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Vom Mars auf die Erde herunter
Gespräch mit David Lynch
David Lynch, Mel Brooks hat Sie einmal als den «James Stewart vom
Mars» bezeichnet. Ihre letzten paar Filme kamen mehrheitlich vom Mars.
«The Straight Story» ist nun ganz James Stewart . . .
. . . von Iowa.
Genau. Was ist passiert?
Ich bin heruntergekommen. (lacht)
Und was hat Sie auf die Erde gebracht?
Die Lektüre dieses Drehbuchs. Ich liebte diese Geschichte und diese
Figur. Dann gab es nochmals einen Sprung, als Richard Farnsworth
einstieg. Wenn Sie sich in so eine Geschichte vertiefen, wird das zu
Ihrer ganzen Welt.
War das auch Ihre Welt, weil Sie von Ihrer Herkunft dazu einen Bezug
hatten?
Ich bin nicht allzu weit von Iowa aufgewachsen, etwas weiter westlich,
im Nordwesten. Ich bin in Kleinstädten aufgewachsen - wenn auch nicht
so kleinen wie diese. Es müssen in meinem Innern gewisse Dinge
herumschwimmen, die sich mit dieser Geschichte verbunden haben.
Die Werte, die der Protagonist verkörpert - die Weisheit des Alters,
auch eine fast religiöse Komponente -, sind das Werte, die Sie voll
und ganz teilen, oder betrachten Sie das aus der Distanz?
Die Weisheit des Alters, meine ich, ist etwas Wahres, im allgemeinen.
Aber es kann auch sehr junge weise Menschen geben. Das hängt für mich
mit Bewusstsein zusammen, und darüber könnte man endlos reden. Aber
wenn man viel Erfahrung hat und sein Lebensende erreicht und dem Tod
ins Auge blickt, denkt man anders. Man hält Rückschau und sieht Fehler
und dass man daraus auch lernen kann. Und wenn einem sich die
Gelegenheit bietet, etwas gutzumachen, gewinnt das mehr Bedeutung. Es
sollte auch wichtig sein, wenn man jung ist, und für viele Leute ist
es das auch. Hinzu kommt die Natur und all das. Diese Reise durch die
Natur hat für mich einen spirituellen Aspekt; im weitern geht es um
Vergebung und darum, eine Anstrengung auf sich zu nehmen, um ein
Unrecht wiedergutzumachen. Das ist für mich etwas Gutes. Es ist
schwer, das zu tun. Zu diesen Dingen habe ich durchaus einen Bezug;
ich glaube, damit kann jeder etwas anfangen.
Fühlten Sie sich eingeschränkt durch den Umstand, dass die Geschichte
auf Tatsachen beruht? Oder war es eine Herausforderung?
Nein. Geschichten kommen auf so viele verschiedene Weisen zustande.
Sie können rein aus dem Äther daherkommen, aus dem Ozean von Ideen;
sie können aus einem Buch kommen, wo der Autor sie aus dem Äther
erhalten hat; sie kommen aus einem Drehbuch; sie kommen aus dem
wirklichen Leben. Das spielt keine Rolle, denn letztlich sind es
Ideen, und die Umsetzung dieser Ideen ist ein schöner Prozess. Man hat
so viel an Tönen, Bildern und Sequenzen zur Verfügung, mit dem man
arbeiten kann. Das ist einfach das Grösste. Man hat auch die
Schauspieler, die einem so viel geben.
Es ist keine Einschränkung, denn bei jedem Film erkennt man ja, dass
man nur so und so weit von der Strasse abweichen kann. Und oft ist es
so, dass, selbst wenn man die Strasse verlassen will, diese das am
Ende gar nicht zulässt. Darum setzt man einen Fuss vor den andern und
marschiert seine Strasse entlang. Dieser Strasse muss man folgen,
egal, woher die Ideen kommen.
Hatten Sie andere Schauspieler im Sinn, bevor Sie Richard Farnsworth
besetzten, oder war er Ihre erste Wahl?
Ich glaube, sein Name fiel schon sehr früh. Sie wissen, wie das ist:
Da gehen alle möglichen Glocken, Pfeifen und Lämpchen los, und man
weiss einfach, das ist es. Trotzdem schuldet man es sich selbst,
Listen von verschiedenen Leuten anzulegen, um zu sehen, wie sie einem
vorkommen. Und im Kopf stösst man dann auf eine Szene, die der
Betreffende nicht machen könnte, wo es einfach nicht stimmt, aus dem
einen oder anderen Grund. Und Richard hat natürlich einen Test um den
andern glänzend bestanden. Er hat wunderschöne Sachen gemacht.
Michel Bodmer hat das Gespräch mit David Lynch am letztjährigen
Filmfestival in Cannes geführt, wo der Film im Wettbewerb lief.
6. Januar 2000 / Neue Zürcher Zeitung, 7. Januar 2000
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