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Rheinischer Merkur, 4. 1. 2002 |
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David Lynch gibt wieder Rätsel auf: "Mulholland Drive" Ich sehe was, was du nicht siehst Karl-Heinz Schäfer Der Mulholland Drive ist eine Straße, die sich, teils von Villen gesäumt, teils großstädtische Wildnis, in engen Serpentinen die Hügel von Hollywood hinaufwindet. Auf dieser Straße kurvt zu Beginn des neunten und zweifellos rätselhaftesten Films von David Lynch ("Wild at Heart", "Eine wahre Geschichte - The Straight Story") langsam und scheinbar ziellos eine schwarze Limousine. Im Fond sitzt eine dunkelhaarige Schönheit. Ihr ängstlicher Blick, gepaart mit einer gespenstischen Stille, lässt befürchten, dass etwas ganz Schreckliches unmittelbar bevorsteht. Und tatsächlich: Der Wagen hält an, einer der Männer auf den Vordersitzen - sie wirken beiden nicht Vertrauen erweckend - steigt aus und hantiert, einen Schalldämpfer benutzend, mit seiner Waffe. Soll die Frau ermordet werden? Dann geht alles blitzschnell: Ein entgegenkommendes Auto kracht in die Limousine, als sich der Staub wieder lichtet, sind die Männer tot, und die Frau liegt im Straßengraben, äußerlich kaum verletzt, aber dermaßen traumatisiert, dass sie ihr Gedächtnis verloren hat. Mit dieser beängstigend normalen Vision urbaner Gewalt - ein Drama, auf das anscheinend niemand aufmerksam wird, an einem Abend wie jedem anderen, mitten in der Millionenstadt Los Angeles - beginnt "Mulholland Drive", ein Film, der die Regeln des gewöhnlichen Erzählkinos zu verhöhnen scheint. Darüber sollte sich jeder, spätestens beim Lösen der Eintrittskarte, im Klaren sein. Und sich darauf gefasst machen, dass man diesem surrealen Thriller über den Moloch Hollywood nicht ohne weiteres folgen kann. Ebenso wenig sollte man die Hoffnung hegen, dass die losen Enden der labyrinthischen Handlung zum Schluss Sinn stiftend verknüpft werden. Es geht, sofern man das verlässlich sagen kann, um die zufälligen WG-Genossinnen Betty (Naomi Watts) und Rita (Laura Elena Harring), die das Geheimnis von Ritas Amnesie lösen wollen. Betty ist ein naives Landei und will, gerade erst in der Stadt der Engel angekommen, im Filmgeschäft groß rauskommen. Rita, die ihren Namen nicht mehr weiß und sich nach Rita Hayworth nennt, von der ein Filmplakat in Bettys Badezimmer hängt, ist ein einziges Rätsel. Gemeinsam gehen die Frauen Ritas Vergangenheit auf den Grund - und kommen dabei nicht nur einander extrem nahe, sondern bringen sich auch ungewollt in Lebensgefahr. Während sie wie zwei moderne, erotisierte Miss Marples ihre hübschen Nasen in alles reinstecken, geraten sie an unmenschliche Produzenten, arrogante Regisseure und widerwärtige B-Stars. Und je hartnäckiger sie Detektiv spielen, desto mehr werden sie von den düsteren Schatten der Traumfabrik verschluckt. Klingt alles ganz plausibel? Abwarten. Denn Lynch hat "Mulholland Drive" wie einen beklemmenden Albtraum inszeniert, der beim Aufwachen keinen Sinn mehr zu machen scheint. Aber es muss kein schlechtes Zeichen sein, wenn manche Figuren mittendrin Namen und Persönlichkeit ändern. Und wenn das Ende mehr Fragen aufwirft als beantwortet. Irreale Bilder, groteske Szenen und labyrinthische Episoden bilden die Basis für Lynchs Blick hinter die Kulissen von Hollywood - man muss sich den Regisseur dabei als Varietézauberer mit Pokerface vorstellen, der seine Zuschauer in Trance versetzen will. Erfahrungsgemäß gibt es im Publikum immer Menschen, die bei einer solchen Seance wach bleiben. Und andere, die sich mit einem Fingerschnippen hypnotisieren lassen. So wird es auch hier sein. "Mulholland Drive" ist eine Affäre von schöner, schrecklicher Künstlichkeit, sehr viel weniger ein Kommentar zum sicherlich beklagenswerten Stand der Dinge in der Filmindustrie als ein schwarzer Essay über Persönlichkeitsspaltung, Depression und die irremachende Diskrepanz zwischen Illusion und Realität. Zusammengehalten wird diese Chronik eines angekündigten Todes durch die Eleganz der fließenden Kamerabewegungen, die - unterstützt von der melancholischen Synthesizermusik von Lynchs Hauskomponist Angelo Badalamenti - eine Atmosphäre subtilen Terrors herstellen. Ob und welchen Sinn die Spurensuche der beiden Frauen ergibt, muss jeder für sich selbst klären. Der Regisseur liefert lediglich die Indizien, auch wenn er dabei unentwegt falsche Fährten zu legen scheint. In jedem Fall bündelt Lynch, wofür er in Cannes mit dem Regiepreis ausgezeichnet wurde, Emotionen wie unter dem Brennglas eines widerwillig faszinierenden, beklemmenden Albtraums. Man kann "Mulholland Drive" nur lieben oder hassen. |