Es beginnt ganz alltäglich, mit dem Zweifel eines Mannes an der Liebe seiner Frau. Bald aber lösen sich für den Jazz-Saxophonisten Fred Madison (Bill Pullman) - und für das Publikum - alle Sicherheiten der Wahrnehmung auf.
Noch einmal schafft es der Regisseur von "Eraserhead", "Blue Velvet", "Wild at Heart" und "Twin Peaks", den Zuschauer in den Sog einer fremdartigen Welt zu ziehen. Doch David Lynchs neuer Film "Lost Highway" entwickelt seine verstörende Irritation weniger aus bizarren Bildern und exaltierter Leidenschaft als vielmehr aus einer sterilen Klarheit der Szenerien und einer befremdlichen Kälte des Gefühls. Damit knüpft "Lost Highway" an das unterkühlte Klima von Cronenbergs "Crash" an: mit dem Titel, mit der rasenden Vorspann-Fahrt über einen nächtlichen Highway, aber auch mit der Präsenz chromblitzender, edler Automobile.
Den klaren Konturen der Realität zum Trotz liegt eine Unwirklichkeit über der Welt, die dieser Film entwirft. Wie Zombies bewegen sich Madison und seine Frau Renee (Patria Arquette) durch die düsteren Räume ihres Heims. Unkommentiert reihen sich die seltsamsten Ereignisse aneinander: Eines Tages findet Renee neben der Morgenzeitung einen braunen Umschlag mit einer Videokassette, auf der nur ein Schwenk über die Hausfassade zu sehen ist. Am nächsten Morgen, auf einer zweiten Kassette, bewegt sich die Kamera jedoch bereits durch das Innere des Gebäudes, bis vor das Bett mit dem darin schlafenden Ehepaar. An diesem Punkt setzt die Paranoia ein, die die Aura des Films bestimmt, eine allgegenwärtige Bedrohung, die zugleich physisch und psychisch wirkt. Im dritten Video sieht Fred sich dann selbst neben dem zerstückelten Körper seiner Frau auf dem blutigen Bett. In der Gefängniszelle, in der er nach seiner Verurteilung zum Tode sitzt, dematerialisiert er sich. Plötzlich wird der Zuschauer in eine andere Geschichte, eine andere Biographie katapultiert: Auch Pete Dayton (Balthazar Getty) hat keine Erklärung dafür, wie er in die Todeszelle gekommen ist.
Ein zweiter Film beginnt, der an vielen Punkten seltsame Korrespondenzen zum ersten aufweist, sich fast als dessen Spiegelung betrachten läßt. So taucht in der Garage, in der Pete arbeitet, eine
faszinierend geheimnisvolle Blondine auf, die der brünetten Renee ähnelt. So fließen immer wieder Traumfetzen der ersten Hälfte in die Realität der zweiten. Mal kommentieren sich die Szenen über die verschiedenen Zeitebenen und Raumsphären hinweg, dann wieder stellen sie sich gegenseitig in Frage. So wie sich die Genres in diesem Film durchdringen, so gehen auch Wahn und Wirklichkeit fließend ineinander über: "Lost Highway" ist zugleich ein Film noir und surreales Märchen, ist zugleich der Alptraum eines von Zweifeln zerfressenen Ehemannes und die pathologische Phantasie eines schizophrenen Mörders. "Lost Highway" mag zu allen erdenklichen Interpretationen führen - nur nicht zu einem Ziel auf dem Boden der Gewißheit.
ANKE STERNEBORG