Süddeutsche Zeitung, 18.05.2001

Es geschah in der hellichten Nacht

Das wahnsinnige Grinsen des Festivals - Filme von David Lynch und Sean Penn in Cannes

Das Motorboot fährt durch die Nacht, in der Ferne die Lichter von Cannes. Hinten ein Skipper, am Bug eine Schönheit im Abendkleid, die einem unbekannten Schicksal entgegenrast. Zwei Frauen in hautengen Leopardenanzügen, offensichtlich Mutter und Tochter, stoßen im Gewühl der Croisette mit einer Blondine zusammen und erbleichen, als hätten sie den Teufel persönlich gesehen. Die Blondine, eine hübsche Studentin aus Twin Peaks, Oregon, erreicht ihren Arbeitsplatz im American Pavillon, steckt ihr Namensschild an, Berry heißt sie, und denkt sich erst einmal nichts dabei. Ein Mann mit Verbrechervisage und Stiernacken spricht das Wort "Silencio" in eine blaue Box. Und als die Figur, die mit dem Rücken zu uns allein im Kino sitzt, der wir langsam näher kommen und die wir schließlich an der Schulter berühren - als diese Figur sich umdreht, blicken wir in das schrecklichste Horrorgesicht, das wir je gesehen haben. Wir schreien und schreien - und erwachen. Seit zwei Tagen ist David Lynch in Cannes. Und schon hat er unsere Träume unterwandert.

Er hat auch einen Film mitgebracht. Von Cannes erzählt er darin allerdings nicht, obwohl das sicher auch ein gutes Thema für ihn wäre. Es geht um Los Angeles und all die Dinge, sie man sich spontan so vorstellt, wenn man erst an Los Angeles denkt und dann an David Lynch: Mädchen aus der Provinz, die kommen, um das Glück zu finden; kranke alte Männer, die an den Wegen zum Ruhm auf Opfer lauern; leblose Frauenkörper, die zurückbleiben, wenn die Obsessionen dieser Stadt außer Kontrolle geraten; und schließlich Detektive, die im Morgengrauen eine Geschichte dazu finden müssen, mit nichts als einem Perlenohrring in der Hand.

So hätte "Mulholland Drive" wohl werden sollen, als das Ganze noch als Krimiserie fürs Fernsehen geplant war, mit Drehbüchern und Ideen für etliche Folgen. So sah es auch aus in jenem Neunzig-Minuten-Pilotfilm, nie öffentlich gezeigt, der in den Kreisen von Lynchfans kursiert. Was der Mann nun nach Cannes mitgebracht hat, ist zwar noch weitgehend dasselbe Material, aber mit völlig neuen Akzenten versehen, und dann mit einer Wendung ins Phantastische, bei der jeder TV-Programmchef vor Schreck erstarren würde. Zwei Frauen, die offensichtlich in ein Verbrechen verwickelt sind, an das sie sich nicht erinnern; die erst recht unschuldig wirken, dann aber eine obsessive Leidenschaft füreinander entwickeln; die einen Schlüssel finden und damit buchstäblich die Büchse der Pandora öffnen, bis Zeit und Raum und Identität vollkommen durcheinander geraten sind. Keine "Straight Story" wie beim letzten Lynch, sondern ein endlos in einander verflochtenes Band von Bildern und Bedeutungen, surrealer und vertrackter noch als "Lost Highway". So schön anzusehen, dass man hofft, es möge niemals enden, und so verworren, dass der Film vielleicht nur als Endlosschleife funktioniert. Wer je den Mulholland Drive entlanggefahren ist, wird nicht überrascht sein: Keine Straße in Los Angeles ist so kurvenreich wie diese, gewundener und verschwiegener noch als die dunkelsten Passagen des Sunset Boulevards.

