Neue Zürcher Zeitung, 21.05.200154. Filmfestival Cannes

Das Leben und andere Missverständnisse

"La stanza del figlio" von Nanni Moretti - eine verdiente Goldene Palme

Als Film, über seine Form und innere Struktur, hat eigentlich nur einer Fragen gestellt, "Éloge de l`amour" von Jean-Luc Godard, der - im Unterschied zum Grossteil des Wettbewerbsprogramms, das sich mit Hingabe der Liebe und ihren Ablegern widmete - weniger von Liebe handelte als vom Widerstand, mit dem sich die Kunst am Geschäft, die Erinnerung an der Geschichte reibt. Nicht zuletzt damit war die Schweiz wieder einmal auf die kinematographische Weltkarte gebracht, was das Schweizerische Filmmuseum zu einem Empfang nutzte (Monsieur Godard haben wir nicht gesehen), der einen jedoch hart auf den Boden helvetischer Realitäten zurückbrachte: zwar ausnahmsweise Carlton Beach, zwar auf Wunsch auch Champagner, aber sonst nur gerade ein paar Oliven und Nüsschen. Wohl dem, der wie unser Berichterstatter schon gegessen hatte.

War es ein "grosses" Jahr? Bestimmt nicht. Epochale Filme, der Name sagt es, sind rar - ein Werk, das Francis Ford Coppolas "Apocalypse Now Redux" vergleichbar wäre, war nirgends zu sehen. Ein spannender Jahrgang? Auch nicht gerade. Die Auswahlkommission unter dem neuen Künstlerischen Direktor, Thierry Frémaux, hat zwar durchaus sperrige Arbeiten berücksichtigt (vgl. NZZ vom 12./13. bzw. 16.05.01), vor denen der Erkenntnisgewinn jedoch klein blieb. Wenige Filme waren es, die der allzu einfachen Konsumation Widerstand entgegensetzten. Etwa Alexander Sokurows betont schleppend inszenierter, auf verquere Weise komischer "Taurus". Wie schon in "Moloch" (1999), der Hitler Alpenfestung von Lemuren bevölkert zeigte, sind die Bilder wie mit Grünspan überzogen, und wie dort, doch deutlich abgemildert, grollt hier der Donner, wallt der Nebel über der ländlichen Szenerie, in der ein weitgehend vertrottelter, spastisch verkrümmter Lenin dem Tod entgegenkriecht. Schön der gespenstische Auftritt des namenlosen Nachfolgers im weissen Staubmantel. Kein leichter Brocken für Altleninisten.

Wohl keiner im zeitgenössischen Kino versteht es wie David Lynch, einen leeren Hinterhof so zu zeigen, dass einen fröstelt, und ein auf den Boden geworfenes Frauenkleid so, dass uns der Schreck in die Glieder fährt. Neben solchen und ähnlichen Momenten, neben Szenen von grimmigen Humor enthält "Mulholland Drive" jedoch auch Einstellungen von unsäglicher Banalität und wenn sich nach rund zwei Stunden in der letzten halben Stunde das bis dahin ganz amüsante Spiel um Identität und Transformation zweier Frauen wie "durch" einen Spiegel brüsk ins Gegenteil  verkehrt, kann man die Sache getrost den Filmseminaren überlassen. Bemühend auch die französische Variante der Prätention. Bei Jacques Rivettes "Va savoir" tropft de "Esprit" geradezu aus allen Ritzen und Fugen. Nicht ausbleiben konnte, dass diese reichlich läppische Theatergeschichte um Seelenpein und Gefühlsverwirrungen einer Pariser Intellektuellenszene zwischen Heidegger und Pirandello als Ausdruck konkreter Befindlichkeit empfunden wurde.

Was Alltag ist, und zwar durchaus in einem intellektuell-künstlerischen Milieu, und was Leben, das führte glücklicherweise einen Tag später "La stanza del figlio" von Nanni Moretti vor Augen. Der heute wohl interessanteste italienische Filmschaffende, der Autor, Regisseur, Darsteller, Produzent und Kinobetreiber, beschäftigt sich hier nicht wie in seinen letzen Filmen mit eigenen und den Neurosen seines Landes, sondern spielt einen Psychoanalytiker, dessen erfülltes Dasein an der Seite von Frau, Tochter und Sohn durch den tödlichen Tauchunfall des Jüngsten eine brutale Zäsur erfährt. Die schlichte Filmsprache ohne irgendwelche Schnörkel, aber auch ohne die geringste Unsicherheit stellt sich ganz in den Dienst der Registrierung selbst minimster Erschütterungen im Gefühlshaushalt der Figuren. Auf beeindruckende, reife Weise gelingt es Moretti, dem Schmerz Raum zu geben und dennoch, über die Geschichten der Klienten und seine nach wie vor ungebrochene Sportbegeisterung, "auflockernde" Impulse einfliessen zu lasse.

Christoph Egger