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Kultur
"Ideen sind wie Fischschwärme"
Von Beatrice Schlag
Warum er seit 28 Jahren transzendental meditiert. Was seine Bademäntel
so scharf macht. Und wie er vermeidet, ein Zombie zu werden.
Exklusiv-Begegnung mit David Lynch in Hollywood
Weltwoche: Herr Lynch, die meisten Zuschauer, Kritiker
inklusive, kommen völlig ratlos aus Ihrem neuen Film. Gleichzeitig wird
"Mulholland Drive" mit Lob überschüttet. Macht Sie das vergnügt?
David Lynch: Nein, das ist ein Problem. Manche Filme sind abstrakter als
andere, es kommt darauf an, wie man eine Geschichte erzählt.
Abstraktion löst beim Zuschauer Intuition aus, und damit arbeitet er
dann. Das tut er im Alltag ständig, manchmal eben auch im Kino. Diese
Intuition gibt ihm ein inneres Wissen. Aber dieses innere Wissen sitzt
manchmal so tief unten, dass man seinen Freunden nicht erzählen kann,
was man weiss. Wenn man es in Worte kleidet, geht zu viel verloren,
genauso, wie wenn man einen Traum erzählt.
Sie haben sich immer geweigert, zu Ihren Filmen irgendwelche
Interpretationshilfen zu geben.
Wenn ein Autor einen Roman veröffentlicht, ist er in seinen Augen
vollendet. Und manchmal ist der Autor auch schon tot. Man muss sich also
selber einen Reim drauf machen. Mit einem Film ist es dasselbe. Man
sollte nichts in einer anderen Sprache hinzufügen. Der Film ist hier
die Sprache, nicht die Wörter.
Die Kritiker klammern sich in den Beschreibungen von "Mulholland
Dr." an das Wort Traum wie an eine Krücke, um Irrationales zu erklären.
Wie das Leben ist auch der Film eine Kombination von vielem. Sie gehen
zu Ihrer Kaffeemaschine, und plötzlich spüren sie etwas, das Ihnen die
Nackenhaare aufstellt. Sie drehen sich um und sehen draussen jemanden
stehen. Fertig. Ich meine damit, dass wir mehr sehen als die Oberfläche.
Und Film hat dafür eine wunderbare Sprache, wenn die Geschichte nach
dieser Sprache verlangt und man der Geschichte treu bleibt. An diesem
Punkt arbeitet man, oder ich zumindest, mit Intuition. Träume können
mit hineinspielen, aber sie sind nur ein Element von sehr vielen.
Warum wollen Zuschauer Filme so dringend mit dem Kopf verstehen?
Andere Kunstformen wie Musik müssen diesem intellektuellen Anspruch in
viel geringerem Mass genügen.
Der Gedanke ist interessant, weil gerade Musik sehr ähnlich aufgebaut
ist wie Film. Und wie beim Film kann man niemandem wirklich erzählen,
wie Musik ist. Es gibt immer noch genug, worüber man nachdenken kann,
wenn man analysieren will, Rhythmus, Tonalität, Struktur. Aber
irgendwann trägt es einen einfach weg. Im Kino reagieren manche Leute
darauf frustriert und zornig.
Als die New Yorker Filmkritiker "Mulholland Dr." im
Dezember zum Film des Jahres wählten, verhöhnte die Los Angeles Times
den Entscheid als intellektuelle Arroganz: "Wenn man es nicht
versteht, muss es brillant sein."
Jede Reaktion ist so sehr Teil des Zuschauers, dass sie gutgeheissen
werden muss. Wenn ein Film fertig ist, gibt es keine Kontrolle mehr. Man
hofft, dass die Dinge, die man fühlte und in die man sich verliebte,
auf andere ebenso wirken. Aber manche Leute sind einfach nicht in
Stimmung und werden wütend. Für andere ist es genau die Medizin, auf
die sie gewartet haben.
Für die meisten amerikanischen Kritiker schien "Mulholland
Dr." die richtige Medizin. Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen
dem oft beschriebenen Gefühl von Unsicherheit in den USA seit dem 11.
September und der Offenheit für einen Film, in dem nichts eindeutig und
nichts heil ist?
Das Timing eines Filmstarts spielt eine grosse Rolle für den Erfolg.
