moviestar Nr 9 / 1987

David Lynchs Filmographie umfaßt vier Filme: Eraserhead, Der Elefantenmensch, Dune-  der Wüstenplanet und Blue Velvet. Alle diese Filme haben zumindest eines gemeinsam: sie sind Außenseiter und nicht immer eindeutig in ihren Aussagen. Den Inhalt von Blue Velvet zu beschreiben, ist kein Problem; dem Film dabei gerecht zu werden, ist unmöglich. Blue Velvet ist eine Droge in Zelluloid, gemischt aus surrealistischen Bildern, einer fremden, eindringlichen Musik und Dialogen, die sich dem Zugriff der Logik immer wieder entziehen. Die Filmgeschichte ist indes in sich schlüssig konstruiert: Jeffrey Beaumont muß durch einen plötzlichen Unfall seines Vaters sein Collegestudium unterbrechen und in seine Heimatstadt zurückkehren. Bei einem Spaziergang findet er ein abgeschnittenes Ohr, wickelt es in eine Papiertüte und bringt es zur Polizei. Der ermittelnde Inspektor Williams ist ein Freund seiner Eltern. So besucht ihn Jeffrey eines abends, um zu erfahren, ob sich irgendwelche Ergebnisse ergeben hätten. Bei dem Besuch lernt er die Tochter des Inspektors, Sandy, kennen. Von ihr erfährt er, daß eine Nachtclubsängerin namens Dorothy Vallens in den Fall verwickelt ist. Jeffrey beobachtet die Sängerin und verschafft sich Zutritt zu ihrer Wohnung. Als er die Wohnung verlassen will, kommt Dorothy von ihrem Auftritt zurück. Er kann sich noch im Kleiderschrank verstecken, und sieht dort, wie Dorothy sich auszieht. Dann aber wird er entdeckt. Dorothy bedroht ihn mit einem Messer und zwingt ihn sich auszuziehen. Jeffrey entdeckt, daß ihm die Situation besser gefällt, als ihm lieb ist. Er läßt sich von Dorothy verführen. Da steht plötzlich ein Mann vor der Wohnungstür. Jeffrey muß sich erneut im Kleiderschrank verstecken und mitansehen, wie Dorothy von dem Mann brutal vergewaltigt wird. Aus dem Gespräch der beiden schließt Jeffrey, daß Frank Booth, so nennt sich der Fremde, offensichtlich Dorothys Mann und Kind als Geisel genommen hat, um Dorothy auf diese Art mißbrauchen zu können. Aus irgendwelchen Gründen kann Dorothy nicht mit der Hilfe der Polizei rechnen. Jeffrey verläßt die Wohnung, verspricht aber wiederzukommen. Nun beobachtet er Frank, der offensichtlich in Drogengeschäft verwickelt ist. Als er mit Dorothy darüber reden will, werden die beiden von Frank erwischt. Nun beginnt für beide ein nicht enden wollender Alptraum.

Lynchs Film funktioniert auf vielen Ebenen, von denen die der eigentlichen Geschichtesicher die unbedeutendste ist. Und so möchte der Regisseur über seinen Film selbst nichts sagen. "Jeder sieht das gleiche, doch durch Assoziationen sieht eigentlich jeder einen anderen Film." Blue Velvet ist ein sehr erfolgreicher Film. Auch bei uns waren über 500.000 Besucher in den Kinos, um Lynchs Film zu sehen.  Sie erklärten Isabella Rossellini und Dennis Hopper zu ihren Stars. Für Hopper war die Rolle des drogenschnüffelnden, brutalen und perversen Killers eine weitere Möglichkeit zu zeigen, daß er zu den besten Schauspielern Amerikas gehört. Am Ende dieses wohl eindrucksvollsten Comebacks seit Jahren stand die Oscar-Nominierung für seine Rolle im Film "Hossiers", der im Herbst bei uns zu sehen sein wird.

Isabella Rossellini, Tochter berühmter Eltern, der Schauspielerin Ingrid Bergmann und des italienischen Regisseurs Roberto Rossellini, stand zum dritten Mal vor einer Filmkamera. Sie machte als Fotomodell Karriere, als sie durch einen 400.000-Dollar-Vertrag zu einem der bestbezahlten Modells wurde. Mit der Rolle der Dorothy setzte sie alles auf eine Karte: sie mußte sich vor der Kamera ausziehen, wurde in bewußt ungünstigem Licht aufgenommen und hatte etliche harte, bewußt anstößige Dialoge. Der Einsatz hat sich gelohnt, sie wurde eine der gefragtesten Schauspielerinnen Italiens.

Lynch begann seine Karriere mit dem Film "Eraserhead", der ähnlich wie Blue Velvet, vor allem durch seine Bildkompostionen den Zuschauer in seinen Bann zieht. Trotz des Erfolges mußte er drei Jahre warten, bevor er einen weiteren Film inszenieren konnte: "Der Elefantenmensch". Die acht Oscars, die der in Schwarzweiß gedrehte Film erhielt, bedeuteten für Lynch den Durchbruch. Dann inszenierte er für Dino de Laurentiis den Film "Dune - der Wüstenplanet". Man kann nicht genau sagen, warum Lynch scheiterte, aber es gelang ihm nicht, zwischen Kunst und Kommerz eine Verbindung zu schaffen und so scheiterte er bei den Kritikern genauso wie beim Publikum. Blue Velvet aber ist der Beweis, daß Kunst und Kommerz zu verbinden sind. Blue Velvet macht süchtig nach gutem Kino.