Weltwoche, Ausgabe 11/02

Kultur


"Ideen sind wie Fischschwärme"


Von Beatrice Schlag

Warum er seit 28 Jahren transzendental meditiert. Was seine Bademäntel so scharf macht. Und wie er vermeidet, ein Zombie zu werden. Exklusiv-Begegnung mit David Lynch in Hollywood

 Weltwoche: Herr Lynch, die meisten Zuschauer, Kritiker inklusive, kommen völlig ratlos aus Ihrem neuen Film. Gleichzeitig wird "Mulholland Drive" mit Lob überschüttet. Macht Sie das vergnügt?

David Lynch: Nein, das ist ein Problem. Manche Filme sind abstrakter als andere, es kommt darauf an, wie man eine Geschichte erzählt. Abstraktion löst beim Zuschauer Intuition aus, und damit arbeitet er dann. Das tut er im Alltag ständig, manchmal eben auch im Kino. Diese Intuition gibt ihm ein inneres Wissen. Aber dieses innere Wissen sitzt manchmal so tief unten, dass man seinen Freunden nicht erzählen kann, was man weiss. Wenn man es in Worte kleidet, geht zu viel verloren, genauso, wie wenn man einen Traum erzählt.

Sie haben sich immer geweigert, zu Ihren Filmen irgendwelche Interpretationshilfen zu geben.

Wenn ein Autor einen Roman veröffentlicht, ist er in seinen Augen vollendet. Und manchmal ist der Autor auch schon tot. Man muss sich also selber einen Reim drauf machen. Mit einem Film ist es dasselbe. Man sollte nichts in einer anderen Sprache hinzufügen. Der Film ist hier die Sprache, nicht die Wörter.

Die Kritiker klammern sich in den Beschreibungen von "Mulholland Dr." an das Wort Traum wie an eine Krücke, um Irrationales zu erklären.

Wie das Leben ist auch der Film eine Kombination von vielem. Sie gehen zu Ihrer Kaffeemaschine, und plötzlich spüren sie etwas, das Ihnen die Nackenhaare aufstellt. Sie drehen sich um und sehen draussen jemanden stehen. Fertig. Ich meine damit, dass wir mehr sehen als die Oberfläche. Und Film hat dafür eine wunderbare Sprache, wenn die Geschichte nach dieser Sprache verlangt und man der Geschichte treu bleibt. An diesem Punkt arbeitet man, oder ich zumindest, mit Intuition. Träume können mit hineinspielen, aber sie sind nur ein Element von sehr vielen.

Warum wollen Zuschauer Filme so dringend mit dem Kopf verstehen? Andere Kunstformen wie Musik müssen diesem intellektuellen Anspruch in viel geringerem Mass genügen.

Der Gedanke ist interessant, weil gerade Musik sehr ähnlich aufgebaut ist wie Film. Und wie beim Film kann man niemandem wirklich erzählen, wie Musik ist. Es gibt immer noch genug, worüber man nachdenken kann, wenn man analysieren will, Rhythmus, Tonalität, Struktur. Aber irgendwann trägt es einen einfach weg. Im Kino reagieren manche Leute darauf frustriert und zornig.

Als die New Yorker Filmkritiker "Mulholland Dr." im Dezember zum Film des Jahres wählten, verhöhnte die Los Angeles Times den Entscheid als intellektuelle Arroganz: "Wenn man es nicht versteht, muss es brillant sein."

Jede Reaktion ist so sehr Teil des Zuschauers, dass sie gutgeheissen werden muss. Wenn ein Film fertig ist, gibt es keine Kontrolle mehr. Man hofft, dass die Dinge, die man fühlte und in die man sich verliebte, auf andere ebenso wirken. Aber manche Leute sind einfach nicht in Stimmung und werden wütend. Für andere ist es genau die Medizin, auf die sie gewartet haben.

Für die meisten amerikanischen Kritiker schien "Mulholland Dr." die richtige Medizin. Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen dem oft beschriebenen Gefühl von Unsicherheit in den USA seit dem 11. September und der Offenheit für einen Film, in dem nichts eindeutig und nichts heil ist?

