| tip Filmjahrbuch Nr. 1 (1985) |
David LynchDER WÜSTENPLANETDas Buch hatte Kultstatus. Besonders in den sechziger Jahren, der Hoch-Zeit bewußtseinserweiternder Drogen: "Dune - Der Wüstenplanet" von Frank Herbert, ein Science-Fiction-Monumentalwerk, galt jahrelang als unverfilmbar. Auch darum fand der Produzenten-Mogul Dino de Laurentiis lange Zeit keinen Regisseur für die trotzdem geplante Kino-Adaption. Schließlich gewann er David Lynch für das Projekt. Und der scheiterte. von Georg Schmidt E rfolg im Showbiz ist glücklicherweise noch immer nicht berechenbar, sondern Folge eines Aufeinandertreffens von Zufällen. Andernfalls wären Film und Theater, Literatur und Musik übervölkert von Spekulanten auf einen schnellen Dollar, von Profitmaximierern und Glücksrittern, deren Sinn für Kunst und Entertainment allein die Börse reguliert. Der Zufall half auch dem Sci-Fi-Autor Frank Herbert, einem ehemaligen Journalisten, als er 1965 seinen "Wüstenplanet" bei Chilton Books veröffentlichte, einem Hersteller von Autoreparaturanleitungen, der Herberts Manuskript annahm, nachdem zuvor ein rundes Dutzend Verleger abgewunken hatten. 'Dune'; so der Originaltitel, kam zur rechten Zeit unter die richtigen Leute. Amerikas selbstbewußte Nachkriegs-Jugend, die sich gerade an Tim Leary und Marshall McLuhan zu berauschen begann, die Hermann Hesse and J.R.R. Tolkiens verzauberte Welten für sich entdeckt hatte, sorgte für Millionenumsätze.
Denn "Dune" bot Unterhaltung für jeden
Geschmack: Die Hippies der ersten Stunde goutierten
eine Drogenkultur von buchstäblich kosmischen
Ausmaßen, die überdies den Vorteil hatte, daß die
Droge, Spice oder Melange genannt und ausschließlich
auf dem titelgebenden Wüstenplaneten Arrakis zu
ernten, nicht Jux und Tollerei diente, sondern
lebensnotwendiges Elixier für Herberts Universum
war; fortgeschrittenere Acid Heads ergötzten sich an
Herberts romantisierender Mythologie und dem
wuchtigen Mystizismus in dieser Welt des Jahres
10191 a.D., wo aus der Verbindung des
genmanipulierenden Mutterordens der Bene Gesserit
mit den monotheistisch-strengen, einem archaischen
Wasserkult huldigenden Beduinenorden der Fremen ein
neuer Messianismus entsteht; die frühen Öko-Freaks
wiederum wunderten sich über Herberts Verständnis
für ihre Interessen, hatte der Autor doch in dem
ursprünglich auf drei Bände konzipierten 'Dune'-'Zyklus ein komplexes ökologisches Netzwerk
beschrieben. Die traditionellen Sci-Fi- and Fantasy-Leser schließlich freuten sich über ein
dickbäuchiges Werk, das ihnen eine grandiose Space
Opera mit Kriegen, Revolutionen, Mord, Totschlag und
Palastintrigen von wahrhaft byzantinischem Außmaß
bescherte und wo, noch ganz im Frost des Kalten
Krieges, nach Herzenslust mit Atombomben gebolzt
werden durfte. Die schauspielerischen Leistungen in einem Film, dessen Hauptdarsteller überdimensionale Würmer sind, ist dementsprechend. Kyle MacLachlan als Atreidensproß Paul spielt die Messiasrolle so hölzern wie Arnold Schwarzenegger den Conan. Francesca Annis als Mutter Jessica Atreides, Jose Ferrer als Imperator Shaddam IV., Silvana Mangano als Bene Gesserit-Chefin Mutter Ramallo und Max von Sydow als Fremenarzt Dr. Kynes fallen in einer hyperteuren Ausstattung nurmehr Statistenrollen zu; damit aber trotzdem alles klar wind, ertönen, "Lenor" läßt grüßen, aus dem Off die Gedanken. Jürgen Prochnow als Atreidenfürst Leto schließlich beißt sich einen Giftzahn aus, um anschließend mit einem perfekten Lächeln zu entschlummern. Schelmischer, mit einem Augenzwinkern präsentieren sich da schon