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Berliner Morgenpost, 22. Mai 2001 |
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Der einzige Grund, hier zu seinDie 54. Filmfestspiele von Cannes endeten mit einer Verbeugung vor dem europäischen Kino - doch diesmal schlossen Kurioses, Kunst und Kommerz eine unheilige AllianzVon Margret Köhler
Es konnte nur einen geben für die Goldene Palme: Nanni Moretti. Seine Tragödie «La Stanza del Figlio» über eine bürgerliche Familie, die durch den Tod des geliebten Sohnes fast auseinander bricht, gehörte zu den wenigen Höhepunkten eines lauen Wettbewerbs. Der Italiener, zum vierten Mal nach «Ecce Bomba!», «Liebes Tagbuch» und «Aprile» an der Croisette, verhalf dem europäischen Kino zu einem Triumph. «Ich wollte zeigen, dass ein Unglück Menschen, die sich lieben, oft nicht näher zusammenbringt, sondern entfremdet» so der Preisträger, der strahlend die Trophäe aus der Hand von Melanie Griffith entgegennahm. Er verzichtet auf die autobiografischen Züge seiner früheren Filme, erzählt in leisen Tönen von Sprach- und Hilflosigkeit, von der Flucht hinter eine Mauer des Schweigens. Mit großer Sensibilität zeichnet Moretti ewige Themen wie Tod und Verlust. Ohne falsche Töne gelingt die gefährliche Gratwanderung zwischen heiterer Leichtigkeit und tiefer Trauer. Man heult wie ein Schlosshund. Nicht umsonst forderte eine französische Zeitung neben der «Palme d' or» auch die «Palme du coeur» (Palme des Herzens). «Der Kunst zum Sieg zu verhelfen, ist der einzige Grund, hier zu sein», resümierte Jury-Vorsitzende Liv Ullmann. So gewann Michael Haneke verdientermaßen den Großen Preis der Jury für seine kongeniale Elfriede-Jelinek-Verfilmung «Die Klavierspielerin». Isabelle Huppert brillierte in der Titelrolle als Frau, die alle Extreme durchlebt, der Preis als beste Darstellerin war ihr gewiss, wie auch ihrem Partner Benoît Magimel der Auszeichnung als bester Darsteller. Wenig nachvollziehbar dagegen die Ehrung für das amerikanische Kino. Joel Coen teilte sich den Regiepreis für «The Man Who Wasn't There» mit seinem Landsmann David Lynch für «Mulholland Drive». Beide Regisseure blieben weit von ihren Bestleistungen entfernt. In dem plakativem und pseudo-surrealen Hochglanzthriller «Mulholland Drive» lässt sich Lynch nichts Neues einfallen, suhlt sich in Selbstzitaten und mimt den Geheimnisvollen, wirft Elemente von «Lost Highway» und «Twin Peaks» berechnend, aber lieblos in einen Topf. Enttäuschend auch die stark vertretenen Asiaten wie Hou Hsiao Hsiens «Millennium Mambo». Der Taiwanese verfolgt das Leben einer junger Frau in der brodelnden Metropole Taipeh mit Sex, Drogen und Discos, verliert aber den Faden, weil er sich nur auf die Schönheit der Protagonistin verlässt und deren Persönlichkeit vernachlässigt. Als die psychologische Entwicklung gerade spannend wird, ist der Film zu Ende. Einen ungewöhnlichen Blick in Varianten weiblicher Lust warf der Japaner Shohei Imamura in «Akai Hashi Noshitano Nurui Mizu» (Warmes Wasser unter einer roten Brücke). Beim Orgasmus sprühen bei der Frau Fontänen, die an einen riesigen Springbrunnen erinnern und alles unter Wasser setzen. Wenn sie Sex möchte, gibt sie dem nach ihr dürstenden Liebhaber mit dem Spiegel ein Zeichen. Japanische Filmkunst oder nur die Fantasiespiele eines 74-jährigen Regisseurs? Bei der Preisverleihung gingen die Franzosen baden, nicht nur wegen mangelnder Qualität wie in Catherine Corsinis stereotypen Frauenfilm «La répétition» oder in Cédric Kahns oberflächlichem Killerporträt «Roberto Succo». Die vom Programmdirektor Thierry Frémaux bei deutschen Filmen geforderte «Triftigkeit» fehlte größtenteils auch bei französischen. Vielleicht war peinliche Überpräsenz der Gastgeber in allen Festival-Sektionen (allein 15 Pro- bzw. Co-Produktionen bei 23 Wettbewerbsfilmen) selbst der honorigen Jury zuviel. Dabei wäre Jacques Rivettes intelligenter Beziehungsreigen «Va Savoir» sicher preiswürdig gewesen, wie auch Jean-Luc Godards essayistische Untersuchung von Wirklichkeit und Kino «Eloge de l' amour», in der drei Paare unterschiedlichen Alters über Liebe und Leidenschaft, Konflikte und Konziliation sprechen - eine Textsammlung begleitet von brillanten, größtenteils schwarz-weißen Imaginationen. Außer Konkurrenz amüsierte «Human Nature», eine bissige, manchmal klamaukige Persiflage von Michel Gondry nach einem Drehbuch von Charlie Kaufman, der schon die Idee zu «Being John Malkovich» lieferte. Tim Robbins als Professor, der einen bei Primaten aufgewachsenen Mann zur Zivilisation erzieht, definierte Macht und Kontrolle als treibendes Element menschlicher Natur. Damit schließt sich auch der Kreis zu Cannes, wo Kurioses, Kunst und Kommerz in diesem Jahr eine unheilige Allianz schlossen. Über dem Festival thronte das Firmenlogo von Canal Plus. Ein Viertel des offiziellen Programms stellten Filme dieses Medienkonzerns, von der Muttergesellschaft Vivendi Universal kamen noch «Shrek» und Coens Film dazu, sogar bei der Neufassung von Coppolas «Apocalypse Now» mischte das Unternehmen mit. Eigentlich müßig zu sagen, dass eine Unterfirma auch noch das Festivalfernsehen produzierte und die Exklusivrechte für Live-Übertragungen besaß. Ist das der gewünschte «unverwechselbare Stil» der neuen Festival-Leitung? Hoffentlich nicht.
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