Von Joseph Carey Merrick wäre keine, Nachricht geblieben, hätte ihm im Jahre 1871 nicht ein
junger englischer Arzt aus beruflichem Ehrgeiz,
medizinischer Neugier und Mitleid vom Jahrmarkt geholt, um ihn seinen überraschten Kollegen und der staunenden Londoner Gesellschaft
zu präsentieren. In einer umherziehenden Monstrositätenschau war Merrick wegen großer
Haut- und Knochenwucherungen als der "Elefantenmensch" angekündigt worden. Nach den
Ursachen dieser Krankheit suchte nun der Mediziner. Bald rühmte die Gesellschaft den feinen
Verstand dieses Menschen und seine Sensibilität.
An den Folgen seiner Deformationen starb Merrick 1890 im Alter von 30 Jahren, zeit seines Lebens hieß er der "Elefantenmensch".
David Lynchs Film 'Der Elefantenmensch' liegt
also ein authentischer Fall zugrunde. Doch das
überraschende ist, daß der britische Regisseur
die Geschichte Merricks nicht als Rekonstruktion oder Fallbeschreibung inszeniert, sondern
die melodramatischen Grundzüge seines Stoffes herausarbeitet und sie zu einer Handlung verdichtet, die auch einem distanzierten Zuschauer
Emotionen abverlangt.
Lynch hat in Schwarz-Weiß gedreht, was den
Film auf merkwürdige Weise in der Schwebe
zwischen Poesie und Realismus hält, denn einerseits ist Schwarz-Weiß heute eher das verfremdende Medium, andererseits können wir uns die
viktorianische Epoche nur in der Einfarbigkeit
jener noch erhaltenen Photographien denken,
die uns die Welt des 19. Jahrhunderts zeigen. Die
Spannung zwischen dem Realismus der Mittel
und ihrer emotionalisierenden Wirkung zieht
sich durch den ganzen Film: sei es nun in der
Detailbesessenheit der Ausstattung, der beängstigenden Monstrosität der Maske des Elefantenmenschen oder in der hervorragenden Besetzung auch für die kleinsten Nebenrollen.
Der
Elefantenmensch demonstriert die Verführungsmittel des Erzählkinos und beweist, daß diese
Mittel auch heute noch nicht ihre Wirkung verloren haben.
Wenn wir uns den Suggestionen ergeben haben und den Elefantenmenschen mit Neugier
und Mitleid betrachten, dann hat uns Lynch in
die gleiche Position gelockt, in der sich auch das
viktorianische Publikum befand. Und an dem
Beispiel der viktorianischen Zeitgenossen Merricks macht Lynch klar, daß es keine Versöhnung gibt zwischen dem Außenseiter und der
Gesellschaft. Denn die Schaulust des Pöbels unterscheidet sich nicht von der modischen Aufregung, mit der sich die Bürger auf den Elefantenmenschen einlassen, und auch das wissenschaftliche Interesse der Ärzte ist leer und grausam,
weil es sein Objekt nicht von der Deformation
befreien kann. Unter dem Vorwand, zu helfen,
verschaffen sich alle ihren Vorteil: Der Schausteller nimmt das Geld der Neugierigen, der
Wissenschaftler wird zum erfolgreichen Modearzt, und die Schauspielerin, die sich zur Seelenfreundin Merricks aufschwingt, erhält sich
durch eine neue Exzentrizität die Aufmerksamkeit ihres Publikums.
Wenn die betrunkenen Gaffer dem Elefantenmenschen einen Spiegel vorhalten, dann ist das
nicht gemeiner als das Verhalten der Bürger, die
Merrick bei den gutgemeinten Einladungen in
ihre Häuser vor Augen führen, worauf er für immer verzichten muß. Und wenn die Schauspielerin mit Merrick eine Szene aus Romeo und Julia
liest, dann muß er schmerzlich erfahren, daß er
von diesen Gefühlen in sich nie sprechen darf.
Weil wir im Verhalten des viktorianischen
Bürgertums den Reflex unserer eigenen Emotionen wiedererkennen, Neugier, Mitleld und Hilfsbereitschaft, glauben wir gern, daß man den
Ausgestoßenen durch Zuwendung zu einem der
Unseren machen kann. Doch diese Hoffnung
trügt. Solange die Deformation die Ursache der
Zuwendung ist, wird der Außenseiter immer auf
seine Andersartigkeit zurückgeworfen. Die Zuschauer, die Merrick im Theater eine ehrende
Ovation zuteil werden lassen, zeigen eine fatale
Nähe zum Gaudium des Jahrmarktpublikums -
dieser Mensch bleibt ein Monster.
Der Film schließt mit Merricks Tod. Er, der
nur im Sitzen schlafen kann, weil er sonst ersticken müßte, erfüllt sich seinen Wunsch, nur einmal zu schlafen wie all die anderen. So, wie er
den Elefantenmenschen sterben läßt, versöhnt
der Regisseur ihm mit unserer Hilflosigkeit.
CHRISTIAN BAUER