Von HANNS-GEORG RODEK
Nach "Twin Peaks" mochte man glauben, auch Amerikas kühnster Kino-Avantgardist David Lynch habe mit dem konventionellen Film einen Kompromiß geschlossen. Doch nun setzt er uns "Lost Highway" vor, eine Aufkündigung cineastischer Konventionen ohnegleichen. Als solche ist sie sehenswert - mit Lynch Unvertrauten wird allerdings dringend vorheriges Konsultieren einer Gebrauchsanleitung angeraten.
1. Erwarten Sie keine lineare Geschichte mit Anfang und Ende.
Eine Weile läßt uns Lynch ja in dem Glauben. Ein Paar (gespielt von Bill Pullman und Patricia Arquette) findet jeden Morgen eine Videocassette neben der Zeitung. Die Bänder zeigen zunächst ihren Wohnbunker von außen, dann ihr Appartment von innen, schließlich die beiden nachts schlafend im Bett. Zunehmend untergräbt Lynch unser Gefühl von Raum und Zeit. Pullman und Arquette verschwinden in ihrer schallschluckenden Höhle ständig in bräunlichen Schatten. Ein Bootshaus brennt rückwärts; anfangs lodern die Flammen und Rauch, um dann wie von selbst zu ersticken. Ein "Mystery Man" steht Pullman auf einer Party gegenüber und nimmt zugleich Kilometer entfernt den Telefonhörer ab. Derselbe sinnlose Satz über eine Sprechanlage, der das Verwirrspiel begann, beendet es zwei Stunden später auch, wie ein sich in den Schwanz beißender Alptraum. Da ist etwas zutiefst in Unordnung geraten mit Raum und Zeit, wie wir sie kennen.
2. Seien Sie nicht irritiert, wenn Lynch seine Hauptpersonen abrupt aus der Geschichte reißt und als fremde Figur neu erstehen läßt.
Da sitzt Pullman wegen Mordes an Arquette in der Todeszelle - und am nächsten Morgen findet sich dort mysteriöserweise ein junger Mechaniker. Freigelassen, verliebt sich der in eine Kundin, die - bis auf die erblondete schwarze Mähne - der zerstückelten Arquette auffallend ähnelt. Um Geld für einen neuen Start zu bekommen, töten sie den reichen Andy - zuvor Begleiter der schwarzhaarigen Arquette und Ursache von Pullmans Eifersucht. Und darin, in Pullmans verwirrtem Geist, liegt der Schlüssel.
3. Haben Sie ein waches Auge auf den Gegensatz Drinnen/Draußen, den Lynch wiederholt konstruiert.
Die Videokamera filmt zunächst die Fassade von Pullmans und Arquettes Haus und dringt langsam in ihren Intimbereich vor. Die beiden scheinen beim Wandeln in ihrer Wohnung ständig mit den Wänden im Nichts zu verschmelzen. Andy wird bei einem Sturz von der Glaskante eines Tisches die Schädeldecke abrasiert: Ins Innere einer Psyche vorzudringen, immer schon hat Lynch dies versucht, noch nie konsequent und radikal wie in "Lost Highway".
4. Mobilisieren Sie Ihre Erinnerung an psychoanalytische Grundbegriffe.
Ein klarer Fall von Schizophrenie, dieser Bill Pullman, ein Mörder, der sich aus der Todeszelle hinaus in eine andere Figur hineindeliriert. Ein Fall von Ich-Abspaltung, die alles Böse in den "Mystery Man" und die unerträglichen Erinnerungen in die Videobänder auslagert.
5. Akzeptieren Sie, daß es in "Lost Highway" die Sicherheit einer plausiblen Erklärung nicht gibt.
Der gespaltene Bill Pullman, eine lehrbuchgemäße, beruhigende Erklärung für beunruhigende Bilder. Nur keine hinreichende. Wann immer sich Film in die Windungen eines verwirrten Gehirns vorwagte - von Hitchcoks "Ich kämpfe um Dich" bis Lynchs eigenem "Blue Velvet" -, stets entließ er uns in die Normalität, in die Obhut des allwissenden Psychiaters, der heilenden Familie.
Der Nachtmahr in "Lost Highway" hingegen ist permanent. Wir befinden uns vom ersten bis zum letzten Bild im Griff des Wahnsinns. Ein Aufatmen, ein Erwachen gibt es nicht mehr. Wohin kann David Lynch jetzt noch vordringen beim Verfolgen seiner Obsessionen?