Kino 9/ 90

Kein Sand im FX-Getriebe beim Showdown in der Wüste

Nach über zweijähriger Vorbereitungszeit fiel im Juni 1983 in Mexiko die erste Klappe zu "Der Wüstenplanet", der Verfilmung des gleichnamigen Epos von Frank Herbert. Für David Lynch, der sich zuvor mit "Der Elefantenmensch" als Experte für ungewöhnliche Filmstoffe erwiesen hatte, bot die komplexe SF-Saga erneut Gelegenheit, seine exzentrische Phantasie voll auszuleben. Gigantische Sandwürmer, bizarre intergalaktische Welten, eklig-fiese Schurken und drogenmutierte Raumfahrer stellten die Tricktechniker, Designer und Maskenbildner auf eine harte Probe ihres Könnens. Mit besonderer Sorgfalt widmeten sich Carlo Rambaldi und sein FX-Team der raffinierten Konstruktion der Sandwürmer, von der die Glaubwürdigkeit der Geschichte abhing.

Mit seiner 1965 erschienen Science-fiction-Saga "Der Wüstenplanet" (Dune) hat Frank Herbert der SF-Literatur ein Mammutwerk beschert. Nachdem zuvor schon Alexandro Jodorowsky und auch Ridley Scott das Handtuch geworfen hatten, begann schließlich im Juni 1982 David Lynch im Auftrag des Filmproduzenten Dino De Laurentiis mit der Realisierung des Projekts. Lynch wandelte die über tausend Seiten starke Romanvorlage in ein 200seitiges Drehbuch um, das die Handlung weitgehend auf ihr äußeres Gerüst reduzierte: Der kosmische Imperator Shaddam IV. und sein schurkischer Gefolgsmann Baron Harkonnen planen, die Familie des Herzogs Atreides auszulöschen, den sie zuvor zum Herrscher des sturmumtosten Wüstenplaneten Dune gemacht haben.  Neben den Fremen, einem uralten Nomadenstamm, wird Dune von riesigen Sandwürmern bedroht, die die Wüsten des Planeten durchpflügen und als einzige Wesen im Universum das heiß umkämpfte "Gewürz" produzieren, eine Wunderdroge, die für die intergalaktische Raumfahrt und die Macht der Imperatoren überlebenswichtig ist.

 

Kyle MacLachlan in Dune

 

Nachdem er ein verfilmbares Handlungskorsett erstellt hatte, ging David Lynch, der ein erwiesener Gegner übertriebener High-Tech-Spielereien ist, gemeinsam mit dem Production Designer Tony Masters an die optische Ausgestaltung von "Dune". "Obwohl der Film im Jahre 10991 spielt, sollte er auf keinen Fall diesen typischen SF-Touch haben. Die Gebäude der Griechen unterscheiden sich nicht sonderlich von unserer Architektur. Warum sollte es in Zukunft anders sein? Was an fremdartigen und futuristisch wirkenden Elementen in den Film steckt, sind die Ideen, die Lynchs bizarrer Phantasie entsprungen sind", erklärt Masters. So waren die Design-Fragen auch die Hauptprobleme, die gelöst werden mußten. Zunächst galt es, den vier Welten, die in Frank Herberts Roman beschrieben werden, eine Erscheinungsform zu geben, die sie und ihre Herrscher charakterisierte und voneinander abhob. Lynch und Masters einigten sich dabei primär auf die Elemente Holz (für Caladan, der ursprünglichen Herkunft des Atreides-Geschlechts); Gold (für Kaitan, dem Sitz des Imperators), Stahl (für Giedi Prime, den Planten des Schurken Harkonnen) und Stein (für Dune). Die Modelle und Kulissen für die jeweiligen Planeten-Szenarios wurden dann entsprechend dieser Vorgaben gefertigt und vor großen Blue-Screen-Leinwänden plaziert, auf die später Horizonte, Wolken, Raumschiffe etc. kopiert werden konnten. Alle Innenaufnahmen entstanden in den Churubusco-Filmstudios in Mexico City. Für die Außendrehs zog das Team in die Samalayuca Wüste.

