DAVID LYNCH
TWIN PEAKS IN FLAMMEN

Photos: A.
Mühlwisch
Mit "Twin Peaks"
stellte David Lynch die heile Welt der Fernseh-Krimis auf den Kopf. Jetzt
kommt der Spielfilm zum TV-Erfolg ins Kino und damit erfahren wir endlich
die nackte Wahrheit über den rätselhaften Mord an Laura Palmer.
Vom Erfolg der Fernsehserie
"Twin Peaks" wurde David Lynch selbst am meisten überrascht.
Die düsteren, rätselhaften Bilder, der makabre Humor, ein Spezialagent,
der so gar nichts mit den herkömmlichen TV-Detektiven zu tun hat,
all das schien am Geschmack des Massenpublikums vorbeizugehen. Doch stattdessen
ließ sich die weltweite Fernseh-Gemeinde von David Lynch in eine
fremde Fantasie-Welt entführen, der Mord an Laura Palmer beschäftigte
nicht nur TV-süchtige "Couch Potatoes". Und trotz der mehrteiligen
Staffeln, die gedreht wurden, blieben immer noch soviele Fragen offen,
soviele Rätsel ungelöst. Für alle, die von den teuflischen
Vorgängen in "Twin Peaks" nicht genug kriegen können,
reicht David Lynch jetzt den Spielfilm zur Serie nach.
David Lynch mit seiner hochschwangeren Frau und einem seiner Stars,
dem Lilputaner Michael J. Anderson, bei der Premiere von "Twin Peaks
- Der Film" in Cannes. Mit "Wild at Heart" hatte er vor
zwei Jahren die Goldene Palme errungen, heuer wurde ihm zu Ehren eine
Riesenshow veranstaltet.
TWIN PEAKS DAS SPEKTAKEL
Riesige Rauchwolken steigen
über der Croisette auf, kräuseln sich unter dem dunklen Mittelmeerhimmel
an der Cote d`Azur. Von roten Scheinwerfern angestrahlt, leuchtet das
Firmament. Es sieht aus, als würde das Nobel-Hotel Carlton in Flammen
stehen. Dann kristallisieren sich die Schriftzüge heraus: TWIN PEAKS.
Vor dem nachtschwarzen Meer,
am Strand des Carlton-Hotels, türmt sich eine gewaltige Leinwand
auf, die die Bilder von der Twin Peaks-Party beim Filmfestival in Cannes
überlebensgroß überträgt. Tausende Neugierige drängen
sich vor den Zäunen, die die Croisette absperren. Schauspieler erzählen,
wie sie David Lynch kennen lernten, wie sie ihn finden. Dann erklingt
live die hypnotische, weltferne Musik von Angelo Badalamenti, die schon
zum Markenzeichen für Lynch-Filme geworden ist. Dann die nebulose,
monotone Stimme von Julee Cruise (der Roadhouse-Sängerin aus "Twin
Peaks"), anschließend singt oder besser gesagt krächzt
der Liliputaner Michael J. Anderson (verkörpert in "Twin Peaks"
den "Mann aus einer anderen Welt").
David Lynch ist eine Kultfigur
in Cannes. Niemand hat noch vergessen, daß er vor zwei Jahren bei
den Filmfestspielen mit "Wild at Heart" die Goldene Palme für
den besten Film erringen konnte. Und seit seiner Kultserie "Twin
Peaks" eilt ihm ein beinahe legendärer Ruf voraus. Kein Wunder
also, daß man sich heuer beim Jubiläums-Festival ganz besonders
anstrengte, um die Uraufführung seines mit Spannung erwarteten "Twin
Peaks"-Spielfilms möglichst groß zu feiern.
Bei der Pressekonferenz wurde
David Lynch gefragt, ob seine Heldin Laura Palmer mit ihrer Kokainsucht
typisch sei für die Teenager heute in Amerika. "Natürlich
gibt es ein Drogenproblem in den Vereinigten Staaten," antwortete
Lynch. "Aber mir ging es nicht so sehr um die Drogen. Mich interessiert
an Laura Palmer, wie Gut und Böse in ihr miteinander ringen. Sie
wird von den bösen Kräften aufgezehrt."
Der "Twin Peaks"-Spielfilm
wurde schon von Francis Bouyges produziert, mit dessen "Ciby Pictures"
Lynch einen Vertrag für weitere drei Filme abgeschlossen hat. Bouyges
ist eigentlich Bauunternehmer. Für Aufsehen sorgte er, als er den
ersten Kanal des französischen Fernsehens (TF1) kaufte. Er ist mit
seiner Firma außerdem wesentlich an der Errichtung des Kanals zwischen
England und Frankreich beteiligt. Seine "Ciby Pictures" finanzieren
auch Bernardo Bertoluccis neuesten Streifen "Kleiner Buddha".
In Cannes versicherte Lynch, daß ihm Bouyges jegliche nur erdenkliche
künstlerische Freiheit garantiert hätte. Und die hat der Zeremonienmeister
des Alltags-Horrors auch ausgiebig ausgenützt. Der "Twin Peaks"-Film
ist eine Alptraum-Reise durch einen LSD-Horror-Trip. Halluzinationen wechseln
mit sexuellen Ausschweifungen, tödliche Bedrohungen, Exzeß
und Vergewaltigung sind an der Tagesordnung. Der Pop-Sänger Chris
Isaak irrt als Spezialagent Chester Desmond durch das Waldstädtchen
an der amerikanisch-kanadischen Grenze. An der Oberfläche ähnelt
Twin Peaks einem harmlosen Idyll, das Sonntagswanderer locken könnte.
Doch hinter der Fassade lauert die Hölle. Eine Frage war unvermeidlich:
Wird es noch mehr Lynch-Filme über Twin Peaks geben?
Lynchs Antwort darauf:
"Die Fernsehserie ist mit Sicherheit zuende. Aber ich habe mich in
meine Figuren, die ich für "Twin Peaks" erfunden habe,
verliebt. Ich glaube, daß ich ihnen noch einiges an Abenteuer und
Fantasie abgewinnen kann. Insofern ist es durchaus denkbar, daß
ich einen zweiten "Twin Peaks"-Spielfilm drehe.

Kyle MachLachlan,
der Spezialagent Dale Cooper, ist auch im "Twin Peaks"-Kinofilm
wieder im Einsatz, samt Diane, seinem unvermeidlichen Begleiter.

Cannes-Premiere:
Lynch-Komponist Badalamenti, Sängerin Julee Cruise und "Twin
Peaks"-Star James Marshall.


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