QVEST März/April 2007, No.25, p.28 |
Text JOACHIM BESSING DAVID LYNCH Seine Mutter hat ihm keine Malbücher gekauft. Ein Foto aus dem Jahr 1949 zeigt den dreijährigen David Lynch mit seinem Vater auf einer Weide in Sandpoint, Idaho; Vater und Sohn umklammern mit der jeweils linken Hand ein Bündel Feuerholz, David hat zudem einen großen Frosch aus glänzedem Stoff mit riesigen Glasaugen in der Rechten, sein Haar wird von einer Art von dunklem Rotkäppchen verdeckt. Vor allem die Fans und Exegeten von "Twin Peaks" werden in diesem Foto die Urformel für die eigenartige Bildsprache des Regisseurs David Lynch entdecken wollen: die schneebedeckten Bergketten im Hintergrund, der wolkenlose Himmel darüber, die hölzernen Farmhäuser, der Lattenzaun, ein schiefer Baum, die seltsame Kleidung des Kindes, die Froschpuppe in seiner Hand. Die Ausstellung "The Air is on Fire", die noch bis zum 27. Mai in der Fondation Cartier in Paris zu sehen ist, zeigt neben diesem Foto vor allem hunderte überwiegen kleinformatiger Zeichnungen in Farbe und Schwarzweiß, die der Filmemacher in den letzten 50 Jahren auf allen möglichen Untergründen angefertigt hat. Es gibt Zeichnungen auf den Innenseiten leerer Streichholzbriefchen, auf den Rückseiten von Visitenkarten, auf den Servietten eines Diners namens "Bob´s Big Boy"; auf eine davon, Jahre vor der Produktion von "Twin Peaks", malt Lynch den Slogan "Fire Walk with Me".
Im Gespräch mit der Journalistin Kristine McKenna, die Lynchs Arbeit seit seinem "Elefantenmensch" in Interviews analysiert, erinnert sich der Regisseur, dass ursprünglich Frank Booth in "Blue Velvet" diese Parole als Tätowierung tragen sollte. Die Vertrautheit von Mrs McKenna und Mr Lynch ermöglicht auch eine der seltenen Analysen seiner Bilder, gegen die sich Lynch normalerweise höflich verwehrt: "Hier übergibt sich jemand. Warum, meinst du, hast du das gezeichnet?" "Es kommt ihm auch aus der Nase heraus. Ich weiß es ehrlich gesagt nicht mehr." "Es sieht so aus, als ob er sich ziemlich schämt dabei." "Ich wollte es möglichst realistisch zeigen." "Das Zeug, das ihm aus der Nase strömt, sieht wirklich interessant aus, es sieht nach der ganzen Welt aus, ein Urstoff irgendwie." "Es ist jedenfalls eine ganze Menge." Aber durchgehen abstoßend oder furchteinflößend, wie es gemeinhin den Filmen Lynchs unterstellt wird, sind seine Papierarbeiten und auch Skulpturen keineswegs. Die scheinbar aus dem Mangel aus regulären Maluntergründen ("Leinwände sind groß, kosten Geld und so weiter") auf Resten und Zetteln wie Notate wirkende Kunstwerke faszinieren. Es sind keine Bestandteile eines Storyboards - was den Anhängern Lynchs sowieso klar sein wird: Dieser Regisseur ordnet die Handlungen seiner Filme gewissen, für ihn als sehr eindrücklich empfundenen Standbildern unter." "BEES ANTS ELECTRIC" steht in Linkshänderschrift auf einem Kärtchen - ist das nicht bereits ein Drehbuch? Oder eine der Miniskulpturen: eine menschliche Figur, die aus einem klaren, blasigen Material besteht (Lynch hat sie aus Klebstofftropfen zusammengesetzt) - könnte das nicht einer jener überraschenden Nebendarsteller sein, wie sein in seinen Filmen immer wieder als Überbringer der wesentlichen Botschaften auftreten? Wie der Albino-Cowboy in "Mulholland Drive"? Analog zu dem derzeit in den Kinos gezeigten "Inland Empire" lässt sich die Pariser Ausstellung als Verzeichnis der Innenwelt des noch immer als zwiespältig rezipierten Regisseurs Lynch verstehen. Aber allzusehr sollte sich der Ausstellungsbesucher oder ein Betrachter des schönen bei Steidl erschienen Katalogs auch wieder nicht zur tiefgründigen Interpretation verpflichtet fühlen. In welches Nirgendwo das nämlich im extremen Fall führen kann, dafür liefert das im Nachwort des Kataloges abgedruckte Zwiegespräch des Philosophen Boris Groys mit dem Filmtheoretiker Andrei Ujica einen Beleg. Vor aller Psychologie nämlich sind die unbewegten Bilder David Lynchs zunächst vor allem betörend.
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