Der Stern, Nr. 2, 2.1.2002

David Lynch Der Kitzel der Abgründe

 

Ob ihn schon einmal einer verstanden hat? Egal: Mit seinem neuen Film "Mulholland Drive" schafft David Lynch wieder eine Rätselwelt - bizarr und verführerisch

Frühmorgens schnüffeln Kojoten zwischen den Villen am Mulholland Drive, stöbern im Abfall der reichen Leute und heulen wie die Wölfe in Dracula-Filmen. David Lynch hat sie gehört. "Wir haben auch Klapperschlangen, Eulen und Luchse", sagt er und zieht tief an seiner Zigarette. "Hier oben ist die Wildnis, aber wenn ich die Handbremse loslasse, bin ich sofort unten in Hollywood. Ich mag diese Mischung aus zwei Welten." So gemischt sind auch seine Filme - man weiß nie, wo man gerade ist: in der Realität? Im (Alb)Traum?

Der Regisseur, spätestens seit seiner TV-Serie "Twin Peaks" als Meister des Surrealen verehrt, sitzt in seinem Atelier, das wie ein Adlerhorst hoch über den drei Häusern thront, in denen er lebt, malt, schreibt, musiziert. Dahinter windet sich der Mulholland Drive wie eine 50 Kilometer lange Schlange auf dem Grat der Hollywood Hills bis zum Pazifik. Es ist ein mythischer Ort, "schön und unheimlich zugleich", sagt Lynch, "und seltsame Dinge passieren dort."

Sein jüngster Film trägt den Namen dieser Tausend-Kurven-Straße, und wenn das Straßenschild im Scheinwerferlicht eines rasenden Autos auftaucht, ahnen wir, dass Lynch uns wieder mal auf einen Tausend-Kurven-Ritt in seine fiebrige Traumwelt mitnimmt. Figuren kommen und gehen, Leute werden ermordet, und man erfährt nie warum. Frauen, die Betty heißen, wachen auf und heißen Diane. Man kapiert nie so recht, was eigentlich passiert - aber es ist großartig anzuschauen.

Lynch, vor 55 Jahren in Montana geboren, spielt mit einem trockenen Pinsel, sein weißes Hemd ist bis oben zugeknöpft - ein moderner Alchemist in seinem Ideen-Labor. Auf dem Maltisch liegen Vogelskelette und abgerissene Flügel. Er schaut übers Tal: "Ich war schon als Kind ein Tagträumer, stark abhängig von Stimmungen, von der Magie eines Ortes. In Los Angeles habe ich ein Gefühl von Freiheit wie nirgendwo sonst." Er geht nicht viel aus, "ich habe eine milde Form von Agoraphobie. Eigentlich bleibe ich immer zu Hause."

An Los Angeles liebt er das Licht und die Weite, wie er sagt. Warum sind seine Filme dann bloß so düster? "Das hat mit Philadelphia zu tun, wo ich zur Kunsthochschule ging - eine der schlimmsten Städte der Welt, dreckig, korrupt, brutal. Ich habe mal gehört, dass jeder Mensch ein Fenster hat, das bis zum 21. Lebensjahr offen steht. Dann schließt es sich, und fortan verarbeitet man, was in den ersten Jahren hereinkam. Mein Fenster stand in Philadelphia so weit offen, dass ich noch immer daran zu knacken habe."

Lynch führt durch sein modernes, kahles Haus, in den Zimmern stehen von ihm entworfene, streng rechteckige Möbel, an den Betonwänden lehnen seine großen, düsteren Bilder. An der Tür zum Tonstudio klebt ein Zettel: "Nicht stören. Meditation." Lynch praktiziert seit 28 Jahren Transzendentale Meditation, "täglich zwanzig Minuten morgens, zwanzig in der Nacht. Das muss ich tun, sonst wäre ich verloren in Dunkelheit und Verwirrung."

Wie die Personen in seinen Filmen? David Lynch bläst Rauch in die kalte Morgenluft. "Das Kino gibt uns die einmalige Gelegenheit, in aller Sicherheit Gefahren zu erleben, in die man sich im sogenannten normalen Leben nie begeben würde. Für mich ist es jedesmal ein Kitzel, zwei Stunden abzutauchen in die Abgründe, die ich schaffe." Und es wäre eine Enttäuschung für ihn, wenn man ihm sagte, man hätte alles verstanden.

Claus Lutterbeck.