David Lynch at the set of Dune

Ron Miller, der von Masters als Illustrator hinzugezogen wurde, prägte das Erscheinungsbild des Wüstenplaneten entscheidend mit. Sein besonderes Augenmerk galt den mehrere hundert Meter langen Sandwürmern, von deren Glaubwürdigkeit des Films stark abhing. "Natürlich waren wir uns darüber im klaren, daß wir die größten Phallus-Symbole im Universum planten", erinnert sich Ron Miller. Carlo Rambaldi sorgte für die technische Realisierung der Entwürfe, an der eine Crew von 24 Technikern und Modellbauern beteiligt war. Er modifizierte das Masters/Lynch-Design, indem er dem dreifachen Ring von angedeuteten Lippenwülsten ein weiteres innengelagertes dreilippiges Maul mit tausenden von dreieckigen Zähnen hinzufügte. Dadurch wirken die Würmer noch furchterregender. Insgesamt baute man 15 Modelle unterschiedlichen Formats. Das größte war rund sieben Meter lang und hatte ein Maul, das mechanisch geöffnet und geschlossen werden konnte. Die meterlangen Modelle wurden für die Detail-Action-Sequenzen verwendet. Rambaldi und sein Techniker Steve Townsend entwickelten einen Mechanismus, durch den die ferngesteuerten Würmer verschiedene Bewegungsabläufe durchführen konnten, wie z.B. zur Seite schwingen oder sich aufrichten. Für Panoramaaufnahmen wurden unterarmlange Würmer entwickelt, die auf unter dem Sand verlaufenden Schienen bewegt wurden. Alle Kunstwürmer wurden aus Ton modelliert, dann mit Polfoam ausgepolstert und mit Latex-Plaste in ihre endgültige Form gebracht.

Besonderes Augenmerk widmete David Lynch der Figur des schurkischen Baron Harkonnen und den Vertretern der Raumfahrer-Gilde. Harkonnen ist so aufgequollen, daß er sich nur noch mittels einer Schwebevorrichtung fortbewegen kann. Das Kostüm kreierte Bob Ringwood: "Weil Harkonnen kugelrund ist, habe ich zunächst eine Fettschicht aus Segeltuch, Gummi und fleischfarbenen Hygienebeuteln konstruiert. Dann verteilte ich silikongefüllte Taschen über den gesamten Dress, die Kunsthaut zu ihrem fettfleischigen Aussehen verhalfen." Eine zweite dieser "Fettgewebe-Zweithäute" stattete Ringwood mit einem speziellen Kühlsystem aus, damit Kenneth McMillan, der das Kostüm tragen mußte, unter erträglichen Temperaturen arbeiten konnte. Beide Anzüge wurden zusätzlich mit einem eigens von der NASA konstruierten Uriniersystem ausgestattet, das McMillan während der Dreharbeiten den Toilettenbesuch ersparte. Für Harkonnens geschwür- und eiterbeulenübersäte Haut wurden allein im Gesicht 35 verschiedene Latex-Schichten aufgetragen. Um den Anti-Gravitations-Mechanismus zu simulieren, wurde der Schauspieler täglich für fast sechs Stunden mit seinem Kostüm an Klavierdrähten aufgehängt, die dank einer raffinierten Beleuchtung nicht zu sehen sind. Für die Flugszenen wurde Baron Harkonnen wie eine Marionette vor einer Blue-Screen-Leinwand bewegt. "Wir hatten ihn so aufgehängt, daß er rotieren und plötzliche Richtungsänderungen vornehmen konnte", erklärt Kit West, der für die Schwebesequenzen verantwortlich war.

Die "Gewürz"-mutierte Gestalt des Raumgilde-Navigators, der zu Beginn des Films auftaucht und in seinem "Gewürz"-verrauchten Sarkophag aussieht wie ein fleischiger Grashüpfer, scheint direkt David Lynchs morbider Phantasie entsprungen zu sein. Carlo Rambaldi erinnert sich: "Der Navigator war ein Problem, das unsere Make-up-Abteilung nicht bewältigen konnte. Wir haben dann ein Stahl- und Drahtkorsett gebaut, auf das nicht weniger als zweieinhalb Tonnen Plasteline im Wert von 13.000 Dollar aufgetragen wurden." Neben einem vollständigen Navigator-Modell wurden außerdem spezielle Teilansichten modelliert, die für Nahaufnahmen genutzt wurden. Die Auftritte Harkonnens und die Begegnung des Imperators mit dem Gesandten der Raumfahrer-Gilde gehören zu den visuell interessantesten Momenten in David Lynchs SF-Abenteuer, weil in ihnen sein Hang zu alptraumhaften Bildern am deutlichsten zum Ausdruck kommt. Wer durch "Blue Velvet" oder "Wild at Heart" auf David Lynch als Regisseur neugierig geworden ist, für den dürfte sich der retrospektive Blick in dieses Frühwerk auf jeden Fall lohnen.