| Splatting Image Nr.28 (Dezember 1996) | |
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Ein psychopathischer Moebius LOST HIGHWAY
USA 1996, Regie: David Lynch; Drehbuch: David Lynch, Barry Gifford; Produktion: Deepak Nayar, Tom Sternberg und Mary Sweeney; Musik: Angelo Badalamenti; Darsteller: Bill Pullman, Patricia Arquette, Balthazar Getty, Robert Blake, Robert Loggia, Gary Busey, u.a. "Dick Laurent is dead!" - mit diesem Satz beginnt David Lynchs neuestes Meisterwerk LOST HIGHWAY. Fred Madison (Bill Pullman), der diese Nachricht über die Sprechanlage seines Hauses entgegennimmt, geht zum Fenster, um den Überbringer zu identifizieren - doch als er auf die Straße vor seinem Haus blickt, findet er sie einsam und verlassen vor. An diesem Abend wird ihn seine Frau Renee (nur geil: Patricia Arquette) nicht in den Nachtclub begleiten, in dem er als Saxophonspieler auftritt - ein Buch wolle sie lesen, Ha!!!, als Fred in einer Pause anruft, nimmt zu Hause niemand ab. Doch als er mitten in der Nacht heimkommt, liegt sie friedlich schlummernd im Bett. Am nächsten Morgen findet Renee auf den Stufen ihres Hauses einen Umschlag ohne Adresse und ohne Absender, der Inhalt ist eine unbeschriftete Videokassette. Sie zeigt nichts weiter als eine Außenansicht ihres Hauses, bis die Aufnahme schließlich mit einem "weißen Rauschen" abbricht. Die zweite Kassette läßt nicht lange auf sich warten, wieder der Beginn mit der Außenansicht, dann das Innere des Hauses, bis die seltsame Kamerafahrt (alles wird von oben gezeigt, als ob die Kamera direkt unter der Decke [entlangkröche]) auf dem schlafenden Pärchen endet. Die nun herbeigerufenen Bullen können kein gewaltsames Eindringen feststellen - äußern sich aber auch erstaunt über den ungewöhnlichen Blickwinkel der Kamera. Das dritte Band geht wiederum einen Schritt weiter - Fred scheint zu erwachen und blickt direkt in die Kamera, erinnern kann er sich jedoch an nichts. Als er am gleichen Abend mit Renee auf eine Party geht, wird er von einem Fremden angesprochen, der vorgibt, Fred schon in seinem Haus getroffen zu haben. Um genau zu sein, auch gerade in diesem Augenblick würde er sich in Freds Haus aufhalten. Zum Beweis übergibt er Fred ein Handy - er solle bei sich anrufen - am anderen Ende antwortet tatsächlich der Fremde. Nach diesem verständlicherweise sehr verstörenden Gespräch fährt Fred mit Renee nach Hause. Wieder ein Morgen, wieder eine Kassette - Fred sieht sie sich alleine an: Das Band zeigt eine grausam zerstückelte Renee und einen blutüberströmten Fred - offensichtlich hat er in dieser Nacht seine Frau getötet. Fred wird des Mordes angeklagt und in eine Zelle für Todeskandidaten gesteckt, als er plötzlich von heftigsten Kopfschmerzen befallen wird. Die Wärter können nichts für ihn tun und lassen Fred mit seinen Schmerzen allein. Am nächsten Morgen wartet eine böse Überraschung auf sie. Nicht mehr Fred Madison sitzt in der Zelle, sondern der jüngere Pete Dayton (Balthazar Getty), der absolut keine Ahnung hat, wie er hierhin gekommen ist. Von Fred Madison fehlt jede Spur. Der Gefängnisverwaltung bleibt nichts anderes übrig, als Pete seinen Eltern zu übergeben, jedoch nicht ohne zwei Bewacher an seine Fersen zu heften. Doch bei Gesprächen zwischen Pete und seiner Freundin Sheila wird deutlich, daß auch Petes letzte Nacht nicht gerade normal verlief. Pete schien plötzlich ein äußerst seltsames Verhalten an den Tag gelegt zu haben. Nach kurzer Erholungsphase entschließt sich Pete, wieder seiner geregelten Arbeit in Arnies (sehr schön Richard Pryor) Autowerkstatt nachzugehen, wo er auch schon sehnsüchtig erwartet wird - offensichtlich ist er auf diesem Gebiet eine Koryphäe. Als erster, und wohl auch bester, Kunde taucht Mr. Eddy (Robert Loggia) auf, ein Mafioso reinsten Wassers. Auch Petes Schatten draußen auf der Straße erkennen Mr. Eddy, nur unter einem anderen Namen: DICK LAURENT. Sein Mercedes mache Probleme, meint Mr. Eddy/Laurent, da müsse mal was eingestellt werden, und so geht es los auf eine kleine Testfahrt