Die Presse, 21.05.2001

 Filmfestspiele in Cannes: Europas Kino wird - kurz vor Vergabe der Preise - favorisiert

Ein Memento mori - und der Milleniums-Mambo

Von Lynch bis Moretti, von den Coen-Brüdern bis zu Hou Hsiao-hsien reicht die Namensliste (und Stilpalette) des aktuellen Kinos, wie es sich beim 54. Filmfestival in Cannes dargestellt hat. Ein Resümee, knapp vor der Vergabe in Gold.

Von Stefan Griessmann

Um die Erinnerung geht es im Kino, wenn man der Auswahl, die einem in Cannes heuer vorgegeben wurde, vertrauen mag. Die Sicht auf die Welt aus der (zeitlichen) Ferne tönt die Filme melancholisch, auch ironisch, entrückt sie jedenfalls jedem Wirklichkeitsgebot: Mehr Historisierung, mehr Stilisierung, mehr erzählerische Distanz als in diesem Jahr hat es im Autorenfilm, wie es scheint, lang schon nicht mehr gegeben.

Hou Hsiao-hsien aus Taiwan etwa datiert seine neue lyrische Sozialstudie, Millenium Mambo, zehn Jahre voraus. Aus dem Jahr 2011, wie die Erzählstimme kundtut, blickt der Film auf Dinge zurück, die sich um 2001 ereignen: auf ein Jahr des schweren Schnees, auf die rasche psychische und physische Zerrüttung eines jungen Mädchens. Die antrieblose Heldin des Films (Shu Qi), gefangen zwischen perspektivlosen Beziehungen und hartem Drogenkonsum, ist die Basis eines ästhetisch hochkomplexen, nie moralisierenden Porträts der Partykultur Taipehs, festgehalten mit einer schwebenden Kamera, die zugleich Nähe und Distanz zu den Figuren signalisiert - in einem der definitiv schönsten Filmes dieses Festivals.

Das asiatische Kino hat in Cannes seine dominante Position in der Welt-Kinematographie erneut bestätigt - und überall historische Linien gesucht und gezogen: H Story etwa heißt (passenderweise) der neue Film des Japaners Nobuhiro Suwa, eine zwischen dem Essayistischen und der Fiktion unauflösbare Erzählung.

Das H der Story Suwas steht für die Historie ebenso wie für Hiroshima, einen Ort des Todes und (allem zum Trotz) der Liebe: Suwa selbst tritt als Filmemacher auf, der an einem (fiktiven) Remake von Alain Resnais` Hiroshima mon amour (1959) scheitert. Die Kommunikation zu seinem Star, der Französin Béatrice Dalle, erweist sich als gestört, die Schauspielerin selbst als zweifelnd und deprimiert. Überaus genau blickt Suwa auf die komplizierten Verflechtungen zwischen Kino und Geschichte, zwischen der Kunst und dem, was man leichthin Wirklichkeit nennt: eine Erinnerung an das Kino als Menschheitsgedächtnis, ein Memento mori, das den Krieg (wie den Film) als nie ganz vergangen darstellt.

Ein Fiebertraum

Die Erinnerung und der Terror ihres Verlustes sind zentrale Motive auch im Werk des Amerikaners David Lynch: Mulholland Drive delektiert sich am Kidnapping des Zuschauers, an einer neuen Fahrt Richtung Lost Highway. Lynch berichtet, im Stil eines Fiebertraums, unter anderem vom Intrigenspiel Hollywoods: In den Hinterzimmern der Unterhaltungsindustrie und unterwegs durch die nachtschwarzen Hollywood Hills konstruiert Lynch eine absurde, dem Nonsens fruendlich zugeneigte Horrorkomödie, eine Studie auch der Verlangsamung, der Dehnung, in der die vierziger Jahre und die Gegenwart zusammengedacht werden: In einer Welt, der die Zeit abhanden gekommen ist, muß man sich auch der Vernunft nicht mehr verpflichtet fühlen.

Kompromißlos ehrlich

An die Finsternis des alten Film Noir, dem Lynch so sehr verfallen ist, haben sich auch Joel und Ethan Coen, smarte Spaßvögel aus New York, wieder erinnert: Ihr jüngster Film, hitchcockianisch The Man Who Wasn`t There betitelt, gefällt sich als ironisches Noir-Replikat, mit einer Geschichte, in der sich ein stoischer, wortkarger Friseur Schritt für Schritt seinem eigenen Untergang entgegenbewegt. In den kunstvollen Schwarzweißbildern des Kamermanns Roger Deakins bleibt ein entfremdeter Billy Bob Thornton in einem Netz lakonisch bis bitter servierter Pointen hängen: in einem faszinierenden, aber unsteten Film, dessen ständiges Drängen vpm Tragischen ins Alberne viel an Wirkung einbüßt.

Ein einsamer Realist unter so viel Hyperrealisten, Italiens Nanni Moretti, hat sich in der Schlußphase der Filmfestspiele mit einer neuen Arbeit in Erinnerung gerufen. La stanza del figlio, das Drama eines familiären Verlustes, skizziert die Folgeschäden eines Todesfalls:

Der adoleszente Sohn einer Familie ertrinkt. Wie die Hinterbliebenen, insbesondere der Vater (Moretti selbst) mit der Tragödie umgehen, zeichnet der FIlm im Detail auf: wie der Alltag sich in einen Albtraum verwandelt, wie Arbeit unmöglich wird, wie das Vergangene das Gegenwärtige zu überschatten beginnt.

Nanni Morettis Inszenierung besticht durch Eleganz und Schlichtheit, durch den scharfen Blick des Filmemachers und dessen kompromißlose Ehrlichkeit: ein modernes Melodram ohne Rückzug ins Künstliche, ein Film, dessen emotionale Gewalt in Cannes selbst abgebrühte Kinogänger in Erstaunen versetzt hat.