| Die Welt, 17.05.2001 |
| Ermordung eines Staubsaugers Von Hanns-Georg Rodek In Cannes treten die Schwergewichte in den Ring. Binnen anderthalb Tagen gab es die neuen Filme von Sean Penn, David Lynch, Jean-Luc Godard und Jacques Rivette zu sehen, die mit Respekt quittiert wurden, aber nicht mit Begeisterung. Die vier bewegten sich auf vertrautem Territorium, ohne Lust, aufregend neue Pfade zu erkunden. Das sei am ehesten Sean Penn verziehen, der seine Stimme als Regisseur noch finden muss. "The Pledge" ist erst die dritte Regie des 40-Jährigen und zeugt von wachsender Beherrschung des Metiers. Alles an der Neuverfilmung von Dürrenmatts Kindsmörder-Drama "Es geschah am hellichten Tag" ist fein gedrechselt; der europäische Stoff hat in kalifornischer Erde Wurzeln geschlagen, die Motivationen stimmen, die Waage der Gerechtigkeit schlägt richtig aus, und Jack Nicholson ist schlicht grandios. Handwerk auf höchstem Niveau - aber damit gewinnt man in Cannes nicht. "Mulholland Drive" besitzt alle Merkmale eines "typischen Lynch". Bizarre Personen im Filmmilieu von L. A. tun bizarre Dinge. Ein Killer mordet drei Menschen und einen Staubsauger. Ein freundliches altes Paar verwandelt sich in tödliche Zwerge. Der Tod erweckt eine Frau zum Leben. Personen verdoppeln, Zeitebenen vermischen, Handlungsstränge beißen sich in den Schwanz. Alles ist, im Gegensatz zur "Straight Story" vor zwei Jahren, mit doppeltem Boden versehen und erreicht trotzdem nicht die Konsequenz seines Palmen-Gewinners "Wild at Heart" oder von "Lost Highway". "Mulholland" wurde fürs Fernsehen gedreht, und erst, als die ABC-Bosse verständnislos die Hände über dem Kopf zusammenschlugen, bot der französische Produzent Alain Sarde Lynch an, sein Material fürs Kino umzuschneiden. Beides, die TV-Ursprünge und die Verwundungen durch die Cutterschere, merkt man "Mulholland" an. Aus einem Guss hingegen ist Jacques Rivettes "Va savoir". Eine italienische Theatertruppe gastiert in Paris, wo die Hauptdarstellerin ihre frühere Liebe wieder aufsucht. Das schürt alte Feuer der Leidenschaft. Doch Rivette kocht auf kleiner Flamme; die Tänzer seines Reigens der Unentschlossenheiten sind sich über ihre Gefühle nicht im Klaren. Am Schluss siegen der Status quo und die Passion für das Theater, das den ganzen Film über auf der Bühne die Geschehnisse fern der Bühne klug kommentiert hat. Verglichen mit dem Rivetteschen Soufflé liegt der neue Godard "Eloge de l'amour" schwer im Magen. Didaktisch wirft er uns Thesen-Häppchen vor, die alles mit Geschichte und Kultur und nichts mit Elogen an die Liebe zu tun haben. "Es kann kein Verstehen geben ohne Erinnern und Universalismus", lautet seine Kernthese. Und die illustriert er mit Monologen, Dialogen, Off-Kommentaren, den Bilderfluss immer wieder mit Schwarzfilm unterbrechend. Dabei entwickelt Professor Godard ungewohnten Humor. In einer Szene kauft ein Anwalt von Steven Spielberg zwei alten Résistance-Kämpfern deren Lebensgeschichte ab; als sie den Vertrag durchgehen, seziert Godard à la Karl Valentin das Wort "Amerikaner": "Auch die Südamerikaner sind Amerikaner. Wer keinen eigenen Namen hat, hat auch keine Geschichte. Kein Wunder, dass sie unsere kaufen." "Eloge" deckt den ganzen Godardschen Gedankenkanon ab, doch mit Lust stürzt er sich auf die "Unkultur" der "Pain-in-the-ass-Americans". In diesem Punkt trifft sich der 70 Jahre alte Rebell mit der jungen Résistance gegen US-Kultur- und Businessimperialismus. Für die Anti-Spielberg-Tirade spendete Cannes Szenenapplaus. |