Süddeutsche Zeitung, 25. 5. 1999

Andererseits hat David Lynch mit "A Straight Story" einen Film gedreht, der sich allen mutwilligen Mätzchen enthält und die Story seines Helden Alvin Straight tatsächlich ganz ungewohnt straight erzählt. Der Mann ist 73 und halbblind, und als er vom Schlaganfall seines drei Jahre älteren Bruders hört, setzt er sich auf seinen Rasenmäher und fährt von Iowa nach Wisconsin, um sich mit ihm zu versöhnen. Lynch nimmt die Entdeckung der Langsamkeit wörtlich - nie ist der Film schneller als sein Held. Die Straßen und Felder ziehen so langsam vorbei wie die Erinnerungen, an die, an die Kinder, an die Familie, an den Krieg. Wo hinter der Normalität bei Lynch sonst Schreckgespenster lauerten, da findet er hier ganz alltägliche Figuren, die viel aufregender sind als seine bisherigen Visionen. "A Straight Story" ist herzerweichend und bildschön und schon gar nicht das, was man von einem Lynch-Film erwartet - aber er fällt eben nie aus dem Rahmen dessen, was man vom Kino so oder anders kennt. Er versöhnt uns mit der Welt - und das ist vielleicht nicht das, wonach der Welt momentan wirklich zumute ist.
Michael Althen