Sonntagszeitung, Dezember 1999




richard

«Ich bin kein Mann der grossen Buchstaben»: Richard Farnsworth

David Lynch: Der Meister des Doppelbödigen gibt sich beschaulich
Es beginnt im Himmel. Ein paar Sterne. Dann die Sonne über der Ortschaft Laurens im US-Bundesstaat Iowa. Mittlerer Westen, Kornfelder, nette Häuslein, grüner Rasen. Aber kein Ohr. Weit und breit kein abgeschnittenes Ohr.
Mit dem abgeschnittenen Ohr im Gras hat David Lynch 1986 in «Blue Velvet» seinem Publikum Angst und Schrecken eingejagt. Und bald darauf mit der stilbildenden TV-Serie «Twin Peaks» noch einen draufgesetzt: Keinem Bild dieses makabren Exzentrikers war mehr zu trauen, überall verbarg sich das unaussprechlich Schreckliche. Besonders da, wo alles ganz normal schien.
Aber jetzt das. «The Straight Story - Eine wahre Geschichte». Ganz ohne Fallen und doppelten Boden. Sondern einfach die Reise eines alten Mannes auf einem Traktor. Sechs Wochen unterwegs, um den kranken Bruder noch einmal zu sehen. Auf der Reise viele freundliche Leute, die dem Alten behilflich sind. Fast zu schön, um wahr zu sein.
Was ist nur mit David Lynch los? Ist er mit 53 Jahren versöhnlich geworden? «Trauen Sie der Ruhe nicht», versichert der Meister des Doppelbödigen zwar in jedem Interview. Und weiss doch, dass er mit dieser geraden Geschichte an einem Wendepunkt angelangt ist. Denn seit er mit «Wild at Heart» 1990 die Goldene Palme von Cannes gewonnen hat, sind seine Projekte zwiespältig aufgenommen worden. Die Leinwandversion von «Twin Peaks» entpuppte sich als künstlerischer und kommerzieller Flop, der mysteriöse «Lost Highway» hat 1996 wenig Publikum, aber eine fanatische Fangemeinde gewonnen.
Der heftigste Schlag aber folgte diesen Spätsommer: Für die TV-Gesellschaft ABC hat Lynch mit «Mulholland Drive» eine TV-Serie konzipiert, die unter Stars und Sternchen in Hollywood spielen sollte. «Nein danke», hat der Sender nach der Visionierung des Pilotfilms entschieden und auf eine Realisierung verzichtet. Seither wuchern die Gerüchte. Ist der Pilotfilm so schlecht, dass er nicht ausgestrahlt werden kann? Oder vielleicht - Hoffnung für die Lynch-Fans - zu gut?
Wie auch immer, David Lynch hat sich lange im Kreis bewegt. In diesem Sinn bringt ihn die «Straight Story» weiter. Gemächlich zwar wie den Mann auf dem Traktor. Aber immer geradeaus.

Der alte Mann und der Traktor

50 Jahre war Richard Farnsworth Stuntman und Statist - jetzt ist er 79 und spielt in David Lynchs «The Straight Story» die Rolle seines Lebens