Das Timing eines Filmstarts spielt eine grosse Rolle für den Erfolg. Wenn ein Film zur falschen Zeit herauskommt, wird er völlig anders aufgenommen als möglicherweise zwei Jahre später. Aber "Mulholland Dr." kam zu früh, um etwas über die Auswirkungen des 11. September zu sagen. Vier Monate sind nicht genug.

Wissen Sie, wenn Sie einen Film fertig haben, wie die Reaktionen sein werden?

Nein. Man verfolgt eine Idee, beginnt zu arbeiten und ist vielleicht eineinhalb Jahre später fertig. Und dann sieht die Welt sehr anders aus. Es ist ein Glücksspiel. Aber das Wichtige für mich ist, mich in eine Idee zu verlieben und sie umzusetzen. Wenn man damit glücklich ist, ist es nicht wirklich wichtig, was danach geschieht. Manchmal kommt der Erfolg nicht, aber das ändert nichts an der glücklichen Erfahrung.

Ist Ihnen auch das Gegenteil passiert: Eine schlechte Erfahrung mit einem Film, der hinterher ein Erfolg wurde?

"Dune" war für mich eine schreckliche Erfahrung. Und manche Leute hatten den Film wirklich gern. Ich denke, sie hätten ihn noch lieber gehabt, wenn ich nicht meine Rechte auf den Final Cut vergeben hätte. Oder vielleicht nicht. Aber es stört mich irgendwie, dass jemand den Film mag, weil ich das Gefühl habe, versagt zu haben.

Nur wenige Namen von Regisseuren verstehen sich von selbst. Wir sagen von einem Anblick oder einem Ereignis, es sei der reine Fellini, Hitchcock oder Lynch. Warum sagen wir nicht Godard oder Wilder?

Das müsste jemand anderer beantworten, weil es sich auf Dinge bezieht, die jemand beim Anblick dieser
Filme fühlt, ohne sie in Worte kleiden zu können. Der Name steht für die Abstraktion, mehr braucht es nicht.

Freut Sie das?

Das ist ausserhalb meiner Kontrolle und deswegen eine gefährliche Sache. Die Amerikaner sagen: Schau auf den Doughnut, nicht auf das Loch. Ich muss versuchen, meine Arbeit zu lieben und meinen Ideen treu zu sein. Das ist meine Rettung, das trägt mich durch den Tag. Der Rest ist das Loch im Doughnut, darin kann man sich schnell verlieren.

Wie entstehen Ideen zu einem Film?

Ich mache seit 28 Jahren transzendentale Meditation, morgens und abends, ich habe nicht eine einzige ausgelassen. Ich könnte darüber stundenlang reden. Kurz gesagt geht es darum, dass Menschen meist an der Oberfläche leben und das Glück ausserhalb von sich suchen. Wir gehen davon aus, dass das Glück in uns ist, und diese Meditation nimmt dich mit nach innen an die Quelle. Man sieht Dinge in grösserem Rahmen, kann Ideen besser auf den Grund gehen und kommt zu einem gewissen inneren Frieden. Man wird kein Zombie, aber was einen verletzt, verletzt nicht mehr so sehr. Und die Ideen werden, wie gesagt, grösser.

"Mulholland Dr." entstand aus einer Pilotsendung für eine ABC-Fernsehserie.

Die Idee gab es seit 1995, aber erst 1998 kam die Anfrage von ABC, für die ich schon "Twin Peaks" gemacht hatte. Ich freute mich auf eine lange Geschichte, von der ich nicht wusste, wohin sie führen würde.

Für Europäer ist Mulholland Drive eine Panoramastrasse durch die Hügel von Los Angeles, die in jedem Reiseführer steht. Ihr Haus steht keine drei Minuten davon entfernt in den Hollywood Hills. Was sagt Ihnen die Strasse?

Vieles. Auf der einen Seite der Strasse haben Sie Los Angeles und in der Ferne den Ozean, auf der andern Seite San Fernando Valley. Die Aussicht ist am Tag und in der Nacht wunderschön, aber die Strasse ist alt, schmal, kurvig und verlassen. Sie hat viele Geheimnisse, macht ein wenig Angst und ist gut für seltsame Liebesgeschichten.

