Die Presse 25. 5. 1999

Durch ein vertrautes fremdes Land
Das 52. Filmfest in Cannes findet im Finale Wege aus der Mittelmäßigkeit - mit dem malerischen Stoizismus von Kitano und Lynch, mit minimalistischem Killerkino von Jim Jarmusch

VON STEFAN GRISSEMANN
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Wie Kitano befaßt sich auch der Amerikaner David Lynch mit Malerei. Seinem Film The Straight Story sieht man das an: Lynch spürt den kleinen Wundern des Land- und Straßenlebens nach, den windschiefen Holzhütten, dem bedeckten Himmel, den lodernden Feuerstellen, dem überfahrenen Wild. Die Erzählung basiert auf der Geschichte eines 73jährigen (makellos: Richard Farnsworth), der sich mit einem Vehikel, das man eigentlich zum Rasenmähen braucht, auf die Reise gemacht hat, um sich mit seinem Bruder auszusöhnen. Sechs Wochen dauert die Fahrt, ganz langsam geht sie dahin: eine Mission der Liebe wegen. Lynch setzt seine Surrealismen hier überraschend subtil - und berührend: eine straight story, eine geradlinige Erzählung, immer die Landstraße entlang, durch ein vertrautes fremdes Land, unter dem unergründlichen Sternenhimmel. Nur eine kleine Geschichte aus dem Universum: Schönere Wettbewerbsbeiträge als die Kitanos und Lynchs kann sich ein Filmfestival nicht wünschen.