VON MATTHIAS LERF

Well, pflegt Richard Farnsworth zu sagen, wenn er einen Satz beginnt. Es ist ein bedächtiges «Well», das von ganz tief kommt, aber eigentlich nur da ist, um Zeit zu gewinnen: «Well, das meiste, was ich bis jetzt getan habe, hat mit Pferden und Pistolen zu tun.»
Pferde und Pistolen. Und zwar seit über sechzig Jahren. 1938 war er erstmals auf dem Drehplatz eines Filmes. 1968 hat er seinen ersten brauchbaren Satz vor der Kamera gesprochen. Zehn Jahre später den ersten grösseren Part übernommen. Und jetzt, im Alter von 79, spielt er die Rolle seines Lebens, an der niemand vorbeisehen kann, wenn es um die Nomination der Oscar-Kandidaten geht: Richard Farnsworth in «The Straight Story» von David Lynch. Ohne Pferde und Pistolen. Dafür mit einem Traktor.
Die Geschichte, die er spielt, ist einfach. Einfach und wahr: Auf einem John-Deere-Gartenmäher tuckerte der damals 73-jährige Alvin Straight 1994 über Hunderte von Kilometern durchs amerikanische Herzland, um seinen kranken Bruder zu besuchen. Das ist alles. Nicht gerade viel für einen Regisseur vom Kaliber eines David Lynch, denkt man zuerst. Doch dann sieht man diesen Richard Farnsworth in der Hauptrolle. Und reist mit ihm durch Zeiten und Welten.
«Erinnern Sie sich an die Faustkampfszenen aus <Red River>?», fragt der Schauspieler, und seine graublauen Augen beginnen zu leuchten: «In ein paar Szenen bin ich da für Montgomery Clift eingesprungen. Und habe gegen John Wayne gekämpft.» Farnsworth erzählt das nicht etwa, um zu bluffen. Im Gegenteil, noch ein halbes Jahrhundert nach den Dreharbeiten - der Western-Klassiker «Red River» ist 1948 herausgekommen - spricht er voller Bewunderung von den damaligen Stars: «Montgomery Clift ist zu den Dreharbeiten gekommen und hat gesagt, er könne reiten. Er war nett und professionell, aber auf einem Pferd ist der Mann von der Ostküste vorher wohl nur im Central Park gesessen. So habe ich ihm eben ein paar Dinge beigebracht.»
Ein paar Dinge? In Sachen Pferde und Pistolen hat er ihm alles beigebracht. Und nicht nur ihm. Als Stunt-Double von Gary Cooper ist Richard Farnsworth mehrmals vom Pferd gefallen. Für die Marx-Brothers ist er in «A Day at the Races» um die Wette geritten. An der Seite von Charlton Heston hat er in «The Ten Commandments» das Rote Meer durchquert. Und ist in «Spartacus» mit Kirk Douglas gegen die Römer losgezogen. In den Titelangaben zu all diesen Klassikern sucht man den Namen des Vielbeschäftigten allerdings vergebens. «Well, ich bin eben kein Mann der grossen Buchstaben», lacht Farnsworth.

«In meinem Alter sagt man nicht son of a bitch, sondern son of a gun»

