|
Der Spiegel Nr. 1 / 2002, p.159 |
|
Aus einem gescheiterten Fernsehprojekt hat David Lynch einen bizarren Kino-Thriller gemacht: "Mulholland Drive". Die Helle und die Dunkle, die Blondine und die Brünette, das Engelchen und die Femme fatale. Alles beginnt in dunkler Nacht, als die schöne Dark Lady im Fond eines Cadillac eine Pistole auf sich gerichtet sieht und im selben Augenblick ein anderer Wagen in diesen Cadillac hineinkracht. Die Frau, in Schock und Panik, flieht in die Nacht hinaus, überquert eine Straße, die ein Schild als "Mulholland Drive" ausweist, und versteckt sich hinter einer Hecke. Dass sie Grund dazu hat, zeigt sich später: In ihrer Tasche stecken dicke Bündel von 1000-Dollar-Scheinen. Am anderen Morgen schlüpft sie in einer nahen Wohnanlage in ein Apartment, das sie für leer hält. Die Geschichte geht weiter damit, dass in dem Apartment kurz darauf eine muntere Blondine namens Betty auftaucht, eine Nichte der abwesenden Bewohnerin, zu Besuch frisch in Los Angeles eingetroffen. Betty hat zu Hause im ländlichen Kanada einen Jitterbug-Wettbewerb gewonnen und fühlt sich dadurch qualifiziert, ihr Glück in Hollywood zu suchen. Rasch wird ihr klar, dass die Unbekannte in der Wohnung durch den Unfallschock ihr Gedächtnis verloren hat, und Betty, patent wie sie ist, stürzt sich geradezu in die Aufgabe, der Fremden zu helfen, die sich Rita nennt, indem sie deren Unglück und Identität zu enträtseln sucht. Klingt so weit ziemlich gut, oder? Die geheimnisträchtig-bedrohliche Grundstimmung und ein paar farbig umrissene Nebenfiguren - ein misstrauisches Kriminalistenduo am Unfallort, die mysteriöse Concierge der Apartmentanlage, ein panisch herumballernder Profikiller, ein genialischer Jungregisseur, der dem Wunschstar seines Financiers von der Mafia nicht die Hauptrolle geben will - versprechen einen scharfen, überraschungsreichen Mystery-Thriller. Schließlich ist der Mulholland Drive, der sich über den Rücken der Hollywood Hills schlängelt, eine der exklusivsten Staradressen der Welt: Wo Geld, Macht, Ruhm und Glamour hinter so hohen Fassaden hausen, müssen Abgründe, wenn sie sich öffnen, sehr tief sein. Aber wie kann es weitergehen mit der Spurensuche nach Ritas Vergangenheit und der Jagd nach Bettys Zukunft als Star, wobei - hier wie dort - zwei rätselhafte Frauennamen, Diane Selwyn und Camilla Rhodes, Schlüsselrollen zu spielen scheinen? Die Bosse des TV-Kanals ABC sollen entzückt gewesen sein, als sich David Lynch 1998 darauf einließ, ein neues Projekt für sie zu entwickeln, und die bewilligten dem Schöpfer der legendären Kultserie "Twin Peaks" von 1990 ein üppiges Budget für einen Zwei-Stunden-Pilotfilm. Jeder Kinofilm hat - einer Godard zugeschriebenen Theorie zufolge - einen Anfang, eine Mitte und ein Ende, jedoch nicht unbedingt in dieser Reihenfolge. Eine TV-Serie hingegen kann sich (und das macht ihr Konzept für Lynch so faszinierend), wenn sie einmal in Gang gekommen ist, immer weiter verzweigen, auch im Kreise drehen und muss im Idealfall nie zu einem Ende kommen. Lynchs Exposition ist erzählerisch grandios und gespickt mit visuell verblüffenden, wenn auch noch ganz unerklärlichen Volten. Aber, oje, dieser Anfang 1999 gedreht Pilotfilm geriet 125 Minuten lang, und als Lynch ihn vertragsgemäß auf 88 Minuten gekürzt hatte, blieb eine bizarre Ruine übrig, die niemand bei ABC mehr haben wollte. Was nun in zweieinhalb Kinostunden zu sehen ist, besteht wohl im Wesentlichen aus jenem Pilotfilm sowie einem neu gedrehten Schlussdrittel, das aber keines der Rätsel löst, sondern alles Vorherige auf eine Weise umstürzt, dass dem Zuschauer schwindlig wird: Sogar die Helle und die Dunkle, die Naive und die Melodramatische scheinen plötzlich ihre Rollen getauscht zu haben. Die beiden bislang kaum bekannten Darstellerinnen, aus denen der Magier Lynch unwirklich-unergründlich faszinierende Geschöpfe gemacht hat - die Engländerin Naomi Watts und die aus Mexiko stammende Laura Elena Harring, Ex-Miss-USA und geschiedene Gräfin von Bismarck - sind nun nicht mehr "Betty" und "Rita", sondern tragen selbst die Namen Diane Selwyn und Camilla Rhodes und stellen ein von Leidenschaften zerrissenes Liebespaar dar: arriviert in der Glitzerwelt des Mulholland Drive. Fanatischen Lynchologen, den Pynchologen nicht unverwandt, diskutieren auf Websites in den USA inzwischen die Bedeutung jedes Details bis hin zu einem Hundehaufen am Straßenrand, als wäre Lynchs Kunst eine Art Ostereierverstecken für höhere Semester. Tonangebend ist derzeit die Theorie, bei den ersten zwei Dritteln handle es sich um einen Traum von Diane Selwyn, dem aber chronologisch der Schlussteil vorangehe. Wohl war: Lynch musste ein Ende erfinden, von dem her man zu einem Anfang zurückspekulieren kann; doch leichter als durch die Schlüssellöcher eines Dechiffriersyndikats ist der Eintritt ins Lynch-Universum noch immer, wenn man sich auf delirierenden Klangteppichen in die subversive Sinnlichkeit seiner Traumbilder hineinziehen lässt. Weh dem, der Symbole sieht!
URS JENNY |