durch die Los Angeles umgebenden Berge. Mr. Eddy/Laurent steuert seinen Wagen, der übrigens so aussieht, als ob ein paar Mechaniker von Volvo noch Extra-Stoßstangen angeschweißt hätten, sicher über die kurvige Bergstraße, bis von hinten ein Ami in seiner Ami-Schüssel dicht auffährt, dem Mr. Eddy durch ein Winken bedeutet, doch endlich zu überholen. (Oh, ich merke, wie ich diesen Moment beim Schreiben auskoste, verzögere - bis ich dazu komme, daß) In diesem Moment David Lynchs ganze cinematographische Gewalt auf der Leinwand losbricht: Zwei Leibwächter, die sich nur ganz ruhig anschnallen; ein Mercedes, der unter Vollgas zum brüllenden, wilden Tier wird; der Aufprall und das Kreischen von Metall auf Metall, als der Mercedes den vor sich fahrenden Wagen auf die Stoßstange nimmt und auf einen Abgrund zuschiebt. Besagter Ami wir durch die eingeschlagene Seitenscheibe aus seinem Auto gezerrt und bekommt einen Vortrag über "dichtes Auffahren" gehalten, den er sicherlich sein Leben lang nicht vergessen wird (über diese Szene wird man sich unterhalten). Schon am nächsten Tag bringt Mr. Eddy seinen Cadillac (ein offener Traum in schwarz, ca. 15 Meter lang) zur Inspektion, in Begleitung einer jungen Frau, die Renee Madison sehr ähnlich sieht, bis auf die Tatsache, daß sie blonde Haare hat. Pete ist sofort von dieser Frau, die sich Alice nennt, fasziniert und beginnt, da seine Gefühle erwidert werden, eine heftige Affaire mit ihr. Als Sheila zufällig davon erfährt, macht sie Pete eine Szene, in der sie wieder die seltsamen Vorgänge in der Nacht der Transformation zur Sprache bringt, ohne jedoch Genaueres zu äußern. Alice und Pete wisse, daß Beziehung nicht auf Dauer vor Mr.Eddy/Laurent verheimlicht werden kann, und so überredet Alice Pete zu einem Überfall auf Andy, eine zwielichtige Gestalt und ein alter "Kunde" von ihr (Andy stellt sich als der Gastgeber jener Party heraus, auf der Fred und Renee in der Nacht des Mordes waren). Mit dem erbeuteten Geld möchten unsere beiden lovebirds die Stadt verlassen, um irgendwo ein neues Leben zu beginnen, wo Mr. Eddy sie nicht finden kann. Doch der Überfall verläuft nicht ganz so glatt wie geplant: Pete erfährt, daß Andy im Auftrag von Mr. Eddy mit Alice Pornos drehte und tötet ihn in einem Handgemenge - genauer: Andy knallt mit seiner Stirn in einen Glastisch und bleibt in der Tischkante stecken (auch über diese Szene wird man reden). Alice hat mit einem Mal nur noch eine Sorge: der Schmuck muß zu Geld werden - sie fährt mit Pete zu einem einsamen Haus in der Wüste, um ihren Hehler zu treffen. Als dieser nicht anzutreffen ist, vertreibt man sich die Zeit mit einem Fick - daraufhin verschwindet Alice. Und aus Pete wird wieder Fred .... ... der zu einem Motel fährt, in das auch Renee und Mr. Eddy/Laurent für eine Liebesnacht abgestiegen sind. Während Renee in den frühen Morgenstunden das Hotel verläßt, schnappt sich Fred Mr. Eddy und entführt ihn in die Wüste. Als es zum Kampf kommt, ist plötzlich der "Mystery Man" auch wieder da - er drückt Fred ein Messer in die Hand und zack! hat Mr.Eddy einen zweiten Mund unter dem Kinn. Fred fährt nach Hause und sagt in die Sprechanlage "Dick Laurent is dead". Als er von Polzeiwagen verfolgt flüchtet, beginnt einen erneute Transformation... Oh Gott, was für eine Inhaltsangabe - hat irgendjemand noch Interesse an LOST HIGHWAY? Aber was läßt man weg, in einem Film, der wie ein Puzzle funktioniert - bis man nicht das letzte Stück eingesetzt hat, macht das Ganze keinen Sinn Und so ist auch LOST HIGHWAY ein Gesamtkunstwerk, komplettiert sich erst in der Verbindung von Bild und Ton. An Interpretationen werden sich noch Heerscharen von Journalisten ergehen, alle werden wahrscheinlich zulässig und auch richtig sein Und doch ist der ganz besonderen Kunst Lynchs zu verdanken, daß man nicht ratlos aus dem Kino kommt, sondern daß alles einen Sinn ergibt. In seiner kreisförmigen Struktur, deren Ausgangs- und Endpunkt der Satz "Dick Laurent is dead" bildet, erinnert Lynchs Film an die verstörenden Bilder eines