Süddeutsche Zeitung, 18.02. 1981

Mitleid mit einem Monster
"Der Elefantenmensch", ein Film von David Lynch

Von Joseph Carey Merrick wäre keine, Nachricht geblieben, hätte ihm im Jahre 1871 nicht ein junger englischer Arzt aus beruflichem Ehrgeiz, medizinischer Neugier und Mitleid vom Jahrmarkt geholt, um ihn seinen überraschten Kollegen und der staunenden Londoner Gesellschaft zu präsentieren. In einer umherziehenden Monstrositätenschau war Merrick wegen großer Haut- und Knochenwucherungen als der "Elefantenmensch" angekündigt worden. Nach den Ursachen dieser Krankheit suchte nun der Mediziner. Bald rühmte die Gesellschaft den feinen Verstand dieses Menschen und seine Sensibilität. An den Folgen seiner Deformationen starb Merrick 1890 im Alter von 30 Jahren, zeit seines Lebens hieß er der "Elefantenmensch". David Lynchs Film 'Der Elefantenmensch' liegt also ein authentischer Fall zugrunde. Doch das überraschende ist, daß der britische Regisseur die Geschichte Merricks nicht als Rekonstruktion oder Fallbeschreibung inszeniert, sondern die melodramatischen Grundzüge seines Stoffes herausarbeitet und sie zu einer Handlung verdichtet, die auch einem distanzierten Zuschauer Emotionen abverlangt. Lynch hat in Schwarz-Weiß gedreht, was den Film auf merkwürdige Weise in der Schwebe zwischen Poesie und Realismus hält, denn einerseits ist Schwarz-Weiß heute eher das verfremdende Medium, andererseits können wir uns die viktorianische Epoche nur in der Einfarbigkeit jener noch erhaltenen Photographien denken, die uns die Welt des 19. Jahrhunderts zeigen. Die Spannung zwischen dem Realismus der Mittel und ihrer emotionalisierenden Wirkung zieht sich durch den ganzen Film: sei es nun in der Detailbesessenheit der Ausstattung, der beängstigenden Monstrosität der Maske des Elefantenmenschen oder in der hervorragenden Besetzung auch für die kleinsten Nebenrollen.
Der Elefantenmensch demonstriert die Verführungsmittel des Erzählkinos und beweist, daß diese Mittel auch heute noch nicht ihre Wirkung verloren haben. Wenn wir uns den Suggestionen ergeben haben und den Elefantenmenschen mit Neugier und Mitleid betrachten, dann hat uns Lynch in die gleiche Position gelockt, in der sich auch das viktorianische Publikum befand. Und an dem Beispiel der viktorianischen Zeitgenossen Merricks macht Lynch klar, daß es keine Versöhnung gibt zwischen dem Außenseiter und der Gesellschaft. Denn die Schaulust des Pöbels unterscheidet sich nicht von der modischen Aufregung, mit der sich die Bürger auf den Elefantenmenschen einlassen, und auch das wissenschaftliche Interesse der Ärzte ist leer und grausam, weil es sein Objekt nicht von der Deformation befreien kann. Unter dem Vorwand, zu helfen, verschaffen sich alle ihren Vorteil: Der Schausteller nimmt das Geld der Neugierigen, der Wissenschaftler wird zum erfolgreichen Modearzt, und die Schauspielerin, die sich zur Seelenfreundin Merricks aufschwingt, erhält sich durch eine neue Exzentrizität die Aufmerksamkeit ihres Publikums. Wenn die betrunkenen Gaffer dem Elefantenmenschen einen Spiegel vorhalten, dann ist das nicht gemeiner als das Verhalten der Bürger, die Merrick bei den gutgemeinten Einladungen in ihre Häuser vor Augen führen, worauf er für immer verzichten muß. Und wenn die Schauspielerin mit Merrick eine Szene aus Romeo und Julia liest, dann muß er schmerzlich erfahren, daß er von diesen Gefühlen in sich nie sprechen darf. Weil wir im Verhalten des viktorianischen Bürgertums den Reflex unserer eigenen Emotionen wiedererkennen, Neugier, Mitleld und Hilfsbereitschaft, glauben wir gern, daß man den Ausgestoßenen durch Zuwendung zu einem der Unseren machen kann. Doch diese Hoffnung trügt. Solange die Deformation die Ursache der Zuwendung ist, wird der Außenseiter immer auf seine Andersartigkeit zurückgeworfen. Die Zuschauer, die Merrick im Theater eine ehrende Ovation zuteil werden lassen, zeigen eine fatale Nähe zum Gaudium des Jahrmarktpublikums - dieser Mensch bleibt ein Monster. Der Film schließt mit Merricks Tod. Er, der nur im Sitzen schlafen kann, weil er sonst ersticken müßte, erfüllt sich seinen Wunsch, nur einmal zu schlafen wie all die anderen. So, wie er den Elefantenmenschen sterben läßt, versöhnt der Regisseur ihm mit unserer Hilflosigkeit.
CHRISTIAN BAUER