Saarbrücker Zeitung 3.12.1999

"Schauen Sie sich Ratten an!"

Mit einfachen Geschichten die Welt erzählen: David Lynch über seinen Film "The Straight Story"

Das Saarland sieht ihn später, vielleicht im Januar: David Lynchs Film "The Straight Story", der bereits von der Jury der Evangelischen Filmarbeit zum Film des Monats Dezember gewählt wurde. Wir sprachen mit David Lynch über seine Verwandlung, über Western, Natur, Träume und Unschuld.

Frage: Nach Ihrer schizophrenen, labyrinthischen Fahrt auf dem "Lost Highway" schwingt sich in dem Film "The Straight Story" ein alter dickköpfiger Cowboy auf seinen Rasenmäher, um seinen Bruder zu besuchen. Eine Reise ohne perverse Abgründe. Was ist in Sie gefahren?
Lynch: Ich war selber überrascht. Ich wollte kein Gegenstück zu "Lost Highway" drehen, sondern habe mich von der wahren Geschichte des Alvin Straight leiten lassen.

Frage: Wollten Sie nach dem frenetischen Trip von "Lost Highway" jetzt ein paar Gänge runterschalten?
Lynch: Zwischen meinen Filmen gibt es immer eine frustrierende Periode für mich, in der ich alle Türen offenhalte, wachsam bin, eine Menge lese und höre. Eines Tages kann ich mich dann auf einen neuen Film einlassen. Jetzt habe ich mich erstmals in ein fremdes Drehbuch verliebt (von Mary Sweeney, Lynchs Freundin, und John Roach, Anm. d.Red. ) und musste dieser Geschichte von Straight folgen. Seltsamerweise fiel es mir schwer, mit so minimalistischen Elementen auf einem so geradlinigen Weg vorwärts zu kommen. Heute scheint Geschwindigkeit in Mode zu sein, aber die Realität lebt von Kontrasten.

Frage: Ist es schwer, einer einfachen Geschichte genügend Atmosphäre zu geben?
Lynch: Diese Geschichte brauchte einen ganz eigenen Zeit-Raum. Was auf den ersten Blick simpel wirkt, hat mir den Kopf zerbrochen. Für mich war neu, dass ich diese einfachen Gefühle durch einen besonderen Rhythmus, die Musik und Geräusche hervorrufen musste. Daher sehe ich den Film als eine Art Experiment. Von Tag zu Tag musste ich den Film den Figuren anpassen, denn es gab vieles, das wir nicht kontrollieren konnten - wie das Wetter und die Drehorte. Wir wollten entlang der Straße drehen, auf der Alvin Straight früher zu seinem Bruder gefahren ist.

Frage: Wie ist daraus ein lethargischer Western geworden?
Lynch: Mein Hauptdarsteller Richard Farnsworth ist Cowboy. Er hat beim Rodeo angefangen, bevor er Stuntman in den Filmen von Ford, Huston und Hawks wurde. Also habe ich dabei zugesehen, wie Richard die Landschaft zwar nicht auf einem Pferd, aber auf diesem seltsamen Gefährt durchquert. Durch seine Reise entsteht die Stimmung eines Western und eines Road-Movies zugleich - im Grunde schafft sich der Film sein eigenes Genre.

Frage: Ihre früheren Helden wirkten neurotischer als Alvin Straight. Warum beschwören Sie in "Straight Story" eine tiefe Harmonie zwischen Mensch und Natur?
Lynch: Zwischen Mensch und Natur gibt es eine ständige Wechselwirkung. Schauen Sie sich die Ratten an. Wenn man sie in einem Raum zusammenpfercht, verhalten sie sich plötzlich ganz seltsam . . . Das muss den Menschen ähnlich gehen, die in überfüllten Städten wohnen. Wie wir ständig von unserer Umgebung beeinflusst werden - genau das will ich beobachten.

Frage: Wenn Sie in einer einzigen Einstellung von den Sternen zu den Getreidefeldern schwenken und so das Universum mit der Erde verbinden - wollen Sie dann Schicksal spielen?
Lynch: Nein, außerhalb der Städte kann man besser Sterne sehen. Sie spielen eine große Rolle in den Jugenderinnerungen der beiden Brüder. Ich zeige, dass sich auch der größte Rahmen im kleinsten Bild wiederfindet: Denn es gibt eine Harmonie. Mir gefällt, wenn eine einfache Geschichte das Echo einer viel weiteren Welt einfängt.

Frage: Also Makro- statt Mikrokosmos? Oder suchen Sie immer noch unter der Grasnarbe nach einem wilden Dschungel - wie am Anfang von "Blue Velvet" - wenn Sie Ihren Rasen mähen?
Lynch: (lacht) Nein, "Straight Story" und "Blue Velvet" sind gar nicht so verschieden: Beide Filme beginnen und enden im Himmel! Jedes Mal, wenn ich eine Oberfläche sehe, will ich wissen, was sich darunter verbirgt. Wir sehen eine ganz banale Tür, und plötzlich überkommt uns das übermächtige Verlangen, sie zu öffnen.

Frage: Früher wählten Ihre Helden oft zwischen Normalität und Perversion, zwischen einer blonden oder dunklen Frau . . .
Lynch: . . . denn ich mag Kontraste. Wenn man Blondinen und Brünette zusammenbringt, ergibt sich jedes Mal etwas anderes. Zum Glück haben die Menschen ein paar Facetten mehr als nur ihre Haarfarbe. Ich selber kann nicht anders: Ich werde nur bei dunkelhaarigen Frauen schwach. In meinen Filmen zeige ich aber blonde, rothaarige oder brünette Frauen - Warum sollte ich mir Türen verschließen? Mit dem Kino ist es ähnlich: Jeder Regisseur hat Leidenschaften, die er erforschen muss.

Frage: Glauben Sie an Unschuld?
Lynch: Für mich reimt sich Unschuld mit Offenheit und Ernsthaftigkeit. Das ist keine kindliche Sache. Wir werden von unserer Umgebung immer mehr dazu getrieben, uns abzuschotten. Unschuldig sein, heißt dagegen, neugierig zu sein und nicht zu urteilen.  

Das Gespräch führte MARCUS ROTHE