Der Rest ist "Silencio"

Am Mulholland Drive wohnt übrigens, seit Jahrzehnten schon, auch Jack Nicholson. Das passt insofern gut, weil er neben Lynch den doch sehr mächtigen Auftritt der Amerikaner prägt - und das sogar, obwohl er physisch gar nicht präsent ist. Man muß nur die ersten Minuten von "The Pledge" sehen, unter der Regie von Sean Penn, um einmal mehr komplett in seinen Bann zu geraten: Da spielt er einen Police Detective in den Wäldern von Nevada, dem am Tag seiner Pensionierungsfeier endgültig klar wird, dass er von seinem Job nicht lassen kann. Wieder die Geschichte einer Obsession, basierend auf dem Originaldrehbuch "Es geschah am hellichten Tag" von Friedrich Dürrenmatt, das er später zu dem Roman "Das Versprechen" weiter entwickelt hat. Aber hier mit einer genialen neuen Wendung am Ende, die alles noch düsterer, zweideutiger, tragischer macht.

Am Anfang wird die Leiche eines kleinen Mädchens im Wald gefunden., Nicholson mischt sich in die Ermittlungen ein, und er nimmt es auch auf sich, den Eltern die schreckliche Botschaft zu bringen. Also kommt nun eine Den-Eltern-die-schreckliche-Botschaft-bringen-Szene, eine der ärgsten Herausforderungen für jeden Regisseur, weil alle Möglichkeiten seit Jahrzehnten erschöpft scheinen. Sean Penn ist aber einer, dem es um das große, arbeitende und ansonsten schweigende Amerika geht, ein Sujet, mit dem sich seit den Tagen von Ford und Steinbeck kaum noch einer wirklich beschäftigt, vielleicht noch Bruce Springsteen in der Musik. Jedenfalls verlangt das einen anderen Blick, man muss schon hinfahren und sich das Leben dort draußen einmal anschauen. Und dann entdeckt man vielleicht die seltsame Schönheit einer Farmhalle, in der tausend Truthähne gezüchtet werden, unter künstlichem Licht, voll Gestank und ohrenbetäubenden Gegacker. Und also kann man am Ende das Farmer-Ehepaar zeigen, inmitten von tausend Truthähnen; Nicholson, der sich seinen Weg durch die Tiere bahnt; das Zusammentreffen, die Nachricht, zugedeckt von Lärm; und nur die körperlichen Reaktionen der Eltern, in der Totale, die Fäuste der Mutter, die Erstarrung des Vaters. In Cannes geht es keineswegs nur um klassisches Storytelling, zu Recht - aber wenn es darum geht, dann hofft man immer auf solche Szenen.

Und auf ein großes Ende, natürlich, wie es Sean Penn gelingt. So unerwartet, dass kurz der Atem stockt, so klar und folgerichtig, dass alle Bilder im Kopf noch einmal umsortiert und transformiert werden. Damit haben die Filme ihre Schwierigkeiten in diesem Jahr, von Roman Coppola, der das Problem zum Thema macht, aber dann nicht löst, bis hin zu Michael Haneke, der alle möglichen Geister herbeibeschwört und dann so wenig damit anfangen kann, dass ihm die Geschichte seiner "Klavierspielerin" kläglich zerrinnt. Im Zweifelsfall sollte man sich die Methode von David Lynch merken, der über solche Fragen nur lachen kann, weil er längst seine eigene Patentlösung gefunden hat: Er nimmt einfach die Motive, die er schon hat, das simuliert Geschlossenheit; er transformiert sie in eine andere Tonart, das könnte für höhere Erkenntnis stehen, oder auch nicht. Und dann transformiert er sie nochmal und nochmal, immer schneller, bis einem Hören und Sehen vergeht.

Dann hält also das Motorboot an, mitten auf dem Meer, und der Skipper sagt: "Aussteigen". Die Leoparden-Ladies reichen uns eine blaue Box und kichern obszön. Wir öffnen die Box und werden ins schwarze Innere gesogen. Dort tanzt ein Zwerg vor einem roten Vorhang, mit Verbrechervisage und Stiernacken. Der Vorhang öffnet sich, wir sind am Strand. Dort liegt die blonde Betty auf ihrem Handtuch, ein wunderbarer nackter Rücken. Wir kommen langsam näher und berühren sie an der Schulter. Sie dreht sich um. Mit dem Gesicht von Jack Nicholson. Flüstert "Silencio" und grinst wie wahnsinnig.

Tobias Kniebe