die finsteren Gestalten dieses Spice-Epos: Kenneth McMillan als Baron Harkonnen ist eine pure Comic-Figur, ein rechter Kinderschreck mit offenkundiger Plastikmaske und dröhnendem Lachen. Sting als messerstechender Harkonnen-Sproß Feyd scheint sich vor soviel Donner und Doria ständig das Lachen verkneifen zu müssen, während sich im harkonnischen Schlachtenlenker Mentar Piter (Brad Dourif) alle Bösewichter dieser Welt in einer Person wiederfinden, von Göring bis Gargantua. Ähnliches gilt für die Special Effects und Creatures: Wenn Lynch nicht betont ernsthaft sein will, ist er gut; etwa beim Duell der verspiegelten Panzerkrieger, das immerhin gehobenen Comic-Ansprüchen gerecht wind, oder beim Auftritt des glubschäugigen, dampfenden Navigators dritten Grades, eines Spice-Mutanten, der allein per Willenskraft das All bereisen kann wie unsereins die Landkarte. Seine Protagonisten indes, die immerhin von Carlo Rambaldi gebauten Sandwürmer, wursteln sich so unbeholfen durch die Dünen wie Schwarz-Schillings Kupferkabel durch die Republik. Daß der Ritt auf ihnen, quasi Paul Atreides' Initiierung, ein so schwierig Ding sein soll, mag man auch bei viel Respekt vor teurer High-Tech kaum glauben. Wie es der Film trotz all seiner Angestrengtheit selten schafft, glaubwürdig zu sein. Die einzelnen Handlungsteile wirken aneinandergeschustert, mit langatmigen Erklärungen aus dem Off befrachtet. Nicht in Bildern erzählt Lynch, sondern er läßt erzählen. Was dann noch an Rhythmen übrigbleibt - wenig genug -, befrachtet er mit schicksalschweren Traumbildern oder planetarischem Nachhilfeunterricht auf Video. Was es dem Zuschauer dennoch kaum leichter macht, der verwirrenden und verworren inszenierten Handlung zu folgen, geschweige denn, ihre Plausibilität zu erkennen.Ist "Dune" also unverfilmbar? Haben Lynch und de Laurentiis 50 Millionen Dollars in den Wind geblasen, vom Sand verwehen lassen? Nicht ganz. "Dune" bietet zwar nicht die Atmosphäre, die man von einem derart gestylten Film erwartet, aber ansatzweise zumindest erkennt man in Ausstattung und in den auf wendigen Dekors - die Atreidenwelt ist reicher Art deco, der Palast des kosmischen Imperators protziges Byzanz, der Harkonnen-Planet eine Mischung aus Giger-Design und Pathologie und der heilige Tempel, von dem aus die Fremen frei nach Mohammed zum heiligen Krieg losschlagen, pure Organisation Todt -, Spuren von Lynchs visueller Kraft und Fantasie. Der Auftritt besagten ~ dritten Navigators etwa könnte auch an Fritz Langs "Metropolis" gemahnen, und Lynchs Darstellung des von Paul zu bezwingenden Sandwurms ist von einer Wucht wie die besten Szenen aus "Moby Dick". Für einen zweieinhalb Stunden dauernden Film ist das natürlich zu wenig. Zumal "Dune" über weite Strecken seltsam altmodisch wirkt, wie geprägt vom Geist der Zeit, in der Herberts Vorlage entstand: ein bißchen Krieg plus Abenteuer in einer fremden Welt plus die obligatorische puritanische Message. Nicht zufällig nimmt sich der Film denn auch zeitweise so aus wie eine jener billigen Jules-Verne-Verfilmungen der fünfziger Jahre. Ein Roger Corman war schon damals erfolgreicher und billiger. Und über seine Filme kann man heute erst recht lachen. "Dune". USA 1984; P: Raffaela de Laurentiis; B+R: David Lynch; K: Freddie Francis; Design: Anthony Masters; Special Effects: John Dydstra, Albert Whitlock; D: Kyle MacLachlan. Jürgen Prochnow, Josh Ferrer, Sting, Kenneth McMillan, Max von Sydow. Silvans Morgano u.v.a.; ca. 2 1/2 Stunden, Farbe.
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