Das Abstoßende ist das Schöne
Wild at Heart
"Ich schaffe es einfach nicht zu begreifen, warum die Leute um jeden Preis einen Sinn in der Kunst finden wollen, während sie widerstandslos akzeptieren, daß es ihn im Leben nicht gibt." (David Lynch)
"Wild at Heart" ist eine der verrücktesten Liebesgeschichten der letzten Jahre:
wild, melodramatisch, auf exzessive Weise kitschig, gleichzeitig aber auch voller Gewalt und geradezu lustvoll bei der Schilderung physischer und psychischer Abnormitäten. Eben ein film von David Lynch. Lynch fordert radikale Reaktionen geradezu heraus: entweder man liebt seine obskuren Einfälle oder man zieht sich angewidert zurück. Dazwischen gibt es wenig Raum für andere Gefühle. Wäre Lynch nur ein verrückter Filmfreak, könnte man einigermaßen unbefangen über seine Filme diskutieren. Dem ist aber nicht so, denn der Regisseur von
"Eraserhead", "The Elephant Man", "Dune" und "Blue Velvet" hat bei den Filmfestspielen in Cannes nicht nur die Goldene Palme gewonnen, sondern auch die Filmkritik in zwei Lager gespalten. Anders als "Blue
Velvet", der (für mich immer noch unverständlich) ziemlich einhellig als Meisterwerk gefeiert wurde, hat Lynchs neuer Film extremste Reaktionen ausgelöst. Und das, obwohl "Wild at
Heart" ziemlich konsequent fortsetzt, was Lynch mit "Blue Velvet" begonnen hat: die ästhetische Symbiose von Kitsch und Schock. Die Fronten sind gezogen: einige Kritiker feiern "Wild at
Heart" als Offenbarung, gar als das "Kino der neunziger Jahre...: ein Kino der Träume, nicht des faden, ausgewogenen Realismus" (Andreas Kilb in der ZEIT), anderen erscheint er als
Schmuddelfilm: kitschig, voller plakativer Brutalitäten und auch handwerklich von einer bedenklichen Qualität. Nun kann ein Film, der den Hauptpreis von Cannes erhielt, selbst bei einer gebührlichen Relativierung der Bedeutung von Festspielpreisen, kaum einfach nur schlecht sein. Immerhin ist es Lynch gelungen, beträchtliche Emotionen und erhebliche sprachliche Anstrengungen auszulösen - und wo Leidenschaften im Spiel sind, ist aufregendes Kino oft nicht weit entfernt! Auf "Wild at
Heart" trifft dies meiner Meinung nach allerdings nur bedingt zu. Kino, das emotionalisiert, ist noch lange kein Kino der neuen Emotionen und selbst bei wohlwollender Betrachtung ist Lynchs Film kaum mehr als eine Splatter-Movie-Version des
"Wizard of Oz"!
Die Geschichte von Sailor und Lula suggeriert schon mit dem ersten Bild, der Großaufnahme eines sich entzündenden Streichholzes, daß ungewöhnliche Energien freigesetzt werden sollen: prompt verwandelt sich die Leinwand in ein Flammenmeer. Und Feuer als Symbol der Leidenschaft und der Gewalt taucht immer wieder auf: Lulas Vater als brennende Fackel, aufflammende Streichhölzer, die Glut der Ziaretten, die Lula und Sailor rauchen, nachdem sie sich geliebt haben. Die Geschichte beginnt in Cape
Fear, "irgendwo an der Grenze zwischen North- und South-Carolina". Sailor liebt
Lula, und Lula könnte Sailor lieben, wäre da nicht Lulas Mutter Marietta, die es ebenfalls auf Sailor abgesehen hat. Von ihm abgewiesen, beauftragt sie einen Killer damit, Sailor umzubringen. Der Anschlag mißlingt und Sailor schmettert den Kopf des Angreifers solange auf den Boden, bis der Schädel zertrümmert ist. "22 Monate und 18 Tage später": Sailor Ripley hat seine Haftstrafe verbüßt und wird von Lula vor dem Gefängnis abgeholt. Lula überreicht Sailor eine
Schlangenleder-Jacke, Sailors Symbol für "Individualität und seinen Glauben an die persönliche Freiheit". Für Sailor und
Lula, die gemeinsam nach Kalifornien fahren wollen, beginnt nun eine Reise, die sich langsam in einen Alptraum verwandelt. Marietta, die Sailor immer noch töten will, setzt zunächst ihren Geliebten Johnnie Farragut auf das Paar an, dann schaltet sie den Gangster Marcello Santos ein. Und während Sailor und Lula hoffen, auf dem Weg in den Westen auch ihre Vergangenheit loszuwerden, formieren sich die Kräfte des Dunklen zum entscheidenden Schlag.
