"Schauen Sie sich Ratten an!"
Mit einfachen Geschichten die Welt erzählen: David Lynch über seinen Film "The Straight Story"
Das Saarland sieht ihn später, vielleicht im
Januar: David Lynchs Film "The Straight Story", der bereits von der
Jury der Evangelischen Filmarbeit zum Film des Monats Dezember gewählt
wurde. Wir sprachen mit David Lynch über seine Verwandlung, über
Western, Natur, Träume und Unschuld.
Frage:
Nach Ihrer
schizophrenen, labyrinthischen Fahrt auf dem "Lost Highway" schwingt
sich in dem Film "The Straight Story" ein alter dickköpfiger
Cowboy auf seinen Rasenmäher, um seinen Bruder zu besuchen. Eine Reise
ohne perverse Abgründe. Was ist in Sie gefahren? Lynch: Ich war
selber überrascht. Ich wollte kein Gegenstück zu "Lost
Highway" drehen, sondern habe mich von der wahren Geschichte des Alvin
Straight leiten lassen.
Frage:
Wollten Sie nach dem frenetischen Trip
von "Lost Highway" jetzt ein paar Gänge
runterschalten? Lynch: Zwischen meinen Filmen gibt es immer eine
frustrierende Periode für mich, in der ich alle Türen offenhalte,
wachsam bin, eine Menge lese und höre. Eines Tages kann ich mich dann auf
einen neuen Film einlassen. Jetzt habe ich mich erstmals in ein fremdes
Drehbuch verliebt (von Mary Sweeney, Lynchs Freundin, und John Roach,
Anm. d.Red. ) und musste dieser Geschichte von Straight folgen.
Seltsamerweise fiel es mir schwer, mit so minimalistischen Elementen auf einem
so geradlinigen Weg vorwärts zu kommen. Heute scheint Geschwindigkeit in
Mode zu sein, aber die Realität lebt von Kontrasten.
Frage:
Ist
es schwer, einer einfachen Geschichte genügend Atmosphäre zu
geben? Lynch: Diese Geschichte brauchte einen ganz eigenen Zeit-Raum.
Was auf den ersten Blick simpel wirkt, hat mir den Kopf zerbrochen. Für
mich war neu, dass ich diese einfachen Gefühle durch einen besonderen
Rhythmus, die Musik und Geräusche hervorrufen musste. Daher sehe ich den
Film als eine Art Experiment. Von Tag zu Tag musste ich den Film den Figuren
anpassen, denn es gab vieles, das wir nicht kontrollieren konnten - wie das
Wetter und die Drehorte. Wir wollten entlang der Straße drehen, auf der
Alvin Straight früher zu seinem Bruder gefahren ist.
Frage:
Wie
ist daraus ein lethargischer Western geworden? Lynch: Mein
Hauptdarsteller Richard Farnsworth ist Cowboy. Er hat beim Rodeo angefangen,
bevor er Stuntman in den Filmen von Ford, Huston und Hawks wurde. Also habe ich
dabei zugesehen, wie Richard die Landschaft zwar nicht auf einem Pferd, aber
auf diesem seltsamen Gefährt durchquert. Durch seine Reise entsteht die
Stimmung eines Western und eines Road-Movies zugleich - im Grunde schafft sich
der Film sein eigenes Genre.
Frage:
Ihre früheren Helden wirkten
neurotischer als Alvin Straight. Warum beschwören Sie in "Straight
Story" eine tiefe Harmonie zwischen Mensch und Natur? Lynch:
Zwischen Mensch und Natur gibt es eine ständige Wechselwirkung.
Schauen Sie sich die Ratten an. Wenn man sie in einem Raum zusammenpfercht,
verhalten sie sich plötzlich ganz seltsam . . . Das muss den
Menschen ähnlich gehen, die in überfüllten Städten wohnen.
Wie wir ständig von unserer Umgebung beeinflusst werden - genau das will
ich beobachten.
Frage:
Wenn Sie in einer einzigen Einstellung von den
Sternen zu den Getreidefeldern schwenken und so das Universum mit der Erde
verbinden - wollen Sie dann Schicksal spielen? Lynch: Nein,
außerhalb der Städte kann man besser Sterne sehen. Sie spielen eine
große Rolle in den Jugenderinnerungen der beiden Brüder. Ich zeige,
dass sich auch der größte Rahmen im kleinsten Bild wiederfindet:
Denn es gibt eine Harmonie. Mir gefällt, wenn eine einfache Geschichte das
Echo einer viel weiteren Welt einfängt.
Frage:
Also Makro- statt
Mikrokosmos? Oder suchen Sie immer noch unter der Grasnarbe nach einem wilden
Dschungel - wie am Anfang von "Blue Velvet" - wenn Sie Ihren Rasen
mähen? Lynch: (lacht) Nein, "Straight Story" und
"Blue Velvet" sind gar nicht so verschieden: Beide Filme beginnen und
enden im Himmel! Jedes Mal, wenn ich eine Oberfläche sehe, will ich
wissen, was sich darunter verbirgt. Wir sehen eine ganz banale Tür, und
plötzlich überkommt uns das übermächtige Verlangen, sie zu
öffnen.
Frage:
Früher wählten Ihre Helden oft zwischen
Normalität und Perversion, zwischen einer blonden oder dunklen
Frau . . . Lynch: . . . denn ich mag
Kontraste. Wenn man Blondinen und Brünette zusammenbringt, ergibt sich
jedes Mal etwas anderes. Zum Glück haben die Menschen ein paar Facetten
mehr als nur ihre Haarfarbe. Ich selber kann nicht anders: Ich werde nur bei
dunkelhaarigen Frauen schwach. In meinen Filmen zeige ich aber blonde,
rothaarige oder brünette Frauen - Warum sollte ich mir Türen
verschließen? Mit dem Kino ist es ähnlich: Jeder Regisseur hat
Leidenschaften, die er erforschen muss.
Frage:
Glauben Sie an
Unschuld? Lynch: Für mich reimt sich Unschuld mit Offenheit und
Ernsthaftigkeit. Das ist keine kindliche Sache. Wir werden von unserer Umgebung
immer mehr dazu getrieben, uns abzuschotten. Unschuldig sein, heißt
dagegen, neugierig zu sein und nicht zu urteilen.
Das Gespräch
führte MARCUS ROTHE
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