Frankfurter Rundschau, 25.5. 1999

Straight Story
Zu "straight" für Cannes: Richard Farnsworth in David Lynchs "The Straight Story", dem jeder Preis verwehrt blieb.

Der alte Mann und das Kornmeer
Filme von Lynch, Kitano, Greenaway, Sayles und die Goldene Palme für "Rosetta"

Von Peter Körte
CANNES ist zum Glück nicht alles, was es von sich glauben machen will. "Einmal im Jahr", sprach der Leiter Gilles Jacob, "fühlt das Festival den Puls der Weltkinematographie". Nähme man die Metapher ernst, dann stünde Jacob einem Pflegeheim vor. Und wenn Le Monde soufflierte, an der Croisette liege "die Bastion einer Idee des Weltkinos, die sich von jener unterscheidet, die tendenziell den Planeten beherrscht", dann hallt auch daraus eine Rhetorik, die die Schwindsucht übertönen soll, die im internationalen Autorenkino seit Jahren grassiert. Die Urteile der Jury sollten das geschönte Selbstbild der Jury jedoch nachhaltig festigen. Gemessen am internationalen Markt sind Festivals allerdings längst eine Parallelwelt, und der Transitverkehr zwischen den beiden Galaxien wird immer dünner. Der Filmmarkt stagniert selbst an der Croisette, weil die meisten Produktions-Deals längst vorher gemacht sind. Zu entdecken gibt es nur noch wenig, so daß Käufer und Verkäufer vor allem um die noch verbliebenen Verleihrechte feilschen. Der "festival circuit", wie ihn die Amerikaner nennen, tritt mit dem Kommerz gar nicht mehr ernsthaft in Konkurrenz. "Hohe Kunst bringt niedrige Dividenden", resümierte das Branchenblatt Variety. Diese Kluft, die sich von Jahr zu Jahr weitet, ist irreversibel. So gleichen die Festivals inzwischen kleinen Inseln in der Populärkultur, deren Gezeitenwechsel sie gleichwohl unterliegen. Je weniger man sich mit missionarischem Eifer gegen diese Einsicht sträubt, weil man sich nicht mehr mit dem Nabel der Welt(kinematographie) verwechselt, desto entspannter und realistischer kann man betrachten, was in Cannes auf die Leinwand kam. Obwohl die großen Höhepunkte fehlten, ist der Pulsschlag dieses Jahrgangs kein Anlaß zum Grabgesang. Gesund ist der Patient nicht gerade, doch dahinraffen wird es ihn auch nicht so schnell. 1999 blieb ohne die "Ankunft eines wahren Cineasten", von der die französiche Presse unermüdlich kündet, obwohl gerade die einheimischen Beiträge von Carax bis Dumont in diesem Jahr besonders enttäuschten. Es war eher ein Jahr der kleinen Aufbrüche, bei denen sich Regisseure wie Sokurov, Egoyan, Lynch oder Kitano auf neues Terrain wagten. Mit unterschiedlichem Erfolg, aber in dem Wunsch, einem Image zu entkommen, das sie offenbar selbst blockiert. Wüßte man nicht, von wem The Straight Story stammte, auf David Lynch würde man schwerlich wetten. Der Film trägt seinen Titel, weil er sich direkt und geradlinig voranbewegt - und weil er die Geschichte der Brüder Straight erzählt. Um seinen älteren Bruder noch einmal zu sehen, mit dem er seit zehn Jahren nicht mehr geredet hat, schwingt sich der 73jährige, schon recht gebrechliche Alvin (Richard Farnsworth) auf seinen Rasenmäher mit selbstgebautem Anhänger und reist 500 Kilometer von Laurens, Iowa, nach Mount Zion, Wisconsin: der wiedergefundene Highway. Lynch, der selbst aus den Weiten Montanas stammt, meidet jede Bizarrerie, jeden sinistren Schlenker. Die Kamera fixiert zwar gelegentlich den Mittelstreifen der Straße wie in Lost Highway und schwebt in der Anfangssequenz in den Vorgarten wie in Blue Velvet, doch allenfalls in manchen der Fotos und Zeichnungen von Lynch glaubt man, ein fernes Echo der Welt von The Straight Story zu spüren. Der Film läßt den wortkargen alten Mann unterwegs ganz normale Provinzler treffen, mit zehn Stundenkilometern über schnurgerade Straßen durch endlose Kornmeere fahren und seine rührende Sturheit gegen alle Widrigkeiten triumphieren. So "straight" ist diese Story, daß sie fast schon wieder surreal erscheint. Robert Coover hätte diese wahre Begebenheit erzählen können oder Richard Ford, und wenn Alwin am Ende mit seinem Bruder (Harry Dean Stanton) vor dessen schäbigen Haus auf der Terasse sitzt, richtet die Kamera den Blick in den Himmel, damit man die Tränen in den zerfurchten Gesichtern, stoppelbärtigen Gesichtern nicht sieht. Und das ist gut so, weil einem vor lauter Wasser in den Augen der Blick verschwimmt.
Fast so bewegend war nur noch Takeshi Kitano mit seine an Buster Keaton erinnernden Spiel. "Wo sind die Komödien?" hatte Jurypräsident David Cronenberg nach dem ersten Blick aufs Programm gefragt. [...]