Süddeutsche Zeitung, 3. Januar 2002

Im Labyrinth mit David Lynch

 

Es gab auch lichte Momente - eine Begegnung mit Naomi Watts und Laura Elena Harring, den Heldinnen in "Mulholland Drive"

Ein Tag- und Nachttraum, Licht und Schatten, so treffen die Lynch-Frauen in "Mulholland Drive" aufeinander. Wie ist es zur chemistry gekommen zwischen den Schauspielerinnen und ihrem undurchschaubaren Regisseur?

SZ: Naomi Watts, in "Mulholland Drive" spielen Sie eine anfangs naive Schauspielerin, die abgekarterte und verlogene Castings überstehen muss.

Naomi Watts: Bei den üblichen Castings werden die Entscheidungen von einem Haufen Leuten getroffen. Da geht man rein und hat gerade fünf Minuten, um einen Eindruck zu hinterlassen. Das reicht für eine Art Blickkontakt, mehr nicht. David Lynch hat sich über vierzig Minuten Zeit für mich genommen. Wir haben über alles mögliche geplaudert, aber weder über das Kino noch über das Drehbuch zu seinem Film. Lynch wollte wissen, wer ich war und woher ich kam. Ich spürte echtes Interesse an mir. Bei seinen Entscheidungen verlässt er sich ganz auf seinen Instinkt. Und vielleicht hat er dann gespürt, dass ich die Figur spielen könnte, die er sich ausgedacht hat.

Laura Elena Harring: Ich bin beinahe ungeschminkt zum Casting gegangen, und wirkte viel jünger als im Film. Aber David liebt eben diese tiefroten Lippen! Der Sender ABC wollte seine eigenen Schauspielerinnen vorschlagen, aber Lynch liess nicht locker. Ich wusste, dass meine Zeit kommen würde. Ich war völlig unbekannt, aber David hat mir eine Chance gegeben. Er war mein Visionär.

SZ: Hat Lynch also die Gabe, jemanden auf charmante Art schlecht zu behandeln?

Watts: Ja, er beleuchtet deine dunklen Seiten. Er sitzt dann wie ein Vampir da, dem das Wasser im Mund zusammenläuft und wartet, dich auszusaugen. Normalerweise schrecke ich davor zurück, aber David habe ich mich diesem Spiel ausgeliefert. Mir hat´s gefallen. Und ich bin vielleicht offener geworden. Für David würde ich alles machen!

Harring: Viele Menschen halten Lynch für seltsam und verdreht, aber ich fand ihn völlig normal, und hatte das Gefühl, ihn schon seit langem zu kennen. Wir haben stundenlang über mich, meine Erfahrungen in Indien als Sozialarbeiterin und die indische Philosophie geredet. Als er mir die Musik zum Film vorspielte, konnte ich die Stimmung schon spüren, obwohl ich das Drehbuch noch gar nicht gelesen hatte. Aber ausschlaggebend für Lynch war wohl, dass ich auf dem Weg zum Treffen einen Autounfall hatte!

SZ: Lynch erklärt seine Filme nicht. Wie hat er Ihnen im labyrinthischen "Mulholland Drive" geholfen, Ihre komplizierte Doppelrolle zu verstehen?

Watts: David bleibt zwar geheimnisvoll, aber er gibt seinen Schauspielern trotzdem einige Anhaltspunkte. Ich habe ihn natürlich mit tausend Fragen gelöchert. Aber als ich merkte, dass meine Fragen nur noch mehr Fragen aufwarfen, habe ich aufgehört, sie zu stellen. Dann wollte ich meine eigene Interpretation des ganzen Geschehens finden. Und immer wenn ich glaubte, den Schlüssel - zum blauen Kästchen zum Beispiel - gefunden zu haben, saß Lynch nur da und grinste mich an. Er will den Schauspielern seinen Willen nicht aufzwingen, sie nicht instruieren, sondern läßt ihnen einen großen Freiraum. Lynch sucht sich seine Schauspieler so sorgfältig und instinktiv aus, weil er sicher sein will, dass sie die Figuren schon in sich tragen. Und vor allem: He is always daring you.

SZ: Haben Sie bei dieser schillernden Figur zwischen Licht und Schatten, Leben und Tod and die Heldinnen Hitchcocks gedacht - an die Doppelrolle von Kim Nowak in "Vertigo"?

Watts: Der Vergleich mit Kim Nowak überrascht mich eigentlich. Einige Leute aber fanden, ich hätte etwas von Tippi Hedren und ihrem grauen Kostüm in "Die Vögel". Na gut. Aber wie wäre es mit Grace Kelly!

 

Interview: Marcus Rothe