Wenn ein Film zur falschen Zeit herauskommt, wird er völlig anders
aufgenommen als möglicherweise zwei Jahre später. Aber "Mulholland
Dr." kam zu früh, um etwas über die Auswirkungen des 11.
September zu sagen. Vier Monate sind nicht genug.
Wissen Sie, wenn Sie einen Film fertig haben, wie die Reaktionen
sein werden?
Nein. Man verfolgt eine Idee, beginnt zu arbeiten und ist vielleicht
eineinhalb Jahre später fertig. Und dann sieht die Welt sehr anders
aus. Es ist ein Glücksspiel. Aber das Wichtige für mich ist, mich in
eine Idee zu verlieben und sie umzusetzen. Wenn man damit glücklich
ist, ist es nicht wirklich wichtig, was danach geschieht. Manchmal kommt
der Erfolg nicht, aber das ändert nichts an der glücklichen Erfahrung.
Ist Ihnen auch das Gegenteil passiert: Eine schlechte Erfahrung
mit einem Film, der hinterher ein Erfolg wurde?
"Dune" war für mich eine schreckliche Erfahrung. Und manche
Leute hatten den Film wirklich gern. Ich denke, sie hätten ihn noch
lieber gehabt, wenn ich nicht meine Rechte auf den Final Cut vergeben hätte.
Oder vielleicht nicht. Aber es stört mich irgendwie, dass jemand den
Film mag, weil ich das Gefühl habe, versagt zu haben.
Nur wenige Namen von Regisseuren verstehen sich von selbst. Wir
sagen von einem Anblick oder einem Ereignis, es sei der reine Fellini,
Hitchcock oder Lynch. Warum sagen wir nicht Godard oder Wilder?
Das müsste jemand anderer beantworten, weil es sich auf Dinge bezieht,
die jemand beim Anblick dieser
Filme fühlt, ohne sie in Worte kleiden zu können. Der Name steht für
die Abstraktion, mehr braucht es nicht.
Freut Sie das?
Das ist ausserhalb meiner Kontrolle und deswegen eine gefährliche
Sache. Die Amerikaner sagen: Schau auf den Doughnut, nicht auf das Loch.
Ich muss versuchen, meine Arbeit zu lieben und meinen Ideen treu zu
sein. Das ist meine Rettung, das trägt mich durch den Tag. Der Rest ist
das Loch im Doughnut, darin kann man sich schnell verlieren.
Wie entstehen Ideen zu einem Film?
Ich mache seit 28 Jahren transzendentale Meditation, morgens und abends,
ich habe nicht eine einzige ausgelassen. Ich könnte darüber
stundenlang reden. Kurz gesagt geht es darum, dass Menschen meist an der
Oberfläche leben und das Glück ausserhalb von sich suchen. Wir gehen
davon aus, dass das Glück in uns ist, und diese Meditation nimmt dich
mit nach innen an die Quelle. Man sieht Dinge in grösserem Rahmen, kann
Ideen besser auf den Grund gehen und kommt zu einem gewissen inneren
Frieden. Man wird kein Zombie, aber was einen verletzt, verletzt nicht
mehr so sehr. Und die Ideen werden, wie gesagt, grösser.
"Mulholland Dr." entstand aus einer Pilotsendung für
eine ABC-Fernsehserie.
Die Idee gab es seit 1995, aber erst 1998 kam die Anfrage von ABC, für
die ich schon "Twin Peaks" gemacht hatte. Ich freute mich auf
eine lange Geschichte, von der ich nicht wusste, wohin sie führen würde.
Für Europäer ist Mulholland Drive eine Panoramastrasse durch
die Hügel von Los Angeles, die in jedem Reiseführer steht. Ihr Haus
steht keine drei Minuten davon entfernt in den Hollywood Hills. Was sagt
Ihnen die Strasse?
Vieles. Auf der einen Seite der Strasse haben Sie Los Angeles und in der
Ferne den Ozean, auf der andern Seite San Fernando Valley. Die Aussicht
ist am Tag und in der Nacht wunderschön, aber die Strasse ist alt,
schmal, kurvig und verlassen. Sie hat viele Geheimnisse, macht ein wenig
Angst und ist gut für seltsame Liebesgeschichten.
ABC lehnte den Pilotfilm ab.
