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«Ich
bin kein Mann der grossen Buchstaben»: Richard Farnsworth
David
Lynch: Der Meister des Doppelbödigen gibt sich beschaulich
Es beginnt im Himmel. Ein
paar Sterne. Dann die Sonne über der Ortschaft Laurens
im US-Bundesstaat Iowa. Mittlerer Westen, Kornfelder,
nette Häuslein, grüner Rasen. Aber kein Ohr. Weit und
breit kein abgeschnittenes Ohr.
Mit dem abgeschnittenen Ohr im Gras hat David Lynch 1986
in «Blue Velvet» seinem Publikum Angst und Schrecken eingejagt.
Und bald darauf mit der stilbildenden TV-Serie «Twin Peaks»
noch einen draufgesetzt: Keinem Bild dieses makabren Exzentrikers
war mehr zu trauen, überall verbarg sich das unaussprechlich
Schreckliche. Besonders da, wo alles ganz normal schien.
Aber jetzt das. «The Straight Story - Eine wahre Geschichte».
Ganz ohne Fallen und doppelten Boden. Sondern einfach
die Reise eines alten Mannes auf einem Traktor. Sechs
Wochen unterwegs, um den kranken Bruder noch einmal zu
sehen. Auf der Reise viele freundliche Leute, die dem
Alten behilflich sind. Fast zu schön, um wahr zu sein.
Was ist nur mit David Lynch los? Ist er mit 53 Jahren
versöhnlich geworden? «Trauen Sie der Ruhe nicht», versichert
der Meister des Doppelbödigen zwar in jedem Interview.
Und weiss doch, dass er mit dieser geraden Geschichte
an einem Wendepunkt angelangt ist. Denn seit er mit «Wild
at Heart» 1990 die Goldene Palme von Cannes gewonnen hat,
sind seine Projekte zwiespältig aufgenommen worden. Die
Leinwandversion von «Twin Peaks» entpuppte sich als künstlerischer
und kommerzieller Flop, der mysteriöse «Lost Highway»
hat 1996 wenig Publikum, aber eine fanatische Fangemeinde
gewonnen.
Der heftigste Schlag aber folgte diesen Spätsommer: Für
die TV-Gesellschaft ABC hat Lynch mit «Mulholland Drive»
eine TV-Serie konzipiert, die unter Stars und Sternchen
in Hollywood spielen sollte. «Nein danke», hat der Sender
nach der Visionierung des Pilotfilms entschieden und auf
eine Realisierung verzichtet. Seither wuchern die Gerüchte.
Ist der Pilotfilm so schlecht, dass er nicht ausgestrahlt
werden kann? Oder vielleicht - Hoffnung für die Lynch-Fans
- zu gut?
Wie auch immer, David Lynch hat sich lange im Kreis bewegt.
In diesem Sinn bringt ihn die «Straight Story» weiter.
Gemächlich zwar wie den Mann auf dem Traktor. Aber immer
geradeaus.
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Der alte Mann und der Traktor
50 Jahre war Richard Farnsworth Stuntman und Statist - jetzt ist
er 79 und spielt in David Lynchs «The Straight Story» die Rolle
seines Lebens
VON MATTHIAS LERF
Well, pflegt Richard Farnsworth zu sagen, wenn er einen Satz beginnt.
Es ist ein bedächtiges «Well», das von ganz tief kommt, aber eigentlich
nur da ist, um Zeit zu gewinnen: «Well, das meiste, was ich bis
jetzt getan habe, hat mit Pferden und Pistolen zu tun.»
Pferde und Pistolen. Und zwar seit über sechzig Jahren. 1938 war
er erstmals auf dem Drehplatz eines Filmes. 1968 hat er seinen ersten
brauchbaren Satz vor der Kamera gesprochen. Zehn Jahre später den
ersten grösseren Part übernommen. Und jetzt, im Alter von 79, spielt
er die Rolle seines Lebens, an der niemand vorbeisehen kann, wenn
es um die Nomination der Oscar-Kandidaten geht: Richard Farnsworth
in «The Straight Story» von David Lynch. Ohne Pferde und Pistolen.