"Ich glaube, daß Filme Kraft haben sollten. Die Kraft des Guten und die Kraft des Bösen. So daß man berührt wird und die Verhältnisse in Bewegung geraten. Wenn man Angst hat, das zu riskieren, endet alles in einer lauwarmen Soße." (David Lynch)
Die Liebesgeschichte als Märchen: Die Welt, so zeigen uns Lynchs Bilder, ist verrückt, gemein und brutal. Die einzige Chance, diesem Wahnsinn zu entrinnen, ist die Liebe - die reine Lieb, die unsterblich ist, keine Fragen stellt und keine Schuld kennt. Aber da die Menschen vom Bösen belagert werden und ihrer Trieb nicht Herr werden, sind sie verführbar und werden verführt. In der Geschichte von Sailor und Lula ist die reine Liebe ganz und gar nicht puritanisch: man macht es oft und mit Ausdauer und wenn die reine Liebe ihren Höhepunkt erlebt, spreizt Lula ganz weit die Finger mit den rotlackierten Nägeln und die Leinwand färbt sich gelb vor Lust. Aber da ist noch das Böse - und das Böse ist kraftvoll, ebenso voller Lust, das Leben aufsaugend - und es kann durch die monotone Beschwörung
"Fuck me" und eine zwischen die Beine geschobene Hand die reine Liebe
ins Animalische hineinziehen: Lynchs Geschichten haben spätestens seit "Blue
Velvet" viel mit dem Sündenfall zu tun. Sailor und Lula in den Hotelzimmern: Sex, Rauchen, Gespräche über die sich auflösende Ozonschicht, üer Sailors Eltern, die an zuviel
Tabak und zuviel Alkohol starben und immer die Bilder der Vergangenheit. Lula, die Sailor liebt und sich nach dem "Land hinter dem Regenbogen" sehnt, wird immer häufiger von Bildern der Gewalt eingeholt, von Lynch mit einer holperigen Rückblenden-Technik in Szene gesetzt: Lulas Vergewaltigung durch einen "guten Onkel", die demütigende Abtreibung, der Tod ihres Vaters, der in seinem Haus verbrannte, auf diese Weise (wie man später erfährt) von Marietta und Marcello Santos umgebracht wurde. Und dann immer wieder Lynchs grelle Bilder, die direkt zeigen, was sie bedeuten: das fratzenhafte haßerfüllte Gesicht Mariettas, die dämonisch krallenhaften Bewegungen ihrer grell lackierten Finger - später dann Marietta als "böse Hexe des Ostens", auf einem Besen durch die Lüfte reitend, ein böser Geist, der Sailors und Lulas Schicksal bestimmt. Lynchs Film, der wie ein Splatter Movie beginnt, verwandelt sich mit zunehmender Dauer in einen bösen Comic-Strip für Erwachsene, einen obszönen, widerwärtigen Alptraum, in dem das Böse wie im Märchen seine Kräfte vereint, um das Gute, die bedingungslose reine Liebe zur Strecke zu bringen. "Wild at
Heart" ist kein Road-Movie. Road-Movies besitzen eine beobachtende, realistische Geste. Sailors und Lulas Reise durch Amerika entfernt sich jedoch in zunehmenden Maße von der Realität. Lynch läßt seine Figuren eine Reise in eine bizarre alptraumhafte Märchenwelt antreten, die in Big
Tuna, einem kleinen, schmierigen Nest, zu Ende ist. Sailor und Lula treffen hier Bobby Peru, der zu Santos` Killerbande gehört und Sailor später zu einem gemeinsamen Banküberfall verführen wird. Bobby Peru ist die Inkarnation aller bösen Mächte: ein glatter Beau mit kranken Zähnen, der
Lula, die allein im Zimmer des Hotels ist, rüde anmacht. Aber Lynch zeigt nicht ihre Unterwerfung, sondern die Hingabe, und Lula verliert damit auch ihre Unschuld. Während es in Lynchs letztem Film der Mann war, der fast vollständig den Versuchungen einer jenseits der bürgerlichen Welt liegenden Wirklichkeit erliegt, ist es diesmal die Frau, an der Lynch seine These verifiziert, daß das Schöne und das Abstoßende letztlich identisch sind (und damit auch mit gleicher Intensität anziehen).
