Tagesspiegel; 10.4. 1997

Kann man David Lynchs Filme verstehen? Soll man sie verstehen? Oder vielleicht nur (alp-)träumen? "Lost Higway" gibt jede Menge Rätsel auf
Und niemand geht ans Telefon

Von Carla Rhode

Ein Haus wie eine Festung. Schmale Fensterschlitze, Vorgartenpflanzen mit lancettförmigen Blättern, ein in gefährlichen Spitzen auslaufender Metallzaun. Niemand darf hier eindringen, scheinen diese ersten Filmeinstellungen zu vermitteln, und: hier haben alle Hausbewohner Angst. Der Jazz-Saxophonist Fred Madison (Bill Pullmann) ist vom Zweifel besessen. Wenn er abends zu seinen Auftritten in die "Luna Lounge" fährt, ist er sich der Liebe und Treue seiner Frau Renee (Patricia Arquette) nicht sicher. Mißtrauisch ruft er nachts bei ihr an. Vergeblich. Sie ist da, als er zurückkommt. Aber ist sie es wirklich? Freds Angst setzt sich in seinen Träumen fort. Als er ihr davon erzählt, hat er plötzlich die bleiche Fratze eines Fremden (Robert Blake) vor sich. Dem Ehepaar werden Videokassetten vor die Tür gelegt. Sie zeigen den Bungalow von außen, das Wohnzimmer, den düsteren Flur und schließlich den Raum, in dem Fred und Renee schlafend im Bett liegen. Horrorbilder. Genau das, wovor Fred sich gefürchtet hat, ist passiert: jemand ist in das Haus, in die Intimsphäre eingedrungen. Die Poizei ermittelt, Beweise gibt es nicht. Die einzige Erklärung: Offenbar hat Freds Eifersuchtswahn Gestalt angenommen, offenbar ist das Videoband in seinem Hirn entstanden. Es wird noch Schlimmeres produzieren. Auf der nächsten Kassette sieht er sich selbst vor der blutbesudelte Leiche seiner Frau knien. Und Fred wird verhaftet.
Fünf Jahre lang hat David Lynch keinen Film gedreht. "Lost Highway" leitet ein fulminantes Comeback ein. Was seine Fans an "Eraserhead", "Blue Velvet" oder "Wild at Heart" so schätzten, dieses Universum aus Träumen, Alpträumen und irritierenden Metamorphosen, kehrt mit einem Paukenschlag auf die Leinwand zurück, erregender, grausiger und monströser als je zuvor. Zeigte Lynch bisher die Abgründe hinter weißumzäunten Idyllen, zu denen die Figuren freilich immer wieder zurückkehren konnten, wird diesmal die reale Welt völlig ausgespart. Der Film gleicht einer obsessiven Höllenfahrt - mitten hinein in den ganz normalen Wahnsinn, in die Angst jedes Menschen vor den eigenen Abgründen. Im Vorspann und als Zäsur zwischen den beiden Teilen des Films: die rasende Fahrt über einen Highway durch schwarzes, undurchdringliches Nichts. Nur auf den ersten Blick ist das der Beginn einer neuen Geschichte: nur auf den ersten Blick ist Pete (Balthazar Getty), den die Gefängniswärter eines Morgens in Freds Todeszelle vorfinden, eine andere Person. Vielmehr scheinen er und seine Welt aus Feuer und Blut ebenfalls eine Vision zu sein, das abgespaltene Ich des Mörders Fred. Pete wird in ein beklemmendes Kleinstadtleben entlassen, mit einem Elternpaar, das wie eingefroren auf dem Sofa vor dem Fernseher sitzt, mit einer unbedarften Freundin, die ständig Liebe einklagt und mit einem verführerischen Gangsterliebchen (wieder Patricia Arquette, diesmal mit blonder Perücke). Eine Verheißung? Der Schein trügt. Pete wird nur als Killer benutzt. Immer weiter mordend muß er, inzwischen wieder zu Fred geworden, beide Geschichten zum gemeinsamen Ende bringen. Alles paßt vorzüglich ineinander, und dennoch: folgerichtig ist nichts.

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