Ich musste mich sehr beeilen, weil ich gleichzeitig "The Straight
Story" drehte, und mein Pilotfilm war nicht gut. ABC lehnte ab. Ich
bin darüber nicht glücklich, aber offenbar sollte "Mulholland
Dr." etwas anderes werden.
Nach der Absage von ABC bot Ihnen die französische Canal Plus
an, einen Spielfim zu finanzieren, der auf dem ABC-Pilotfilm basierte.
Ich hatte ein ganzes Jahr Zeit für das Projekt, weil die Abklärung der
Rechte sich hinzog. Und am Ende des Jahres hatte ich noch immer keine
Idee. Es war fürchterlich. Man kann Ideen nicht herbeizwingen. Dann
kommt die Angst, und die blockiert Ideen erst recht. Meditation hilft
etwas, aber es war traumatisch.
Was machen Sie, wenn Ihnen nichts einfällt?
Ideen sind wie Fischschwärme. Kleine Fische, grosse Fische, Lachse,
Flundern, Sardinen, alle Farben. Eine Idee will ein Stuhl werden, man
sieht den Stuhl, man arbeitet daran. Oder man hat eine Idee für ein
Foto. Eine Filmidee ist eine grosse Idee, in die man sich verliebt. Aber
dazwischen gibt es viele andere, und eins führt zum andern. Ich habe
zum Beispiel kaum je das gemalt, was ich im Kopf hatte, als ich vor die
Leinwand trat. Die Idee war nur dazu da, mich dort hinzubringen. Was
dann entstand, war ein Prozess, ein Experiment.
Wie erklären Sie Schauspielern Rollen wie in "Mulholland
Dr.", wo manche Figuren von zwei oder drei Personen gespielt
werden?
Am Anfang bin ich allein mit der Idee, in die ich mich verliebt habe.
Dann kommen plötzlich all diese Leute, die mit mir auf die Reise gehen.
Also ist es unerlässlich, dass sie so gut wie möglich auf meine Idee
eingestimmt werden. Sie haben das Skript gelesen, aber nun geht es um
sehr spezifische Einzelszenen. Wir reden, wir proben, reden wieder,
proben wieder. Dann bringen die Kostümleute erste Kleidungsstücke. Und
ganz langsam kann man sehen, wie es kommt, wie die Idee sie packt.
Fellini, mit dem Sie oft verglichen werden, änderte Skript und
Dialoge sehr häufig während des Drehens. Sie auch?
Nein. Meine Dialoge bleiben, es sei denn, irgendetwas klingt nicht
richtig. Aber der überwiegende Teil bleibt wie im Drehbuch geschrieben,
denn das Geschriebene gibt die Idee wieder, der man treu bleiben will.
Obwohl vermutlich viele grosse Stars für einen Bruchteil ihrer
sonstigen Gagen mit Ihnen arbeiten würden, haben Sie die Hauptrollen
von "Mulholland Dr." mit zwei bisher unbekannten
Darstellerinnen besetzt, der Australierin Naomi Watts und der
Amerikanerin Laura Elena Harring.
Da ursprünglich eine Fernsehserie geplant war, hatte ich Leute gesucht,
die sehr lange dabeibleiben konnten. Ausserdem glaube ich nicht, dass
grosse Stars so kleine Gagen akzeptieren würden, wie meine Budgets
erlauben. Aber es gibt auch einen andern Grund. Man geht mit jedem Film
in eine neue Welt. Und dann sieht man plötzlich Harrison Ford vor sich.
Er bringt so viel von seiner und unserer Vergangenheit mit, dass er erst
nach etwa einer Viertelstunde in der Geschichte aufgeht. Bei unbekannten
Gesichtern ist es, als lehne sich der Zuschauer etwas vor, weil er
neugierig ist.
Man lehnt sich nicht nur nach Gesichtern vor. Jeder
Lampenschirm, jeder Bettbezug, jede Nagellackfarbe scheint von
Bedeutung.
Gott sitzt im Detail. Es muss nicht realistisch sein, aber ausgefeilt.
Achten Sie einmal darauf, wie viele Sets aussehen, als seien sie nicht
fertig geworden. Sie wirken nicht echt, sie sprechen niemanden an. Damit
sich etwas richtig anfühlt, muss man an jeder Einzelheit arbeiten. Ein
einziges falsches Element kann die ganze Stimmung zunichte machen.