Er hat gut lachen. Denn in «The Straight Story» dreht sich alles um ihn. Zu diesem späten Glück musste er allerdings fast gezwungen werden: Weil die Hüfte schmerzte und er an einem Stock geht, hat sich Farnsworth zuerst geweigert, die Rolle zu übernehmen: «Zu Hause auf meiner Ranch in New Mexico habe ich mich probehalber auf den Traktor gesetzt und es nach kurzer Zeit vor Schmerzen nicht mehr ausgehalten», sagt er. Doch David Lynch hat den Ehrgeiz des Pensionärs dennoch anstacheln können: «Ein Stock?», sagte der Regisseur seinem zukünftigen Hauptdarsteller: «Hervorragend. Der richtige Alvin Straight ist an zwei Stöcken gegangen.»
Das hat gesessen. Was ein Straight kann, schafft ein Farnsworth noch lange. Und so hat sich der Schauspieler auf das John-Deere-Vehikel gesetzt, mit dem der richtige Alvin Straight seine Reise unternommen hatte. Schön chronologisch die Reiseroute entlang sind die Dreharbeiten vorangegangen, nicht immer so gemächlich wie der Traktor, der zehn Kilometer in der Stunde schafft. Aber doch so, dass sich der ruhige Rhythmus wärmend über den Film legt wie die Herbstsonne, in der er gedreht worden ist. Und wenn es doch ein wenig hektisch zu werden drohte, das Drehbuch zum Beispiel einen kräftigen Fluch für den Hauptdarsteller vorsah, hat dieser höchstpersönlich eingegriffen. «Ein Mann meines Alters sagt nicht <son of a bitch>», machte Farnsworth seinem Regisseur klar, und flucht jetzt eben: «Son of a gun.»
So etwas hätte er sich früher nicht erlaubt. Zu sagen wagte er höchstens etwas, wenn es um Pferde oder eben Pistolen ging. Das war auch am Beginn seiner Karriere so. Als Jugendlicher arbeitete der in Los Angeles geborene Sohn eines Ingenieurs auf einer Polo-Farm. Dort lernte er erstens mit Pferden umzugehen und zweitens mit Hollywoodstars, denn Filmgrössen wie Tyrone Power liessen sich auf dem Anwesen gerne ihre Gäule satteln. Eines Tages ist eine Filmproduktion vorbeigekommen, hat walisische Ponys gesichtet und diese engagiert, um sie in einem Gary-Cooper-Streifen über Marco Polo als mongolische Tiere antraben zu lassen. «Kann jemand diese Ponys reiten?», wollten die Produzenten wissen. Farnsworth meldete sich und wurde engagiert. An das, was danach passierte, erinnert er sich noch, als ob es gestern gewesen wäre: «Ich muss meinen Boss um Erlaubnis fragen, denn ich brauche für die Dreharbeiten ein paar Tage Urlaub. <Kein Problem>, sagte der Chef, <aber du bist gefeuert!>»
Hoppla. Die Stallknechtkarriere war damit zu Ende, dafür begann die Laufbahn im Showbusiness. Dazu gehörten Live-Auftritte in den legendären Shows mit singenden Cowboys, in denen immer ein paar harte Männer gebraucht wurden, die ein Pferd und sich selber zu Fall bringen konnten, ohne dass beide verletzt wurden. Dazu gehörten aber auch Stuntauftritte in zahlreichen Western.
Sieht sich Richard Farnsworth diese alten Filme heute noch an? «Kaum», sagt der Mann, der auch zum Interview einen Westernhut trägt. «Well, am Fernsehen schaue ich meistens nur das Programm des Reisekanals. Kürzlich bin ich aber über einen alten Film gestolpert. Da habe ich dann doch gleich Jewel gerufen, und ganz aufgeregt gesagt: Schau, der da neben Wild Bill Elliot bin ich.» Jewel? Heisst Ihre Frau nicht Maggie, Mister Farnsworth? «Margrit ist der Name meiner verstorbenen Ehefrau. Jewel Van Halin aber ist meine Verlobte.»

Erst mit 67 fühlte sich Farnsworth fähig für eine ernsthafte Nebenrolle

Verlobt also. Während Hollywoodleute ihre Ehen wechseln wie Westerndarsteller ihre Pferde, nimmt sich Farnsworth auch mit der zweiten Heirat Zeit. Überstürzt hat er in seinem Leben sowieso nichts. Fähig, eine ernsthafte Nebenrolle zu spielen, fühlte er sich erst im Alter von 67 Jahren - wobei ihm seine Frau den Rücken stärkte und ihm half, Hemmungen wegen seiner Leseschwäche zu überwinden. Der Part als alter Cowboy neben Jane Fonda in «Comes a Horseman» hat ihm dann gleich eine Oscar-Nomination als bester Nebendarsteller eingebracht - und eine Menge weiterer Rollenangebote, von denen er aber nur wenige akzeptierte. «Nimm nie einen Job an, vor dem du nicht davonrennen kannst», lautet seine Devise.
Nun, in «The Straight Story» war keine Rede von Davonrennen: Stoisch fährt der 79-jährige Traktorfahrer bis zum Ende. Trifft dort seinen Filmbruder, den er wegen eines Streites viele Jahre nicht mehr gesehen hat. Setzt sich neben ihn. Und schweigt.
Auch das hat Richard Farnsworth gefallen. «Well, das Beste bei diesen Dreharbeiten war, dass niemand zu viele Worte verloren hat.» Sagts. Stützt sich auf seinen Stock. Und marschiert schnurstracks zum nächsten Interview.