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Lübecker Nachrichten, 3. Januar 2002 |
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Interview mit... David Lynch
Lübecker Nachrichten: Ursprünglich war "Mulholland Drive" der Pilotfilm zu einer geplanten Fernsehserie - wie kam das Werk nun in die Kinos? David Lynch: Zunächst sagte mir der Sender, ich hätte sehr viel Zeit für diesen Film, plötzlich durfte er nur noch eine bestimmte Länge haben. Also sollte ich alles zusammenstreichen. Darüber war ich alles andere als glücklich. Erst der Chef vom französischen Studio Canal schlug vor, einen Kinofilm zu machen. Prompt hatte ich ein Problem: ich wusste ja nicht, wie ich daraus einen Film machen sollte. Eines Nachts kamen mir plötzlich die Ideen - und es wurde eine sehr interessante Nacht für mich. LN: Als Kinokünstler vom schnöden Fernseh-Boss verschmäht - wie fühlt man sich dabei? Lynch: Ich bin weder wütend noch deprimiert. So sind die Dinge eben nun einmal. Diese Fernsehleute haben ihre eigenen Probleme. Und auf gewisse Weise taten sie mir mit dieser Ablehnung ja auch einen Gefallen. Denn nun hat sich ein völlig anderes Projekt daraus entwickelt. LN: Woher kam die ursprüngliche Idee zu dem Projekt? Lynch: Die Idee kam schlicht aus den Worten "Mulholland Drive". Denn mit jedem Wort, das wir sagen, entstehen immer auch Bilder. Was mir damals einfiel, ist nun der Auftakt des Films, das Schild in der Nacht. Scheinwerfer. Und ein fahrendes Auto. Von dort aus beginnt der ganze Traum. LN: Wovon träumt ein David Lynch denn so jede Nacht? Lynch: Die Träume der Nacht sind nicht mein Thema. Es passiert überaus selten, dass ich einen nächtlichen Traum in einem Film verwende. Aber während des Tages kann man seine Gedanken schweifen lassen - und plötzlich fängt man eine Idee. Manchmal werden solche Ideen, die einen zum Träumen bringen, zu Magneten: Sie ziehen noch mehr neue Ideen einfach an. LN: Speichern Sie diese Tagträume im Kopf und warten, bis sie wieder einmal auftauchen, oder schreiben Sie die immer gleich nieder? Lynch: Man muss alles immer aufschreiben, selbst wenn es nur Fragmente sind. Jede aufregende Idee muss man sofort notieren, sonst ist sie verloren. Bisweilen vergesse ich das, dann kann ich mich nur noch daran erinnern, wie fantastisch eine Idee war, aber nicht mehr daran, woraus sie eigentlich bestand - und das macht mich wahnsinnig. LN: Haben Sie immer ein großes Notizbuch dabei? Lynch: Ich habe viele Zettel, die ich in einer Schachtel aufbewahre... LN: Und vor jedem neuen Film gibt es eine Ideenzettel-Ziehung? Lynch: Das wäre vielleicht einmal eine interessante Methode. Tatsächlich aber geht man, wenn man eine Idee hat, all diese Notizen durch und stößt dabei auf eine andere Idee, aus der sich dann etwas entwickeln läßt. Auf diesen Zetteln stehen ganz unterschiedliche Dinge. Als Minimum ein Satz. LN: Verwenden Sie bisweilen auch Ideen aus Ihren vorigen Filmen für ein neues Projekt? Lynch: Nein, das wäre ja sehr deprimierend. Als ob man Erbrochenes nochmals aufwärmen würde. Wenn man einmal eine Idee umgesetzt hat, ist sie damit auch abgeschlossen. Man muss die neuen Interpretationen zu sich sprechen lassen. Dabei mag es Harmonien zu früheren Ideen geben. Aber entscheidend bleibt die Qualität des Neuen. LN: Manche sprechen von Ihrem neuen Film als Meisterwerk, andere von des Kaisers neuen Kleidern und Manipulation... Lynch: Das Wort "Manipulation" ist völlig falsch. Ich will niemanden manipulieren, ich will nur den Ideen treu bleiben, die ich selbst aufregend finde - in der seltsamen Hoffnung, dass auch andere sie interessant finden. Gespräch: Dieter Oßwald |