ABC lehnte den Pilotfilm ab.

Ich musste mich sehr beeilen, weil ich gleichzeitig "The Straight Story" drehte, und mein Pilotfilm war nicht gut. ABC lehnte ab. Ich bin darüber nicht glücklich, aber offenbar sollte "Mulholland Dr." etwas anderes werden.

Nach der Absage von ABC bot Ihnen die französische Canal Plus an, einen Spielfim zu finanzieren, der auf dem ABC-Pilotfilm basierte.

Ich hatte ein ganzes Jahr Zeit für das Projekt, weil die Abklärung der Rechte sich hinzog. Und am Ende des Jahres hatte ich noch immer keine Idee. Es war fürchterlich. Man kann Ideen nicht herbeizwingen. Dann kommt die Angst, und die blockiert Ideen erst recht. Meditation hilft etwas, aber es war traumatisch.

Was machen Sie, wenn Ihnen nichts einfällt?

Ideen sind wie Fischschwärme. Kleine Fische, grosse Fische, Lachse, Flundern, Sardinen, alle Farben. Eine Idee will ein Stuhl werden, man sieht den Stuhl, man arbeitet daran. Oder man hat eine Idee für ein Foto. Eine Filmidee ist eine grosse Idee, in die man sich verliebt. Aber dazwischen gibt es viele andere, und eins führt zum andern. Ich habe zum Beispiel kaum je das gemalt, was ich im Kopf hatte, als ich vor die Leinwand trat. Die Idee war nur dazu da, mich dort hinzubringen. Was dann entstand, war ein Prozess, ein Experiment.

Wie erklären Sie Schauspielern Rollen wie in "Mulholland Dr.", wo manche Figuren von zwei oder drei Personen gespielt werden?

Am Anfang bin ich allein mit der Idee, in die ich mich verliebt habe. Dann kommen plötzlich all diese Leute, die mit mir auf die Reise gehen. Also ist es unerlässlich, dass sie so gut wie möglich auf meine Idee eingestimmt werden. Sie haben das Skript gelesen, aber nun geht es um sehr spezifische Einzelszenen. Wir reden, wir proben, reden wieder, proben wieder. Dann bringen die Kostümleute erste Kleidungsstücke. Und ganz langsam kann man sehen, wie es kommt, wie die Idee sie packt.

Fellini, mit dem Sie oft verglichen werden, änderte Skript und Dialoge sehr häufig während des Drehens. Sie auch?

Nein. Meine Dialoge bleiben, es sei denn, irgendetwas klingt nicht richtig. Aber der überwiegende Teil bleibt wie im Drehbuch geschrieben, denn das Geschriebene gibt die Idee wieder, der man treu bleiben will.

Obwohl vermutlich viele grosse Stars für einen Bruchteil ihrer sonstigen Gagen mit Ihnen arbeiten würden, haben Sie die Hauptrollen von "Mulholland Dr." mit zwei bisher unbekannten Darstellerinnen besetzt, der Australierin Naomi Watts und der Amerikanerin Laura Elena Harring.

Da ursprünglich eine Fernsehserie geplant war, hatte ich Leute gesucht, die sehr lange dabeibleiben konnten. Ausserdem glaube ich nicht, dass grosse Stars so kleine Gagen akzeptieren würden, wie meine Budgets erlauben. Aber es gibt auch einen andern Grund. Man geht mit jedem Film in eine neue Welt. Und dann sieht man plötzlich Harrison Ford vor sich. Er bringt so viel von seiner und unserer Vergangenheit mit, dass er erst nach etwa einer Viertelstunde in der Geschichte aufgeht. Bei unbekannten Gesichtern ist es, als lehne sich der Zuschauer etwas vor, weil er neugierig ist.

Man lehnt sich nicht nur nach Gesichtern vor. Jeder Lampenschirm, jeder Bettbezug, jede Nagellackfarbe scheint von Bedeutung.

Gott sitzt im Detail. Es muss nicht realistisch sein, aber ausgefeilt. Achten Sie einmal darauf, wie viele Sets aussehen, als seien sie nicht fertig geworden. Sie wirken nicht echt, sie sprechen niemanden an. Damit sich etwas richtig anfühlt, muss man an jeder Einzelheit arbeiten. Ein einziges falsches Element kann die ganze Stimmung zunichte machen.

