| film der woche: Lost Highway |
Striche, nichts als Striche. Das Kameraauge rast über den Mittelstreifen des Highways. Aber es kann sich nicht fixieren, dafür ist es viel zu schnell und hält zu wenig die Spur. Den Betrachter ergreift flirrendes Unbehagen. Echt Lynch: Noch nicht mal die Straße ist das, was sie mal war. Da sind sie wieder die Striche. Diesmal sind es Fensterschlitze in einem äußerlich unscheinbaren Haus. Innen werfen Lampen orangefarbenes Zwielicht. Das piekfeine Interieur täuscht - nichts ist hier in Ordnung. Da ist Bill Pullman, sonst Musterknabe netter Integrität. Aber jetzt? Ein schwitzender Saxophonist namens Fred Madison mit sexueller Verspannung und hektischer Mordlust? Und sehr flüchtig. Als der Gefängniswärter Freds Zelle öffnet,
kauert da jemand anders, der nicht weiß, wie er dort hinkam. "We`ve got some spooky shit here", bemerkt der Wärter. Zu Recht. Es spukt. Spätestens seit Mrs. Madison einen Umschlag mit einer Videokassette ins Haus trug, die ein Zwerg mit gemeinem Gesicht auf den Stufen deponiert hat. Der Film läuft ab, und Regie führt der böse Bruder vom tanzenden Zwerg aus "Twin Peaks", Lynchs letztem Gruselkabinett. Er mutiert den netten Fred zum Mörder Madison. Das schwitzen ist Teil eines Auflösungsprozesses, bei dem Fred zur Fiktion und zum Nichts gerinnt. Alles wie im Film: In Freds Zelle sitz an seiner Statt plötzlich ein sexverwöhnter Arbeiter (Balthazar Getty), in etwa Freds Negativ. Dazwischen liegt ein Schnitt. Das ist der Trick des Zwerges: Er geht mit der
Wirklichkeit um wie ein Cutter mit dem Filmmaterial. Einem ungestühmen Hauptdarsteller geht Fred an die Kehle - der Zwerg reicht dazu das Messer. Nun, wir befinden uns in Kalifornien, dem Land des Films. Regisseur David Lynch ist eine Kultfigur des unabhängigen amerikanischen Kinos. Wer einmal kult ist und trotzdem nicht stirbt, dem droht mit jedem weiteren Film die Sterblichkeit. Lynch indes lebt. Und vermengt wie in "Blue Velvet" oder "Wild at Heart" Tod und Sex zu einer beunruhigenden Melange. Während aber sonst märchenhafte Elemente und Zitate doppelbödig ein tiefgeschossiges Gewölbe mehrfach geschichteter Ebenen unter die Geschichte legen, begibt sich Lynch nun auf die Treppen und Falltüren. Es geht abwärts.
Patricia Arquette, in einer Doppelrolle, zeigt unerhört viel Körper: Einmal in schwarz und ziemlich künstlich als Mrs. Madison, ein andermal als Porno-Darstellerin Alice Wakefield in provozierendem Blond auf haushohen Plateausohlen. Das Negativ als Duplikat. Wer bei Lynch Alice heißt, kann eigentlich nur der Märchenwelt entstammen. Oder der Unterwelt, Lynchs Lieblingsdomizil. Die langweilige Normalität um das Haus der Madisons läßt ihn schnell ins Innere schlüpfen, so bedrohlich es auch ist im verstärker-verzerrten Bass-Gebrummel. Orange, die feurige Farbe, weist auf ein mehrfach eingeschnittenes brennendes Haus. Der Brand ist rückwärts gefilmt, als schlucke das Haus die Energie von außen. Darin residiert der teuflische Zwerg und dreht mephistophelisch am Schicksal der Figuren und der Geschichte. Erlösung gibt es erst im Foyer. Aber vielleicht sitzt der Zwerg ja am Tresen.
Gerald Koll