![]() |
Radikal Romantisch
Sex und Gewalt sind die Zutaten für David Lynchs filmischen Alptraum-Cocktail "Wild at Heart". KINO sprach mit den Stars
|
Der 65er Thunderbird hält mit quietschenden Reifen vor dem Gittertor der Besserungsanstalt. Lula (Laura Dern), im hautengen Aerobic-Dress, holt ihren Freund Sailor (Nicolas Cage) ab, der dort eine mehrjährige Strafe wegen Totschlags verbüßt hat. Nachdem Sailor seine Jacke aus Schlangenleder übergestreift hat, kann das Abenteuer beginnen. Beseelt von Hardrock-Rhythmen, die die Story pulsierend vorwärtspeitschen, startet das wohl schrillste Liebespaar der Filmhistorie zu einer Odyssee durch eine Welt zwischen Realität und Wahnsinn. "Elvis Presley und Marilyn Monroe in der Hölle", so charakterisiert Hauptdarsteller Nicolas Cage die Geschichte, bei der amerikanische Mythen und Monstrositäten sowie die Riten und Rituale aus Popkultur und Genrekino Pate standen. Die Jury der diesjährigen Filmfestspiele in Cannes zeichnete "Wild at Heart", den neuen FIm von Kultregisseur David Lynch ("Der Wüstenplanet", "Blue Velvet"), mit der Goldenen Palme aus. Die beiden Liebenden fliehen vor Lulas Mutter Marietta (Diane Ladd, auch im tatsächlichen Leben Laura Derns Mutter), die ihnen den Privatdetektiv Johnny Faragutt (Harry Dean Stanton) und den Mafia-Killer Marcello Santos (J.E. Freeman) auf den Hals hetzt. Während ihrer langen Tages Reise durch die Nacht begegnen sie Alptraum-Gestalten, die geradewegs einer rabenschwarzen Phantasie entsprungen zu sein scheinen. Das texanische Kaff, die Endstation für Lula und Sailor, bevölkern beispielsweise ausschließlich Säufer und Huren, Killer und Geisteskranke, Drop-outs und Pornofilmer. Willem Dafoe spielt Bobby Peru ("wie das Land"), einen erzbösen Verführer, der erst Lula an die Wäsche und dann Sailor ins Gefängnis bringen will. Von Polizeikugeln durchsiebt, schießt er sich schließlich in einer spektakulären Sequenz mit einem großkalibrigen Gewehr selbst den Kopf weg. Lynchs Lebensgefährtin Isabella Rossellini, die als makellos schönes Model üblicherweise Millionen verdient, verkörpert Perus Geliebte, die Prostituierte Perdita Durango. "David läßt mich in seinen Filmen immer bewußt häßlich aussehen", erzählt sie. "Aber ich mag das. Für mich ist es eine willkommene Gelegenheit, auch einmal die andere Seite meiner Persönlichkeit auszuleben." In Lynchs vorherigem Film hauchte sie als Nachtclub-Sängerin Dorothy Vallens mit samtener Stimme den titelgebenden Song "Blue Velvet" ins Mikrofon und ließ ihren Partner Kyle MacLachlan mit gezücktem Messer schwerste Kastrationsängste durchleben.
David Lynch erliegt in "Wild at Heart" dem Reiz des Perversen. In den Dingen, die andere Menschen abstoßen, entdeckt er die Schönheit. Die Obsessionen unter der Oberfläche, die geheimen Wünsche und Vorstellungen sind es, die den Kultfilmer interessieren. Wie sehr ihn Sex und Gewalt dabei faszinieren, versucht Lynch erst gar nicht zu verbergen. Vom klassischen 'exploitation'-Kino sind seine Filme dennoch weit entfernt. Explizite bzw. latente Grausamkeit sind für ihn einfach natürliche Bestandteile unserer Welt. "Es gibt kein Paradies ohne Hölle. Und wenn man sich zwischen beiden Seiten entscheiden kann, ist die Hölle nicht mal die schlechteste Wahl", erklärt der Regisseur, den manche Kritiker wegen seines Blicks auf den american way of life eine Psychopathen-Version von Norman Rockwell bezeichnen. Die Gewalt ist einfach allgegenwärtig. Makabre Verkehrsunfälle säumen Lulas und Sailors Reiseroute. Aus dem Autoradio tönen Schreckensnachrichten am laufenden Band. Viele der "Wild at Heart"-Protagonisten sterben einen blutigen Tod. Nur nach außen hin verfolgt Lynch mit seinem Film einer herkömmlichen Kinodramaturgie. Tatsächlich aber zieht er Elemente und fremdartig stilisierte Bilder aus allen Genres und fügt sie zu tabubrechenden Puzzles zusammen, die auf den Betrachter ebenso fremdartig wie verstörend, erotisch wie brutal wirken.
Mit der Kamera in tiefste Seelenschluchten einzutauchen und dabei Dinge sichtbar zu machen, die bloßen Auge verborgen bleiben, war schon immer Lynchs Vorliebe. Auch wenn die Anfänge im Filmgeschäft eher bescheiden ausfielen: "Auf der Kunstschule, die ich besuchte, verpflichtete mich sogar ein Millionär, für ihn eine vierminütige Filmskulptur zu drehen. Doch die Second-Hand-Kamera, die ich mir zu diesem Zweck gekauft hatte, war leider defekt. Am Ende waren alle Aufnahmen verschwommen und unbrauchbar." Makaber-morbide Details wurden zum bestimmenden Stilelement in seinen Filmen "Eraserhead" (1978), "Der Elefantenmensch" (1980), "Der Wüstenplanet" (1984), "Blue Velvet" (1986) und nun "Wild at Heart". Kein Wunder bei einem Regisseur, der als junger Mann mit Begeisterung neben dem Leichenschauhaus wohnte und heute sein Haus mit Schwarz- Weißfotos von ausgebreiteten Tierinnereien dekoriert. Über seine Motivation läßt David Lynch keine Zweifel aufkommen: "Ich will die Zuschauer mit einer für sie unerreichbaren Welt konfrontieren. Gib ihnen Bilder, die sie nirgendwo anders bekommen. Gib ihnen Reisen in ihr tiefstes Inneres. Das ist mein eigentliches Ziel." ch
| Scherengeklapper:
Phantasie kontra Zensur |
||
![]() |
![]() |
Die
Hand ist weg - und die Szene wohl auch! "Wild at Heart"
provoziert nicht nur Feingeister. |
| Wenn "Wild at Heart" bei uns im Kino anläuft, wird die Erregung einiger Kritiker, die sich über die ungeheure Gewalttätigkeit der Bilder empörten, nur mehr schwer nachvollziehbar sein. Es sthet zu befürchten, daß der Film, nachdem er den Schneideraum verlassen hat, um einiges weniger provokant daherkommt, als sich der Regisseur das gewünscht hätte. Nicht zum ersten Mal erregt David Lynch die Gemüter. Auch bei "Eraserhead", "Der Wüstenplanet" und "Blue Velvet" bekam er Ärger mit den Tugendwächtern. Eine Zensur findet (nur dann) nicht statt, wenn es sich bei einem Film, Buch usw. zweifelsfrei um ein Kunstwerk handelt. Ob Kunst oder nicht Kunst, das entscheidet letztendlich der Staatsanwalt. Selbst ein mit der Goldenen Palme prämierter Film sieht sich dann dem Verdacht der Gewaltverherrlichung ausgesetzt. Während sich also die Menschen die Köpfe einschlagen, bleibt das Kino gewaltfrei! | ||