Haben Sie eine Vorliebe für Bademäntel?

Bademäntel?

In Ihren Filmen wimmelt es von Bademänteln.

Ich habe tatsächlich gern Bademäntel. Sie sind ein guter Indikator für die Person, die sie trägt. Schon in meinem ersten Film, "Eraserhead", trug Henry, die Hauptfigur, oft einen Bademantel. Bademäntel sind gemütlich, lässig, sie sind eine Art Kokon für innere Gemütlichkeit. Oft sehen sie auch sehr scharf aus.

Nach dem Welterfolg von "Blue Velvet" und der Fernsehserie "Twin Peaks" waren Sie als Filmemacher jahrelang wenig erfolgreich. Jetzt gibt es kaum einen Filmpreis, für den "Mulholland Dr." nicht nominiert wird.

Es ist interessant, über Erfolg und Misserfolg nachzudenken. Aber man sollte ein Gleichgewicht erreichen, das unabhängig davon ist, weil beide Probleme mit sich bringen.

Was sind Ihre Probleme mit Erfolg?

Misserfolg heisst, dass man deine Arbeit nicht schätzt. Das ist ein ziemlich übler Schlag. Gleichzeitig kann es danach nur aufwärts gehen. Das macht merkwürdig glücklich, weil man das nächste Projekt mit sehr freien Gefühlen angeht. Man hat ja den Versagerstempel bereits aufgedrückt bekommen. Erfolg heisst Wertschätzung, aber man hat jetzt eine Bringschuld. Mit Arbeit hat Erfolg nichts zu tun, nur mit richtigem Timing und schönem Wetter statt Wolken.

Ihre Schlechtwetterperiode dauerte fast ein Jahrzehnt.

Ja, und die Wolken waren sehr dunkel. Was immer ich anfing, klappte nicht, und ich wusste es. Das Wichtigste ist, dass man dann nicht an seiner Arbeit zu zweifeln beginnt.

Gehen Sie ins Kino?

Nicht oft, und dann sehe ich meist alte Filme, Fellini am allerliebsten, Wilder, Jacques Tati, Bergman, Hitchcock, Kubrick. Was ich wunderbar finde, ist das Wissen, wie viele Leute da draussen sind, die beim Film arbeiten, den Film lieben - verwandte Seelen, jeder mit einer eigenen Stimme, die frei singen kann. Ich bin kategorisch gegen jede Einmischung, die Filmemacher am freien Singen hindert.

Sie sagten kürzlich, wenn Sie neue Filme sehen, machten Sie sich meistens Sorgen um den Regisseur.

Wenn ich mich im Kino hinsetze, zittere ich automatisch mit. Ich kann nichts dagegen tun. Ich weiss, was es heisst, einen Film vorzustellen.

Die meisten Regisseure können nicht so unabhängig arbeiten wie Sie.

Jeder kann so arbeiten. Aber jeder hat andere Wünsche, und es gibt viele verführerische Dinge. Aber wenn die Arbeit und die Treue zu den eigenen Ideen das Wichtigste sind, braucht man die Freiheit, ihnen zu folgen. Wenn man nur die Hälfte der Ideen verwirklichen kann, hilft alles Geld nicht, das man bekommt. Denn man weiss, dass die Idee kaputt ist. Und dass man erlaubt hat, dass sie kaputtgemacht wurde.

Haben Sie nie mit Rücksicht auf das Publikum Kompromisse gemacht?

Manchmal kann man vom Publikum lernen. Testvorführungen sind sehr schmerzhaft, aber man muss die Reaktionen berücksichtigen. Das sind keine Kompromisse, sondern Hinweise, dass man sich irgendwo verloren hat. Dann ändert man Dinge. In "Wild at Heart" gab es eine sehr gewalttätige Szene, bei der die Leute in Scharen den Saal verliessen. Ich hatte das nicht gewollt, also änderte ich es. Etwas anderes wäre es gewesen, etwas wegzulassen, woran ich glaube, das aber nicht verstanden wurde. Gute Ideen verändert man nicht.