tip Berlin, Nr. 09 /2007, p.32-34

Film wird bald Geschichte sein

 

David Lynch genoss es sichtlich, als er beim letzten Filmfestival Venedig von seiner langjährigen Muse Laura Dern den Ehrenpreis für sein Lebenswerk entgegennahm. Das Publikum dankte ihm mit frenetischem Applaus und ergötzte sich an ausgewählten Ausschnitten seine Oeuvres. Nur seinen neuen Film "Inland Empire" hatte bis dato noch niemand gesehen.

Drei Stunden später teilte sich das Auditorium in glühende Bewunderer und geplättete Kritiker. Anlass: Lynchs auf Digitalvideo gedrehte Rückkehr zum "Eraserhead"-Experimentalkino, von gewohnter visueller Kraft und hemmungsloser Lust an Phantasmagorien - als habe sich der Regisseur den Schädel aufschneiden und seine bislang seltsamsten Einfälle auf die Leinwand purzeln lassen. Ob hier ein alter Meister sein Talent mit willkürlichem Wahnwitz untergräbt oder Lynch mit seinen 60 Jahren der modernste, radikalste Filmemacher Amerikas ist, darüber wird seitdem trefflich debattiert. Der Regisseur selbst nimmt das kollektive Kopfkratzen mit schelmischer Gelassenheit und denkt gar nicht daran, sein wüstes Werk zu erklären. Lieber feierte er seinen Coup am Abend in einem vor Beats bebenden Palazzo direkt am Canale Grande und gab sich weltlichen Freuden hin, nicht zuletzt der blutjungen Dame an seiner Seite. Und auch am persönlichen Glück mag es liegen, dass man das Lächeln anderntags beim exklusivem tip-Interview wohl nur chirurgisch aus Lynch Gesicht hätte entfernen können, während er mit freudig sich überschlagender Stimme zur filmischen Revolution ausruft.

tip Sie haben "Inland Empire" komplett auf Digitalvideo gedreht. Wie wurden die Dreharbeiten und Ihr ästhetischer Stil durch die DV-Technik geprägt?

David Lynch Er veränderte alles! Ursprünglich dachte ich, DV sei ein Spielzeug und mit Filmmaterial nicht zu vergleichen. Doch noch einigen Experimenten spürte ich ein Gefühl der Freiheit, das mich elektrisierte. Die Bildqualität ist zwar nicht perfekt, aber das wird sich bald ändern. Doch für mich besitzen DV-Motive gerade wegen ihrer Grobkörnigkeit eine ganz eigene Schönheit. Und ich kann mit einer Leichtigkeit arbeiten, die mit gewaltigen Panavision-Kameras unmöglich ist. Statt mit Umbauten Zeit und Energie zu verschwenden oder riesige Filmrollen für einen Tag ins Labor schicken zu müssen, kann ich jedes Bild sofort im Computer bearbeiten. Die Kontrolle von Farbkorrekturen oder das Szenentiming durch DV ist phänomenal. Ich habe mich in das Medium verliebt und werde nie wieder mit herkömmlichen Mitteln arbeiten. Film ist ein Dinosaurier - und wird bald nur noch Geschichte sein!

tip Wie reagierten die Schauspieler auf die Umstellung?

Lynch Zunächst dachten sie, dass ich sie veräppeln will, als ich mit dieser drolligen Kinderkamera auftauchte. Doch als sie ununterbrochene Einstellungen von bis zu 40 Minuten spielen konnten, öffneten sie sich schnell, denn die neue Intimität zwischen Regisseur und Schauspieler ist atemberaubend. Ich war immer direkt vor ihnen, weil ich beim Drehen gern mit ihnen rede. Damit ruiniere ich zwar den Sound, aber kann dafür Momente so direkt einfangen, dass es für mich einem Wunder gleichkommt.

tip Trifft es zu, dass "Inland Empire" weitgehend ohne Drehbuch improvisiert wurde?

Lynch Nein, ich habe nur ohne fertiges Skript begonnen und mir den Film dann Szene für Szene erschlossen. Die Schauspieler hatten durchaus Text zum Lernen - doch wir alle wussten nicht, wo uns die Geschichte anm Ende hinführen würde.

tip Wie viel Zeit hat diese Enstehungsgeschichte in Anspruch genommen?

Lynch Zweieinhalb Jahre! Zu Beginn habe ich nur voneinander isolierte Szenen gedreht und das Ganze mit meinem eigenen Geld finanziert. Irgendwann begannen die Ideen auf magische Weise wie Teile eines Puzzles zu einem Film zusammenzufinden. Daraufhin habe ich mich mit den Leuten des französischen Studios Canal Plus getroffen, die nun schon vier meiner Filme finanziert haben. Ich sagte, dass ich mit DV drehe und keine Ahnung hätte, was ich hier eigentlich mache, und ob sie daran beteiligt sein wollten. Und sie stimmten zu!

tip Haben Sie es aufgegeben, in Hollywood nach Produktionspartnern zu suchen?

