Moviestar Januar / Februar 2002, p.34-35

Mulholland Drive Strasse der Finsternis

 

Trip in die Traumwelt der Großstadt

Justin Theroux and Laura Elena Harring in Mulholland Drive

 

Der Mulholland Drive, der bereits in dem Thriller Mulholland Falls mit Nick Nolte, Melanie Griffith und Jennifer Connelly eine wichtige filmische Rolle spielte, zieht sich hoch über Los Angeles an den Bergen entlang. Steile Wände strecken sich auf der einen Seite in den Himmel und auf der anderen stürzt der Abgrund in bodenlose Tiefen. Eine schöne Lady gleitet auf dem Rücksitz einer Nobellimousine durch die Nacht, als der Wagen plötzlich mit dem Auto durchgeknallter Teenager kollidiert. Als sie erwacht, ist sie äußerlich fast unverletzt, aber der Unfall hat sie von der überschaubaren Straße ihres bisherigen Lebens auf einen verlorenen Highway geschleudert - denn sie weiß nicht mehr, wer sie ist...

So beginnt der neue Film von Ausnahmeregisseur David Lynch. Nach seinem einfachen. geradlinigen, in wunderschönen Landschaftsaufnahmen schwelgenden Road-Movie The Straight Story, in dem der Titel quasi Programm war, verfolgt der Meister nun erneut die Linie weiter, die er in seinen Meisterwerken Blue Velvet und Lost Highway erkundet hat. Wieder hat Lynch kein Interesse daran, eine Geschichte zu erzählen, sondern wandelt auf vielschichtigen, verschlungenen Traumpfaden. Folgen wir ihm nun noch ein Stück tiefer hinein in dieses Labyrinth aus Personen, Orten und Motiven, in dem sich der Zuschauer immer mehr zu verlieren beginnt und in dem auch die Figuren verloren erscheinen...

Nachdem die an Gedächtnisschwund leidende Frau eine Nacht lang ziellos umhergeirrt ist, findet sie in einem leerstehenden Haus eine vorübergehende Bleibe. Doch sie ist dort nicht lange allein, denn auf einmal steht eine junge, gutgelaunte Frau im Raum, die aus Kanada in die Stadt der Engel gekommen ist, um ein Star am Filmhimmel zu werden. Ihr Name ist Betty Elms, und das Haus gehört ihrer derzeit abwesenden Tante. Betty hält die fremde Lady prompt für eine Freundin ihrer Tante. Die Unbekannte, die gerade das Plakat zum Film Noir Gilda mit der einstigen Kinogöttin Rita Hayworth vor Augen hat, stellt sich rasch als Rita vor.

Zur selben zeit versaut ein Killer seine Auftrag und patzt mehr Leichen zusammen, als er eigentlich sollte, und ein anderer Mann blickt auf dem Parkplatz eines Lokals dem puren abscheulichen Bösen ins Auge, und dann ist da noch der Erfolgsregisseur Adam Kesher, der weder Angst noch Sorge kennt, liefert er doch einen Hit nach dem anderen ab. Da hat er auch kein Verständnis dafür, daß er auf Druck von außen die ihm unbekannte Camilla Rhodes für die Hauptrolle seines neuen Films engagieren soll. Der selbstsichere Kesher weigert sich, diese Drohungen ernstzunehmen.

Aber damit fängt sein Ärger richtig an: Erst überrascht er seine Frau mit einem Handwerker beim Sex, dann kassiert er Prügel von ihr, schließlich sagt man sein Filmprojekt ab. Als Kesher völlig ausgepowert ist, trifft er an einem gottverlassenen Ort auf den geheimnisvollen "Cowboy", der ihm klarmacht, daß er nur eine Chance hat, wenn Camilla die Rolle bekommt: "Du wirst mich noch einmal treffen, wenn du deine Sache gut machst - und noch zweimal, wenn nicht!"

Untermalt von Angelo Badalamentis wundervoller Musik, präsentiert uns David Lynch einen 146 Minuten langen Trip in die Traumwelt der Großstadt, bei dem mit Laura Elena Harring (Black Scorpion, Little Nicky) und Naomi Watts (die auch in dem auf unbestimmte Zeit verschobenen Fahrstuhl-Thriller Down die Hauptrolle spielt) zwei faszinierende Newcomerinnen im Zentrum der Handlung stehen. Wie ein Puzzle fügen sich die Szenen unmerklich aneinander, und was man zu Beginn für scheinbar unzusammenhängende Parallelhandlungen hält, ergibt am Ende weitgehend ein schlüssiges Bild - freilich, ohne daß alle Fragen beantwortet würden. Es lohnt sich aber auch gar nicht, jedes Detail entschlüsseln zu wollen, denn ein Film wie dieser würde platt und hohl, wenn sich alles in simple Logik auflösen ließe. Die Fragen, die Mulholland Drive aufwirft, wirken weiter und beschäftigen den Zuschauer noch weit über das Ende des Films hinaus.

Obwohl ihre Vermieterin Coco Lenoix Betty davor warnt, die Fremde bei sich wohnen zu lassen, behält Betty Rita im Apartment ihrer Tante. Als sie von Ritas Schicksal erfährt, versucht sie ihr dabei zu helfen herauszufinden, was in dieser Nacht am Mulholland Drive passiert ist. Von Detective Harry McKnight erfährt sie, daß es tatsächlich einen Unfall auf der Bergstraße gegeben hat. Schließlich glaubt sich Rita sogar daran zu erinnern, daß sie Diana Selwyn heißt. Und dann ist da noch ein mysteriöser blauer Schlüssel...

Nachdem Betty bei einem Casting eine schauspielerische Glanzleistung hingelegt hat, bei der sie sich regelrecht in jemand anderen zu verwandeln schien, bringt man sie zu Probeaufnahmen, die Adam Kesher inszeniert, der mittlerweile dem Druck des Mobs nachgegeben hat. Seine Augen treffen sich mit denen von Betty, beide scheinen sich tief in ihre Seelen zu blicken, es ist, als ob ein unsichtbares Band zwischen ihnen wäre.

Später erfahren Betty und Rita von der Leiche einer Frau, die bislang nicht identifiziert werden konnte. Danach stoßen die beiden Frauen auf ihre eigene Sinnlichkeit - und erliegen ihr. Sie begehren sich, betasten sich, küssen sich, vereinigen sich. Immer mehr beginnen sie einander zu verfallen - und werden zugleich unaufhaltsam zum Schlüsselort ihres Schicksals hingezogen, einem alten Theater, in dem sich die Realität aufzulösen scheint - und eine blaue Box zu finden ist...

Stärker noch als Lost Highway repräsentiert Mulholland Drive die Essenz des Universums von David Lynch. Die skurrilen Charaktere, die bizarren Situationen, die symbolträchtige Bildsprache, die vielschichtige Handlung und die surreale Atmosphäre - mit all dem kreiert er ein kriminalistisches Puzzle, das anders ist als alle "Detektivgeschichten", die Sie jemals gesehen haben. Wenn Sie David Lynch noch nicht kennen, werden Sie ihn nach diesem Film wahrscheinlich lieben, und wenn Sie ihn bereits kennen und lieben, dann wird dieser Film Ihnen zweieinhalb der glücklichsten Stunden Ihres Lebens bescheren - und mehr als das: Denn nicht Star Wars oder Harry Potter, sondern Mulholland Drive muß man wieder und immer wieder sehen!

urd (=Uwe Raum-Deinzer)

 

Deutscher Start: 3. Januar 2002 (Concorde)

 

 

David Lynch directing Mulholland Drive