US-Wildnis und kein Schutz vor ihr
Verlangsamung hinein in einen süßen Horror: David Lynchs "The Straight Story"
Claus Philipp
Wien - Es ist unmöglich, das Landschafts und Menschenbild des David Lynch abgelöst von den Pionier-Erfahrungen zu sehen, die die US-amerikanische Malerei wie auch Literatur essenziell prägen.
Wer heuer die Amerika-Ausstellung in der Österreichischen Galerie im Oberen Belvedere besuchte, weiß: Es ist frappant, wie sich seit dem 17. Jahrhundert eine Unsicherheit gegenüber der oft auch dämonisierten Wildnis in Genrebildern familiärer Zivilisation manifestierte. Privaten Idyllen und Innenräumen, die die Unwägbarkeiten des Außen, das noch nicht erschlossen ist, nie wirklich leugnen konnten. Wer bei Cooper, Hawthorne, Poe oder Algernon Blackwood nachliest, ahnt, dass Schwindelgefühle in räumlicher Weite mit klaustrophobischer Beengtheit kommunizieren.
Dieses permanente Taumeln, das sich immer wieder gerne hinter selbstbewusster Bodenständigkeit verbirgt, infiziert selbst lichteste Stimmungen. Jede Absicherung der Kolonisatoren trägt auch Schuld in sich. Alles wird schließlich verdächtig: So auch bei Lynch, wenn er am Anfang von The Straight Story eine Vorgarten-Gemütlichkeit mit einem harten Schlaggeräusch aus dem Off konterkariert. Man konnte schon in Blue Velvet oder zuletzt Lost Highway den Idyllen nicht trauen. In den eingängigsten musikalischen Schmachtfetzen lauerte ein süßer Wahn. Warum also nicht auch hier?
The Straight Story wird nun gerne als bis dato "mildester" Film des Regisseurs besprochen. Das liegt an einer vordergründigen Interpretation eines vordergründig sehr geradlinigen Plots: Der greise Alvin Straight (Richard Farnsworth) will sich mit seinem Bruder (Harry Dean Stanton) versöhnen. Mit einem Rasenmäher-Traktor zuckelt er quer durch den Mittelwesten.. Er begegnet weitgehend anständigen Mitmenschen. Das ist alles. Für viele ist es offenbar zu wenig. Disney with a vengeance hat es ein US-Kritiker im Verweis auf "benachbarten" Kitsch genannt.
Schizo-Harmonie
Man ist nun geneigt, diesem Misstrauen gegenüber der altersmilden Idylle, die Lynch noch dazu in perfekt kadrierten Bildern abbildet, etwa die Harmonien des schizophrenen Brian Wilson (Beach Boys) entgegenzuhalten. Oder: die gemeingefährliche Schönheit einer Orchesterkomposition von Van Dyke Parks. Oder: den greisen Johnny Cash, der nach Jahren des Kampfes Vorahnungen eines Jenseits besingt. Oder, ganz einfach: Lyrik von Walt Whitman.
Denn im Wesentlichen setzt sich Lynchs sonnendurchflutetes und dann wieder sternenüberdachtes Szenario doch - wie alle großen Werke der US-Moderne - weitgehend aus Erfahrungen von Angst und Schrecken zusammen:
Körperlichem Schmerz, der bewegungsunfähig macht, bis man in der weitesten Weite auf den engen Radius extrem verlangsamter Fahrten zurückfällt. Traumata: Der geistig behinderten Tochter (Sissy Spacek) des Helden wurden nach einem Unglück die Kinder entzogen. Straight selbst trifft einen Teenager, den es im katastrophalen Elternhaus nicht mehr hält. Er spricht mit einem anderen Greis über Kriegserlebnisse. Und selbst wenn eine Autofahrerin am Straßenrand komisch flucht, bezeugt ein toter Hirsch vor ihrem eingedellten Wagen eine nicht kontrollierbare zerstörerische Kraft.
Und noch etwas gelingt Lynch mit seiner Geschichte einer Verlangsamung: Ungewohnt bedrohlich erscheinen auf einmal die alltäglichsten Konstanten des Road-Movies, eines Genres, das eigentlich Landschaft und Bewegung feiert. Reale Monstrositäten des ultramobilen american way of life werden plötzlich wieder fühlbar gemacht.
Gleich zu Beginn: Alvins hinfälliger Körper in einer kalten Health-Center-Baracke. Später: die physisch fühlbare, lärmende Verdrängung, die von riesigen Sattelschleppern bei ihren Überholmanövern ausgeht. Der Schrecken einer Talfahrt ohne Bremsen. Oder: die Ausgesetztheit des Basenmähermannes, als er eine endlos lang anmutende Brücke überquert. Es ist, als könne der Mensch mit seinen Konstruktionen irgendwann einmal nicht mehr mithalten. Die Metall-Verstrebungen wachsen ihm über den Kopf.
In einem Amerika, in dem heutzutage alte Menschen von ihren Familien nicht selten abgeschoben werden, weil man sich Oma und Opa aus Mangel an sozialer Absicherung nicht mehr leisten kann, ist dies auch ein politischer Beitrag. Für das Kino dieser Tage, in dem die Horrorfilme boomen, ist The Straight Story eine unübliche Studie von süßem, alltäglichem Grauen. Ab heute im Kino.