gerade diese kleinen Unebenheiten sind es, die den Charme, die Faszination, die Persönlichkeit der Isabella Rossellini ausmachen. Hinter den perfekten Lippen verbirgt sich ein Schneidezahn, an dem eine Ecke fehlt, seitdem ihr Bruder Robertino als Teenager das Telefon nach ihr geworfen hat. That´s life. Isabelle bewahrte sich einfach den Mut zur Lücke. Wenn es ein Erfolgsgeheimnis gibt, dann ist es wohl diese sympathische Widerspenstigkeit, das trotzige Verteidigen von Normalität, die Absage an den jobtypischen Fassadenschwindel. Ihre Lieblingsdesigner: Giorgio Armani, Dolce&Gabbana, Issey Miyake, und seitdem sie den Designer Angelo Tarlazzi kennengelernt hat, auch Guy Laroche.

Isabella Rossellini - eine Frau, die sich in diesem schnellebigen Glamourbusineß, zwischen Filmgeschäft und Fotostudio, ein Stück Normalität bewahrt hat. "Mein Lieblingsort in New York," sagt sie wie aus der Pistole geschossen, "das ist meine Wohnung. Und ich mag es, wenn das Haus voller Leute ist. Ich liebe Familie, meine Freunde, Gesellschaft, bin überhaupt ein sehr soziales Wesen. Ich glaube, da bin ich sehr italienisch."

Keine Ängste, keine Depressionen? "Ja, manchmal schon", kommt es zaghaft, "das nenne ich meine schwedischen Tage." Da kämpft dann Rossellini gegen Bergman. Und wer gewinnt? Da ist es wieder, das befreiende Lachen - "die Rossellini natürlich". Wer sonst.