M.C. Escher, der es wie kein zweiter Verstand, sich selbst reproduzierende Unendlichkeiten in eine bildliche Form zu bringen. Ein weiterer Hauptaspekt von Eschers Arbeit waren die Metamorphosen und Spiegelungen - eine klare Aussage über DIE Realität ist bei diesen Bildern nicht zulässig. Fred äußert sich über "Realitäten" bei einer Befragung durch die Polizei, nein, Videokameras möge er nicht. "I like to remember things my own way...How I remember them. Not necessarily the way they happened." Und so gibt es auch bei LOST HIGHWAY mehrere sich ergänzende, bzw. spiegelnde Realitäten. Die kleine Vorsilbe "Mad" bei Madison dürfte aufmerksamen Leuten nicht entgangen sein, genausowenig wie das "Day" bei Dayton. Ein und derselbe Charakter, mit verrückten und lichten Momenten? Eine schizophrene Persönlichkeit, die in einem Anfall von Eifersucht die eigene Ehefrau zerstückelt, um sich dann in die Identität eines unschuldigen Automechanikers zu flüchten, der zum Spielball durchtriebener Mafiosi und einer skrupellosen Frau wird?? Und Lynch, der seinen Film als "film noir thriller" bezeichnet, färbt in diesen Szenen Patricia Arquettes Haare blond und setzt sie in einen alten amerikanischen Wagen, eine femme fatale, die nur der Untergang des jungen Pete Dayton sein kann. Am Ende, als Pete und Alice zum letzten Mal ficken, bevor sie verschwindet, und Pete wieder zu Fred wird, sagt sie etwas entscheidendes: "You will never have me". Armer Fred/Pete - er macht sich zum Idioten, entweder geht seine Frau fremd, oder sie benutzt ihn, um einen ehemaligen Freier umzubringen. Es ist ein immer wiederkehrendes Moment in Lynchs Filmen - die destruktive Kraft von Frauen, oder die schwanzgesteuerte Schwäche von Männern (beide Blickwinkel sind zulässig). Und so ist LOST HIGHWAY zwar ein Film über einen Mann, der (wahrscheinlich) seine Frau umgebracht hat, sein Star ist allerdings eben jene Frau. Patricia Arquette verleiht ihrer Renee/Alice die zielgerichtete Verletzlichkeit, die auch schon ihre Rolle als Alabama in TRUE ROMANCE so atemberaubend machte, und bei der man sich als Mann leicht vorstellen kann, warum Fred/Pete so leicht in die Falle gehen. Schutzbedürftig wie ein Kind, sexy ohne Ende und undurchsichtig wie eine Sphinx. Wie erbarmungslos Lynch mit seinen Helden umgeht, wird besonders in der Figur des "Mystery Man" als alter ego des Regisseurs deutlich. Zuerst beweist er seine allmächtige Stärke durch beliebiges Betreten von Freds Haus, filmt aus Perspektiven, die praktisch nicht möglich sind, hält sich an zwei Orten gleichzeitig auf und drückt ihm schließlich ein Messer in die Hand, um Mr. Eddy zu töten. Fred/Pete Madison/ Dayton ist ein Mann ohne jede Chance. Während diese Kritik entsteht, wird mir ein Punkt immer klarer: Es ist ziemlich nutzlos, über LOST HIGHWAY zu schreiben. Ohne die Bilder zu sehen, ohne den Ton zu hören, erfährt man nichts weiter , als daß LOST HIGHWAY ein außergewöhnlicher Thriller zu sein scheint: Der Alptraum eines Verrückten. Nichts kann in diesem Fall die eigene Erfahrung ersetzen, keine vorgefertigte Meinung aufgrund dieser oder noch folgender Kritiken, die nicht ins totale Gegenteil verkehrt werden könnte. Man mag diesen Film als Tekkno-Noir-Thriller sehen, als philosophischen Exkurs über Realitätswahrnehmung und -spiegelungen, alles ist richtig und gültig. Aber besonders - seht ihn Euch an - EIN MEISTERWERK. Nicht unerwähnt bleiben sollten die Jungs von Rammstein, jene Leatherstrip / Krupps / Clawfinger / EBM- Metal - Cross - Over-Gruppe, die mit ihrer Debut-CD "Herzeleid" schon über 100.000 verkauft haben, und die durch absonderlichste Zu- und Glücksfälle mit zwei Liedern bei LOST HIGHWAY vertreten sind. Und zwar nicht so leise dudelig im Hintergrundradio, sondern so richtig brutal über den Bildern. Das kommt dann gleichermaßen geil und verstörend, immerhin sieht man einen amerikanischen Film, und es knallen einem deutsche Lyrics ums die Ohren - aber Lynch war seiner Zeit schon immer voraus. In diesem Sinne: Ein Mensch brennt.
-mk [Mark Klocker] |