Max, Nr. 2 /  2002  (3.1.2002), p.144

Seine Filme kapiert kaum einer, und dennoch gilt David Lynch als einer der spannendsten Regisseure Hollywoods. Sein neues Werk: "Mulholland Drive"

TypischLynch

Nie wieder. Er hatte es sich extra auf ein großes Schild gemalt: "Nie wieder arbeite ich für das Fernsehen!" Obwohl seine kultige TV-Serie "Twin Peaks" in den Neunzigern auch über die US-Grenzen hinaus erfolgreich war, wollte US-Regisseur David Lynch gar nichts mehr mit dem Fernsehen zu tun haben. Er fand den Sound, die Bilder, vor allem Werbepausen nur noch schrecklich. Der 55-Jährige konzentrierte sich stattdessen auf Musikvideos, Werbespots und Kinofilme wie "Lost Highway" (1996) und "The Straight Story" (1999). Zwischendurch kam ihm die Idee, eine Geschichte zu erzählen, die am legendären Mulholland Drive in Los Angeles spielt. An der kurvenreichen Avenue, die sich durch die ganze Stadt zieht, wohnen Leinwandlegenden wie Jack Nicholson und Marlon Brando. Lynchs Freund Tony Krantz, ein Produzent, war von dem Plan begeistert. Er schlug vor, daraus eine TV-Serie für ABC zu machen, in der Hoffnung, an den Erfolg von "Twin Peaks" anzuknüpfen.

Lynch nahm das Angebot nach langen Überredungskünsten an, drehte eine verworrene Geschichte über die gegensätzlichen Frauen Betty (Naomi Watts) und Rita (Laura Elena Harring), die auf einen Haufen Geld und Rätsel stoßen. Rätseln mussten auch die Fernsehbosse, denn sie verstanden mal wieder überhaupt nicht, was Herr Lynch mit seinem Werk im Schilde führte. Es hagelte Änderungsanweisungen und jede Menge Interpretationsfragen. "Wenn ich wüsste, worum es in meinem Film geht, bräuchte ich ihn erst gar nicht zu drehen", antwortete der Regisseur ruppig und stellte die Produktion für ABC fertig. Der Sender war mit dem Ergebnis allerdings gar nicht zufrieden und wollte das Projekt nicht ausstrahlen.

Dann klinkte sich kurzerhand der französische Sender Canal Plus ein, steuerte noch sieben Millionen Dollar dazu, damit aus dem Piloten ein richtiger Kinofilm werden konnte. Pech für ABC: Das von Kritikern hoch gelobte Werk "Mulholland Drive" (Start: 3. Januar) wurde 2001 bei den Filmfestspielen in Cannes mit der Goldenen Palme für die beste Regie ausgezeichnet. Und sahnte im vergangenen Jahr Kritikerpreise in New York, Los Angeles und Boston ab - neben den Golden Globes ein sicheres Vorzeichen für Oscar-Favoriten.

Gerda Thöns