Dafür mit einem Traktor.
Die Geschichte, die er spielt, ist einfach. Einfach und wahr: Auf
einem John-Deere-Gartenmäher tuckerte der damals 73-jährige Alvin
Straight 1994 über Hunderte von Kilometern durchs amerikanische
Herzland, um seinen kranken Bruder zu besuchen. Das ist alles. Nicht
gerade viel für einen Regisseur vom Kaliber eines David Lynch, denkt
man zuerst. Doch dann sieht man diesen Richard Farnsworth in der
Hauptrolle. Und reist mit ihm durch Zeiten und Welten.
«Erinnern Sie sich an die Faustkampfszenen aus <Red River>?»,
fragt der Schauspieler, und seine graublauen Augen beginnen zu leuchten:
«In ein paar Szenen bin ich da für Montgomery Clift eingesprungen.
Und habe gegen John Wayne gekämpft.» Farnsworth erzählt das nicht
etwa, um zu bluffen. Im Gegenteil, noch ein halbes Jahrhundert nach
den Dreharbeiten - der Western-Klassiker «Red River» ist 1948 herausgekommen
- spricht er voller Bewunderung von den damaligen Stars: «Montgomery
Clift ist zu den Dreharbeiten gekommen und hat gesagt, er könne
reiten. Er war nett und professionell, aber auf einem Pferd ist
der Mann von der Ostküste vorher wohl nur im Central Park gesessen.
So habe ich ihm eben ein paar Dinge beigebracht.»
Ein paar Dinge? In Sachen Pferde und Pistolen hat er ihm alles beigebracht.
Und nicht nur ihm. Als Stunt-Double von Gary Cooper ist Richard
Farnsworth mehrmals vom Pferd gefallen. Für die Marx-Brothers ist
er in «A Day at the Races» um die Wette geritten. An der Seite von
Charlton Heston hat er in «The Ten Commandments» das Rote Meer durchquert.
Und ist in «Spartacus» mit Kirk Douglas gegen die Römer losgezogen.
In den Titelangaben zu all diesen Klassikern sucht man den Namen
des Vielbeschäftigten allerdings vergebens. «Well, ich bin eben
kein Mann der grossen Buchstaben», lacht Farnsworth.
«In meinem Alter sagt man nicht son of a bitch, sondern son of
a gun»
Er hat gut lachen. Denn in «The Straight Story» dreht sich alles
um ihn. Zu diesem späten Glück musste er allerdings fast gezwungen
werden: Weil die Hüfte schmerzte und er an einem Stock geht, hat
sich Farnsworth zuerst geweigert, die Rolle zu übernehmen: «Zu Hause
auf meiner Ranch in New Mexico habe ich mich probehalber auf den
Traktor gesetzt und es nach kurzer Zeit vor Schmerzen nicht mehr
ausgehalten», sagt er. Doch David Lynch hat den Ehrgeiz des Pensionärs
dennoch anstacheln können: «Ein Stock?», sagte der Regisseur seinem
zukünftigen Hauptdarsteller: «Hervorragend. Der richtige Alvin Straight
ist an zwei Stöcken gegangen.»
Das hat gesessen. Was ein Straight kann, schafft ein Farnsworth
noch lange. Und so hat sich der Schauspieler auf das John-Deere-Vehikel
gesetzt, mit dem der richtige Alvin Straight seine Reise unternommen
hatte. Schön chronologisch die Reiseroute entlang sind die Dreharbeiten
vorangegangen, nicht immer so gemächlich wie der Traktor, der zehn
Kilometer in der Stunde schafft. Aber doch so, dass sich der ruhige
Rhythmus wärmend über den Film legt wie die Herbstsonne, in der
er gedreht worden ist. Und wenn es doch ein wenig hektisch zu werden
drohte, das Drehbuch zum Beispiel einen kräftigen Fluch für den
Hauptdarsteller vorsah, hat dieser höchstpersönlich eingegriffen.
