| tip Filmjahrbuch Nr. 5 |
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von Wolf Donner
Lynch hat es mit losgelösten Gliedern. Wenn Willem Dafoes Kopf, den er sich gerade mit einer Doppelschrotflinte vom Rumpf geballert hat, durch die Luft fliegt und als Fleischklumpen auf den Boden klatscht oder ein Köter mit einem halben Arm im Maul um die Ecke verschwindet, dann darf man an den abgetrennten, aufgeblähten Kopf in "Eraserhead" oder das Ohr in "Blue Velvet" denken. Wenn gleich als Ouvertüre ein krasser Totschlag mit bloßen Händen wie eine schauerliche Blutorgie zelebriert wird, mit übersteuerten Geräuschen und abstoßender Brutalität, darf man an unzählige saubere, achtlose Kinomorde denken und sich fragen, wer ehrlicher, realistischer verfährt, Lynch oder die übliche Kinomoral. Gewalt, sagt er, muß schrecklich und der Schmerz spürbar sein - warum sonst sollte man so was zeigen? Wenn seine zwei "wilden Herzen" ihrer Lieblingsbeschäftigung nachgehen, scheint Lynch mit erotischem Furor den Leinwandsex neu zu formulieren. Eine Disco-Sequenz steigert er zur definitiven Rock-Tanz-Szene, selbst Banales bekommt eine geheimnisvolle Intensität. Bilder, Szenen, Sätze, Gesichter, Stimmungen eines Lynch-Films lassen einen nicht los, kommen bohrend, fordernd in die Erinnerung zurück. Sein Kino der Extreme und Exzesse, der Obsessionen und Obszönitäten, hypnotisch, bizarr, spektakulär, fungiert wie eine Schocktherapie. Er provoziert abwehrende Heiterkeit, produktive Verstörungen, kathartischen Ekel. In Cannes schüttelten sich deutsche Kritiker vor Abscheu und Wut über "Wild at Heart" und beschworen altväterlich die letzten Bastionen von Sitte und gutem Geschmack, während ihre jungen Kollegen das Opus genauso bierernst als ein Jahrzehnt-Meisterwerk anhimmelten. Der wilde Lynch und sein exzentrischer Film attackieren Rezeptionsgewohnheiten, Distanz, eingefahrene Kriterien. Große Verwirrung, überkandidelte Urteile, ein Grenzfall.
Der Mann selbst, inzwischen 44, ist sein eigenes
wandelndes Kontrastprogramm. Ruhig, nüchtern,
unscheinbar, meist in den Modefarben Schwarz und
Violett gekleidet, ein freundlicher Monsignore, der
höflich mit seiner Freundin Isabella Rossellini für die
Fotografen posiert und es haßt, über Bedeutungen und
Botschaften von Filmen zu sprechen. Kino ist, was
man nicht verbal erklären kann. Daher das Unverständnis der Kritik?
Seine politischen Ansichten sind schrecklich, sehr konservativ, patriotisch, voll
latenter Aggression gegen andere, den
USA feindlich gesonnenen Nationen. Am liebsten
spricht er über Träume, Traumata, Tabus,
heimliche
Wünsche,
unterbewußte Grauzonen,
verbotene Lüste. Mit der Unschuld eines frühreifen, bösen
Jungen gesteht er seine Faszination von
Voyeurismus und Perversionen, Sex, Gewalt,
Verbrechen, Tod. Wohlfeile Selbststilisierung? Ein Märchen, Roadmovie, Thriller, Psychodrama, eine Lovestory, eine gewalttätige Komödie - Lynchs Selbstannoncen sind so verwirrend wie die Textur des Films. Genauso kann man sagen: Melodrama, Satire, postmodernes Assoziations-Puzzle, surreale Medienreflexion, Comic strip. Der Film hat von allem etwas, ist grell, morbide, phantasievoll, frech, voll wüster Übertreibungen, bombastischem Kitsch, ekligen Gewaltorgien, magischen Bildern. Es gibt anspruchsvolle Symbole, überstrapazierte Leitmotive, Längen, unnötige Wiederholungen. Lynch setzt extrem knapp montierte Zwischenbilder, die oft nur ein Wort im Dialog illustrieren, neben lange, gefühlige Zweierszenen. Romantische Schwermut neben hitzigem Sex, Horror-Junk und Hollywood-Trash neben hochkarätigem Grand Guignol. Ein intelligenter Spaß. Sailor und Lula zünden sich Zigaretten an, Großaufnahme, es zischt und kracht wie bei Explosionen, halb Tusch, halb Warnsignal: Achtung, schlimme Erinnerungen. Sailor und die Verfolger als Spiegelung in einer Glaskugel, in den Händen der Hexe: Magie, Voodoo, Märchenspuk, fauler Zauber en gros. Am Wegesrand, quer durch den Film, lauter Freaks, Verrückte, Perverse, Psychopathen, skurrile Cameos, Bilderbuchschurken, laszives Höllengelichter: Eine Prozession beunruhigender Chimären und Lemuren, ein Trip durch eine Geisterbahn, mal dekadente Endzeit-Schauermär, mal ironischer Klamauk. Aber alles so sinnlich, elektrisierend, befremdlich, anders, daß die Spannung, die Faszination, die Kino-Verzauberung nie aussetzt. Kamera, Schnitt, Musik und genauso die Dramaturgie von Tönen, Farben, Licht und Dunkel (schrille Pizzicato-Fetzen, giftige Rot-, Lila- und Gelb-Töne, diabolische Schwärze im Fackelschein für die "schwarzen Engel", weiche Pastellschleier und sentimental. Melodien für Liebesglück und kurze, unbeschwerte Phasen), all das ist virtuos eingesetzt, mit spielerischer Freiheit. Die Darsteller: outriert, stilisiert, typisiert wie Comic-Figuren (mit Sätzen wie Phrasen in Mundblasen), dann wieder ganz normal, nachvollziehbar. Die böse Mutter (Diane Ladd) eine Megäre mit verzerrter Fratze, gespreizten Krallen, geilen Posen, verlogenem Gehätschel, ihre Tochter (Laura Dern, Ladds tatsächliche Tochter) ähnlich vulgär, Kaugummi schmatzend, von ungehemmter physischer Direktheit, Sailor (Nicolas Cage) animalisch wild, reizbar, aber auch supercooler Macker, romantischer Liebhaber. Starauftritte: Isabella Rossellini ist ein somnambules Flittchen, Harry Dean Stanton ein bekümmerter, verliebter, alter Trottel, Crispin Glover ein interessanter Geisteskranker, Willem Dafoe das ultimative Scheusal.
Das Schlangenleder-Sakko, sagt Sailor einmal, "ist
ein Ausdruck meiner Persönlichkeit", und er meint das. Kurz darauf schmachtet Cage ein Elvis-Lied und grinst unverhohlen in die Kamera; kurz, aber deutliche Brüche, Perspektiven-Verschiebungen, eine
reizvolle Gratwanderung zwischen Verfremdung und
kulinarischem Realismus. Das Paar hat Szenen von naivem Pathos und anrührender Ernsthaftigkeit,
die sich von ihrem synthetischen, stilisierten Ambiente abheben. Zwei unkomplizierte Teenager, ihre Bedürfnisse,
Wünsche, Ängste, Träume, sehr einfach,
ganz
ernstgenommen. Sie sind wie ausgesetzt, bedroht.
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