Lynch Dieser Film wäre im Hollywood-System nie gedreht worden. Die Studios töten die Seele von Filmemachern für ihren Profit, es ist krank, es ist ein schlechter Witz. Jeder dort glaubt, Filmemachern ihre Stoffe diktieren zu können. Doch warum um alles in der Welt soll denn ein Regisseur nicht den Film machen, den er machen möchte? Wo bleibt der Sinn für die Kunstform, wenn der Endschnitt eines Filmes nicht mehr in der Hand seines Machers liegt? Doch das wird sich bald ändern? DV wird die Menschen von der Geißel der Kosten befreien und jedem die Möglichkeit geben, Ideen filmisch umzusetzen.

tip Gleichwohl waren Sie auch Teil des Systems. Wie haben Sie diesen Widerspruch ausgehalten?

Lynch Ich praktiziere seit 33 Jahren zweimal täglich transzendentale Meditation und ich habe nie einen Tag verpasst. Das hält den Geist gesund, glauben Sie mir.

tip Selbst Ihre Stars Laura Dern und Jeremy Irons waren außerstande, uns die Story von "Inland Empire" halbwegs zu erklären. Wollen Sie Licht ins Dunkel bringen?

Lynch Warum? Wenn Sie vor einem abstrakten Gemälde stehen oder eine aufregende Komposition hören, dann passiert etwas in Ihnen. Sie fühlen etwas, das sie nicht in Worte fassen können - und warum soll das im Kino immer anders sein? Ich finde es seltsam, dass viele Menschen Filme immer komplett verstehen wollen, obwohl wir so viele Fähigkeiten haben, unterbewußt zu begreifen und beim Sehen etwas in uns geschehen zu lassen, während Denken und Fühlen verschwimmen.

tip War Ihnen beim Dreh bewusst, dass "Inland Empire" sogar für Ihre Fans ein mächtiges Stück Arbeit werden würde?

Lynch Nein, ich muss meinen Ideen treu bleiben und jedes Element so gut umsetzen, wie ich nur kann. Nur dann habe ich die Chance, dass andere das Resultat ebenfalls so direkt auf sich wirken lassen. Auch mir sind die Zusammenhänge meiner Ideen letztlich nicht völlig klar. Aber damit kann ich leben. Denn in dem Moment, in dem ich anfangen würde, meinen Stoff auf eine imaginäre Zielgruppe auszurichten, wäre ich verloren.

tip Stimmen Sie der Einschätzung zu, dass "Inland Empire" eine radikale Lesart der Themen von "Mulholland Drive" ist?

Lynch Gewiss. beide Filme zeigen die verschlungenen Pfade, die in die Filmindustrie und durch meine geliebte Heimatstadt Los Angeles führen können. Ich mag es, die Welt des Filmgeschäfts zu thematisieren, weil sie radikal künstlich und unecht ist und durch die fertigen Filme in den Augen der Welt doch real wird. Vermutlich werde ich das Thema wieder aufgreifen, um ein filmisches Triptychon zu kreieren.

tip Worauf bezieht sich der Titel "Inland Empire"?

Lynch Ich weiß es nicht (lacht). Ich sprach mit Laura, als der Film noch keinen Titel hatte, und sie erwähnte den Begriff, mit dem eine Gegend bei Los Angeles beschrieben wird. Ich erstarrte und sagte: So heißt der Film! Es fühlte sich einfach intuitiv richtig an. Wenige Wochen später war mein Bruder im Ferienhaus meiner Eltern und fand hinter einer Kommode einen Zeichenblock, den ich dort verloren haben muss, als ich fünf Jahre alt war. Er schickte ihn mir - und unter dem ersten Bild standen genau diese Worte: Inland Empire. So nannten die Leute auch eine Gegend in Spokane, Washington, wo ich aufgewachsen bin!

tip Hätte "Inland Empire" denn ohne Ihre langjährige Partnerin Laura Dern entstehen können?

Lynch Nein, sie war von Anfang an dabei, motivierte mich und hinterfragte unsere Arbeit keinen Moment. es ist allein ihr Film. Und weil ihr der Titel "Koproduzentin" so gut gefiel, habe ich ihn ihr natürlich von Herzen gern gegeben.

tip Sie scheinen so sehr in Ihrer eigenen Welt zu leben - verfolgen Sie eigentlich noch zeitgenössische Kultur oder die Filme Ihrer Kollegen?

Lynch Kaum. Ich sehe manchmal neue Filme, aber ich verstehe sie nicht mehr. Inspiriert werde ich von Arbeiten wie "Sunset Boulevard" oder "La Strada". Es ist magisch, diese Filme immer wieder zu sehen - it thrills my soul every time!

tip Die Credits im Abspann behaupten, dass Sie am Ende von "Inland Empire" sogar im Schluss-Song mitsingen. Wie kam es dazu?

Lynch Ich hasse es eigentlich zu singen, seit ich mit neun Jahren im Kirchenchor war und es mich beim Klang meiner Stimme vor Peinlichkeit schauderte. Doch in der wunderbaren digitalen Welt mit ihren unzähligen Plug-ins kann man so vieles bearbeiten, dass ich inzwischen Gefallen daran gefunden habe. So sehr sogar, dass ich demnächst ein Blues-Album aufnehmen werde - nur ich und ein sehr guter Techniker (lacht).

tip Das werden Sie vermutlich ebenso über Ihre legendäre Website vertreiben wie neulich auch Lynch-Kaffee und Lynch-Kaffeetassen=

Lynch Genau. Denn ich denke, dass die Welt mit einem guten Kaffee einfach ein besserer Platz ist.

Interview: Roland Huschke