Wie in "Blue Velvet" bedient sich Lynch des Schocks und der Theatralik des Bösen und des Ekels. Auch die Vermischung von Sexualität und Sadismus wird ähnlich wie in "Blue
Velvet" als drastischer Schock inszeniert: Höhepunkt ist die Ermordung Farraguts durch das Killer-Trio, dessen Anführerin im Hintergrund geifernd masturbiert, bevor der tödliche Schuß fällt.
"Das Schlimmste in dieser modernen Welt ist, daß die Leute durch das Fernsehen glauben, Mord würde schmerzlos und ohne Blutvergießen vonstatten gehen. In den Köpfen der Kids muß die Vorstellung herrschen, daß es nichts Unordentliches ist, jemanden zu töten und daß es nicht besonders weh tut. Das ist für mich wirklich krank, ein bedenkliches, schweres Krankheitsbild." (David Lynch)
Auch wenn einige Kritiker behaupten, daß man Lynchs Filme nicht begreift, wenn man ihnen Zynismus unterstellt, bleibe ich bei eben dieser Behauptung. Kracauer hat bereits die irrige Ansicht formuliert, daß die Bilder des Grauens "den Zuschauer befähigen (sollen), ... das Grauen zu köpfen, das sie spiegeln". Genausogut kann man behaupten, daß sie den Zuschauer lediglich auf neue vorbereiten und zu seiner Abhärtung beitragen.
Lynchs Ästhetik muß an die im Kracauerschen Sinne vermutete Aufklärung erst recht absprechen. Sie ist allerdings auch nicht der angemessene Maßstab für seine Filme. Was mich an Lynchs Film stört, ist die post-modernistische Unverbindlichkeit, mit der alles Mögliche wahllos vermischt wird. In Lynchs Welt ist beispielsweise auch der Witz nur eine Variante des Schocks. So kriechen, nachdem Sailor und Bobby Peru eine Bank überfallen haben, zwei Bankangestellte in ihren Blutlachen herum und suchen eine abgeschossene Hand. Während der eine den anderen damit tröstet, daß alles wieder angenäht werden kann, zeigt die nächste Einstellung einen Hund, der mit der Hand im Maul davonläuft. Vor der Bank schießt sich gleichzeitig der in die Enge getriebene Bobby Peru höhnisch grinsend mit einer Schrotflint den Kopf von den Schultern. Lynch erzählt seine Geschichten, um schmerzhafte Bilder zu zeigen.
Zweifellos hat er dabei eine autonome Bildersprache mit einer beeindruckenden visuellen Präsenz entwickelt. Daß sich aber hier das Kino der neunziger vorstellt, ist unwahrscheinlich. Und
bei mehrfacher Betrachtung von "Wild at Heart" kann man sich sogar einem zunehmenden Gefühl der Albernheit nicht entziehen. Gäbe es nicht die Bilder unkontrollierter Gewalt, wäre "Wild at
Heart" der zu Zelluloid geronnene
Kitsch par excellence. Der Lynchsche Horror hat keine enthüllenden Funktionen: ein wenig
"Wizard of Oz", eine Spur de Sade - Kitsch und Geschmacklosigkeiten ergeben eben noch keine Nouvelle
Vague.
Ortwin Thal
Back
|