Haben Sie eine Vorliebe für Bademäntel?
Bademäntel?
In Ihren Filmen wimmelt es von Bademänteln.
Ich habe tatsächlich gern Bademäntel. Sie sind ein guter Indikator für
die Person, die sie trägt. Schon in meinem ersten Film, "Eraserhead",
trug Henry, die Hauptfigur, oft einen Bademantel. Bademäntel sind gemütlich,
lässig, sie sind eine Art Kokon für innere Gemütlichkeit. Oft sehen
sie auch sehr scharf aus.
Nach dem Welterfolg von "Blue Velvet" und der
Fernsehserie "Twin Peaks" waren Sie als Filmemacher jahrelang
wenig erfolgreich. Jetzt gibt es kaum einen Filmpreis, für den "Mulholland
Dr." nicht nominiert wird.
Es ist interessant, über Erfolg und Misserfolg nachzudenken. Aber man
sollte ein Gleichgewicht erreichen, das unabhängig davon ist, weil
beide Probleme mit sich bringen.
Was sind Ihre Probleme mit Erfolg?
Misserfolg heisst, dass man deine Arbeit nicht schätzt. Das ist ein
ziemlich übler Schlag. Gleichzeitig kann es danach nur aufwärts gehen.
Das macht merkwürdig glücklich, weil man das nächste Projekt mit sehr
freien Gefühlen angeht. Man hat ja den Versagerstempel bereits aufgedrückt
bekommen. Erfolg heisst Wertschätzung, aber man hat jetzt eine
Bringschuld. Mit Arbeit hat Erfolg nichts zu tun, nur mit richtigem
Timing und schönem Wetter statt Wolken.
Ihre Schlechtwetterperiode dauerte fast ein Jahrzehnt.
Ja, und die Wolken waren sehr dunkel. Was immer ich anfing, klappte
nicht, und ich wusste es. Das Wichtigste ist, dass man dann nicht an
seiner Arbeit zu zweifeln beginnt.
Gehen Sie ins Kino?
Nicht oft, und dann sehe ich meist alte Filme, Fellini am allerliebsten,
Wilder, Jacques Tati, Bergman, Hitchcock, Kubrick. Was ich wunderbar
finde, ist das Wissen, wie viele Leute da draussen sind, die beim Film
arbeiten, den Film lieben - verwandte Seelen, jeder mit einer eigenen
Stimme, die frei singen kann. Ich bin kategorisch gegen jede
Einmischung, die Filmemacher am freien Singen hindert.
Sie sagten kürzlich, wenn Sie neue Filme sehen, machten Sie
sich meistens Sorgen um den Regisseur.
Wenn ich mich im Kino hinsetze, zittere ich automatisch mit. Ich kann
nichts dagegen tun. Ich weiss, was es heisst, einen Film vorzustellen.
Die meisten Regisseure können nicht so unabhängig arbeiten wie
Sie.
Jeder kann so arbeiten. Aber jeder hat andere Wünsche, und es gibt
viele verführerische Dinge. Aber wenn die Arbeit und die Treue zu den
eigenen Ideen das Wichtigste sind, braucht man die Freiheit, ihnen zu
folgen. Wenn man nur die Hälfte der Ideen verwirklichen kann, hilft
alles Geld nicht, das man bekommt. Denn man weiss, dass die Idee kaputt
ist. Und dass man erlaubt hat, dass sie kaputtgemacht wurde.
Haben Sie nie mit Rücksicht auf das Publikum Kompromisse
gemacht?
Manchmal kann man vom Publikum lernen. Testvorführungen sind sehr
schmerzhaft, aber man muss die Reaktionen berücksichtigen. Das sind
keine Kompromisse, sondern Hinweise, dass man sich irgendwo verloren
hat. Dann ändert man Dinge. In "Wild at Heart" gab es eine
sehr gewalttätige Szene, bei der die Leute in Scharen den Saal
verliessen. Ich hatte das nicht gewollt, also änderte ich es. Etwas
anderes wäre es gewesen, etwas wegzulassen, woran ich glaube, das aber
nicht verstanden wurde. Gute Ideen verändert man nicht.
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