«Ein Mann meines Alters sagt nicht <son of a bitch>», machte
Farnsworth seinem Regisseur klar, und flucht jetzt eben: «Son of
a gun.»
So etwas hätte er sich früher nicht erlaubt. Zu sagen wagte er höchstens
etwas, wenn es um Pferde oder eben Pistolen ging. Das war auch am
Beginn seiner Karriere so. Als Jugendlicher arbeitete der in Los
Angeles geborene Sohn eines Ingenieurs auf einer Polo-Farm. Dort
lernte er erstens mit Pferden umzugehen und zweitens mit Hollywoodstars,
denn Filmgrössen wie Tyrone Power liessen sich auf dem Anwesen gerne
ihre Gäule satteln. Eines Tages ist eine Filmproduktion vorbeigekommen,
hat walisische Ponys gesichtet und diese engagiert, um sie in einem
Gary-Cooper-Streifen über Marco Polo als mongolische Tiere antraben
zu lassen. «Kann jemand diese Ponys reiten?», wollten die Produzenten
wissen. Farnsworth meldete sich und wurde engagiert. An das, was
danach passierte, erinnert er sich noch, als ob es gestern gewesen
wäre: «Ich muss meinen Boss um Erlaubnis fragen, denn ich brauche
für die Dreharbeiten ein paar Tage Urlaub. <Kein Problem>,
sagte der Chef, <aber du bist gefeuert!>»
Hoppla. Die Stallknechtkarriere war damit zu Ende, dafür begann
die Laufbahn im Showbusiness. Dazu gehörten Live-Auftritte in den
legendären Shows mit singenden Cowboys, in denen immer ein paar
harte Männer gebraucht wurden, die ein Pferd und sich selber zu
Fall bringen konnten, ohne dass beide verletzt wurden. Dazu gehörten
aber auch Stuntauftritte in zahlreichen Western.
Sieht sich Richard Farnsworth diese alten Filme heute noch an? «Kaum»,
sagt der Mann, der auch zum Interview einen Westernhut trägt. «Well,
am Fernsehen schaue ich meistens nur das Programm des Reisekanals.
Kürzlich bin ich aber über einen alten Film gestolpert. Da habe
ich dann doch gleich Jewel gerufen, und ganz aufgeregt gesagt: Schau,
der da neben Wild Bill Elliot bin ich.» Jewel? Heisst Ihre Frau
nicht Maggie, Mister Farnsworth? «Margrit ist der Name meiner verstorbenen
Ehefrau. Jewel Van Halin aber ist meine Verlobte.»
Erst mit 67 fühlte sich Farnsworth fähig für eine ernsthafte
Nebenrolle
Verlobt also. Während Hollywoodleute ihre Ehen wechseln wie Westerndarsteller
ihre Pferde, nimmt sich Farnsworth auch mit der zweiten Heirat Zeit.
Überstürzt hat er in seinem Leben sowieso nichts. Fähig, eine ernsthafte
Nebenrolle zu spielen, fühlte er sich erst im Alter von 67 Jahren
- wobei ihm seine Frau den Rücken stärkte und ihm half, Hemmungen
wegen seiner Leseschwäche zu überwinden. Der Part als alter Cowboy
neben Jane Fonda in «Comes a Horseman» hat ihm dann gleich eine
Oscar-Nomination als bester Nebendarsteller eingebracht - und eine
Menge weiterer Rollenangebote, von denen er aber nur wenige akzeptierte.
«Nimm nie einen Job an, vor dem du nicht davonrennen kannst», lautet
seine Devise.
Nun, in «The Straight Story» war keine Rede von Davonrennen: Stoisch
fährt der 79-jährige Traktorfahrer bis zum Ende. Trifft dort seinen
Filmbruder, den er wegen eines Streites viele Jahre nicht mehr gesehen
hat. Setzt sich neben ihn. Und schweigt.
Auch das hat Richard Farnsworth gefallen. «Well, das Beste bei diesen
Dreharbeiten war, dass niemand zu viele Worte verloren hat.» Sagts.
Stützt sich auf seinen Stock. Und marschiert schnurstracks zum nächsten
Interview.
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