Kieler Nachrichten 21.9.1990

Der Cannes-Preisträger im Kino: David Lynchs "Wild at Heart"


Hardrock-Rhythmen zur Odyssee im Alptraumland

Beseelt von Hardrock-Rhythmen, die die Story vorwärtspeitschen, startet in Wild at Heart das wohl schrillste Liebespaar der Filmhistorie zu einer Odyssee durch eine Welt zwischen Realität und Wahnsinn.
Sailor (Nicolas Cage) und Lula (Laura Dern) fliehen vor Lulas Mutter (Diane Ladd), die ihnen einen Privatdetektiv (Harry Dean Stanton) und einen Mafia-Killer (J. E. Freemann) auf den Hals hetzt. Der Zuschauer begleitet die Protagonisten auf ihrer Reise durch Alptraumlandschaften, die mit einer rabenschwarzen Phantasie entsprungenen Kreaturen bevölkert sind. Säufer und Huren, Killer und Geisteskranke, Drop-outs und Pornofilmer leben beispielsweise in dem texanischen Kaff, der Endstation für Lula und Sailor. Indem Regisseur David Lynch amerikanischen Mythen und Monstrositäten sowie die Riten und Rituale aus Popkultur und Kinoträumen zu einem modernen Märchen der bitterbösen Art zusammenrührt, kreiert er einen Kosmos, der im Kino seinesgleichen sucht. Die Geschichte der beiden Liebenden inszeniert der Kultfilmer in ihrer Mixtur aus Soap Opera, Melodram, Road Movie und Horrortrip als Synthese des amerikanischen Genrekinos. Wie sehr ihn Sex und Gewalt dabei faszinieren, versucht er gar nicht erst zu verbergen. Beides sind für ihn natürliche Bestandteile unserer Welt. Nur auf den ersten Blick folgt sein Film einer herkömmlichen Kinodramaturgie. Tatsächlich aber zieht David Lynch Elemente und fremdartig stilisierte Bilder aus allen Genres und fügt sie zu tabubrechenden Puzzles zusammen, die auf den Betrachter ebenso fremdartig wie verstörend, erotisch wie brutal wirken. Wild at Heart wurde bei den diesjährigen Filmfestspielen in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet.
Dorothee Lackner