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Maxim Januar 2002, p.182-183 |
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David Lynch hat Angst vor Unbekanntem - und mag Mäuse gern rasiert "Lost Highway", "Straight Story" und jetzt "Mulholland Drive - Straße der Finsternis": Sie drehen nur noch Roadmovies. Woher kommt Ihre Obsession für die Straße? Interessante Beobachtung. Das ist mir noch gar nicht aufgefallen. Meine Faszination für Straßen rührt sicher daher, dass man auf ihnen ins Unbekannte vorstoßen kann. Eine Straße zieht einen in die Ferne, ins Mysteriöse. Sind wir nicht alle Detektive, die sich von Mysterien magisch angezogen fühlen? Wir wollen den Dingen auf den Grund gehen, die Rätsel lösen. Ob im Leben oder in der Kunst - wobei für mich da die Übergänge fließend sind - will ich immer hinter die Spiegel schauen. Sie wirken wie ein Gentleman mit der Aura eines Priesters. Und machen trotzdem so schrecklich-schauerlich-schöne Filme. Ich kann leider weder mit einem Kindheitstrauma dienen, noch mit einer Horrorgeschichte, die mir tatsächlich passiert ist. Ich interessiere mich eben sehr für den Horror, der im Verborgenen seinen Ursprung hat, in scheinbar so unschuldigem und abgesichertem Terrain. Ihre Leitbilder bei diesem Trip ins Ungewisse? Für Leitbilder bin ich nicht prädestiniert. Ich bin auch kein Film-Experte. Ich gehe erst seit kurzem mit einer gewissen Regelmäßigkeit ins Kino. Klar erinnere ich mich daran, wie mich Filme von Fellini, Bergman und Kubrick bis ins Mark erschüttert haben. Aber ich bin mir nicht sicher, ob ich durch diese großen Meister beeinflußt wurde. Was macht Ihnen Angst? Das Unbekannte. Ich begebe mich zum Beispiel ungern an Plätze, bei denen ich mir vorstellen kann, dass etwas Gefährliches passieren könnte. Allein die Vorstellung löst dann den eigentlichen Horror in mir aus. Dieser Horror gilt nur für mich, und ich kann ihn niemand anderem vermitteln. Ich fühle mich total isoliert und todesängstlich. Gibt es einen Platz auf der Welt, an dem Sie sich absolut sicher fühlen? Schwer zu sagen. Es ist leider eine traurige Tatsache, dass man sich heute nicht erst in Gefahr begeben muss, um darin umzukommen. Man kann beim Zigarettenkaufen erschossen werden. Wenn Sie vor der Wahl stünden, entweder wahnsinnig oder querschnittsgelähmt zu werden... ...würde ich mich bei diesem Gedankenspiel für die physische Krankheit entscheiden, vor allem, wenn ich dann in irgendeiner Form noch arbeiten könnte. Thema Bewusstseinserweiterung: Haben Sie schon einmal Drogen genommen? Nein, nicht einmal auf der Kunstschule. Und obwohl damals in den 60ern fast alle um mich herum LSD und anderes Zeug schluckten. Was hat Sie so resistent gemacht? Freund, die an Drogen fast gestorben wären, haben mich davor sehr eindringlich gewarnt. Und irgendetwas an der Art, wie sie es sagten, hat mich davon abgehalten, Trips zu werfen. Die Versuchung war allerdings immer da. Sie sind ein sehr analytischer Mensch... Eine gewisse analytische Vorgehensweise ist mir bei meinen Versuchen, die Innen- und Außenwelt zu verbinden, sicherlich von Nutzen. Oder beim Zusammenfügen von Gegensätzen: eine grüne Sommerwiese und ein halbverrottetes Ohr wie in "Blue Velvet"... So ein abgeschnittenes Ohr kann - wie Sie wissen - mitunter wahre Abgründe auftun. Nun, "Blue Velvet" war vielleicht Mitte der 80er-Jahre schockierend. Gemessen an dem, was uns heutzutage in Talkshows serviert wird - Inzest, Pädophilie, Selbstverstümmelung, also fast jede Form menschlicher Abartigkeit - wirkt der Film doch recht harmlos. Sie knöpfen Ihr Hemd immer bis oben hin zu. Warum? Ein Schutzmechanismus. Ich habe das starke Bedürfnis, mein Schlüsselbein bedeckt zu halten. Wenn der oberste Knopf offen ist, fühle ich mich unwohl. Ich mag es sogar richtig, wenn der Kragen ganz eng am Hals anliegt. Kann man an Ihren Filmen Ihren jeweiligen Bewußtseinszustand ablesen? Nein. Mir kommt es mehr darauf an, eine ganz bestimmte Idee zu materialisieren, und nicht darauf, eine Stimmung auszudrücken, in der ich mich gerade mehr oder weniger zufällig befinde. Film also nicht als Selbsttherapie? Und auch nicht Film als Exorzismus (lacht). Natürlich würde ein Psychologe sagen, dass man gewisse Dinge macht, weil man eben einen starken Bezug zu eben diesen Dingen hat. Das ist richtig, aber für mich muss bei diesem Arbeitsprozeß auch immer etwas Neues entstehen, damit ich zufrieden bin. Ich bin ein sehr neugieriger Mensch. Isabella Rossellini, Ihre Ex-Freundin, berichtet, dass Sie in Ihrem Kühlschrank neben der Butter und dem Kopfsalat gern tote Mäuse und andere halbverweste Tierkadaver lagern. Das ist richtig. Ich sammle gelegentlich organische Strukturen, um sie vielleicht später einmal für ein Bild gebrauchen zu können. Und wo kann man solche Dinge besser aufbewahren als im Kühlschrank? Der Verfall von organischem Material hat doch etwas ungeheuer Faszinierendes. Es ist doch erstaunlich, wie viele Stadien zum Beispiel ein saftiger Apfel durchläuft, bevor er ein verschrumpeltes Stückchen Nichts ist. Ich ziehe eben den Mikrokosmos dem Makrokosmos vor. Stimmt es, dass Sie einmal eine lebendige Maus rasiert haben? Ja. Warum? Ich wollte wissen, wie sie ohne Fell ausschaut. Und ich versichere Ihnen: Sie sieht nackt sehr schön aus. Sind Sie nicht manchmal selbst geschockt, auf welche Ideen Sie kommen? (Lacht) Sehen Sie, das ist das Seltsame - es sind nicht meine Ideen. Sie kommen zu mir, sie suchen sich mich einfach aus. Ich bin davon überzeugt, dass sie irgendwo da draußen existieren. Das trifft vor allem auf die Dinge zu, die in meinen Filmen passieren. Diese Ideen sind große Geschenke, für die ich sehr dankbar bin. Sind Sie ein glücklicher Mensch? Auf jeden Fall. Es ist ein großes Glück, einfach vor sich hin leben zu dürfen. Sie machen nicht gerade den Eindruck, als ob Sie das tun... Na ja, dann gibt es ja immer noch den Sex... Haben Sie ein Lebensmotto? Konzentriere dich auf den Donut - nicht auf das Loch. Ulrich Lössl |