Die ästhetische Codierung

autopoietischer Strukturen und Prozesse am

Beispiel von David Lynchs TV-Serie TWIN PEAKS

 

 

Christoph Lorenz

windomearlowlindream

-1 Einleitung

0. Welt

1. System/Umwelt

1.1. Soziales System

1.1.1. Die Ausdifferenzierung in funktionale Systeme

1.1.2. Das familiäre System

1.2. Psychisches System/Umwelt

1.3. Das biologische System

2. Identität, Code und binäre Differenzen

2.1. Die Einheit der Differenz

2.2. Verdopplungen

2.2.1. Das Doppelgängermotiv

2.3. Spiegelungen

3. Beobachtung und polykontexturale Bedeutung

4. Zirkularität

5. Schlußbetrachtungen

6. Literatur

 

 

 

"Der Begriff der Selbstreferenz schließt deshalb jede Kontinuität von System und Umwelt aus. Das impliziert, daß jede Beschreibung der Umwelt durch das System (das heißt jede Fremdreferenz und jede Öffnung) nur als Konstruktion des Systems möglich ist. Die Komplexität der Welt kann nie in dem System widergespiegelt werden bzw. reproduziert werden, weil das die Auflösung der Grenzen des Systems und das Ende seiner Autopoiesis bedeuten würde. Außerdem steigt die Komplexität der Welt mit den Beobachtungsversuchen, weil mit der Beobachtung eine zusätzliche Komplexität eingeführt wird, die weitere Operationen erfordert, um ihrerseits beobachtet zu werden. Das ist so, weil eine Beobachtung sich selbst in dem Moment, in dem sie stattfindet, nicht beobachten kann;

die Schemata, die sie verwendet, bilden ihren blinden Fleck, und nur durch weitere Beobachtungen kann die Frage gestellt werden, welche Kriterien zugrunde gelegt worden sind. Die Beobachtung ist demnach nur möglich, wenn eine Grenze zwischen dem System, das beobachtet, und allem anderen gezogen wird, und das heißt, daß nur ein selbstreferentielles System in der Lage ist, zu beobachten." (GLU, S.166-167)

-1. Einleitung

Die TV-Serie TWIN PEAKS stellt eine Art künstlerisches Kaleidoskop dar, das unzählige interpretatorische Zugänge bietet. Je nachdem, wie man den Text der Serie dreht und wendet, ergeben sich neue Ansätze, von denen die meisten sicherlich ihre Berechtigung haben.

Diese Arbeit verzichtet bewußt auf die Klärung isolierter Interpretationsansätze.

Sie zielt auf eine makroperspektivische Analyse der dargestellten Welt ab, wobei konstruktivistische Anschauungen die methodische Grundlage bilden sollen. Es wird zu klären sein, ob sich in der vorgestellten Welt Strukturen und Prozesse autopoietischer Systeme abzeichnen. Eine besondere Berücksichtigung sollen dabei die dargestellten Beobachtungsvorgänge erhalten.

Angefangen mit der konstruktivistischen Definition der Welt sollen zunächst die konstitutiven Ebenen der Autopoiesis anhand des Serientextes beschrieben werden. Danach wird sich die Aufmerksamkeit der Untersuchung der Identität und den binären Differenzen widmen. Es soll weiterhin überprüft werden, ob den Bezeichnungen in TWIN PEAKS eine polykontexturale Bedeutung zugewiesen wird. Abschließend soll die Frage geklärt werden, ob das autopoietische Prinzip der Zirkulariät im Text wiedergegeben wurde.

0. Welt

"Aus dem Blickwinkel eines Beobachters ist die Welt die Einheit der Differenz von System und Umwelt. Im allgemeinen ist die Welt die Einheit jeder Unterscheidung, die von einem Beobachter getroffen wird; als Einheit kann sie nie beobachtet werden: die Welt ist der blinde Fleck jedes Beobachters." (GLU, S. 205)

1. System/Umwelt

"Die Differenz System/Umwelt ist der Ausgangspunkt der Luhmannschen Systemtheorie. Kein System kann unabhängig von seiner Umwelt gegeben sein, denn es entsteht dann, wenn seine Operationen eine Grenze ziehen, die das System von dem unterscheidet, was als Umwelt ihm nicht angehört: Kein System kann außerhalb seiner Grenzen operieren." (GLU, S. 195)

In TWIN PEAKS lassen sich diverse Systeme und die ihnen jeweils zugeordneten Umwelten festmachen. Für ihre Unterscheidung sollen die drei grundlegenden Begriffe der Luhmannschen Theorie verwendet werden:

Vom sozialen System ausgehend, soll sich die Betrachtung auf alle Systemarten beziehen.

Bei der Thematik der sozialen Systeme sollen weitere Differenzierungen vorgenommen werden, die das globale Gesellschaftssystem in Subsysteme einteilen lassen.

Die weitere Betrachtung soll sich dem sozialen und dem biologischen System widmen, in der Absicht, ihre Funktion und Darstellungsart in dem Text der Serie wiederzufinden.

Die Systeme lassen sich nie wirklich isoliert betrachten, denn sie befinden sich in einem Zustand der Interpenetration und der permanenten Interdependenz.

Entscheidend für die Beschreibung ist das System/Umwelt Verhältnis, das das jeweilige System als ein der Umwelt gegenüber geschlossenes charakterisiert. Die Schließung des Systems erfolgt immer durch eine operative Abgrenzung von seiner Umwelt. Das System selbst hat keinen direkten Zugang zur Realität der Umwelt. Das System kann nur die Irritationen, die die Umwelt an seiner Grenze auslöst, beobachten und bleibt deswegen stets selbstreferentiell.

1.1. Soziales System/Umwelt

Das perspektivisch zentrale soziale System der Serie TWIN PEAKS wird von der Einwohnerschaft der gleichnamigen Kleinstadt verkörpert. Wir haben es mit einem räumlich beschränkten System zu tun, dessen kommunikative Grenzen weitgehend mit seinen topographischen zusammenfallen. Alles, was nicht innerhalb der systematischen Grenzen der Kleinsstadtbewohner kommuniziert wird, läßt sich als dessen Umwelt auffassen. Von der topographischen Ebene ausgehend, ist es zunächst die Differenzierung Kleinstadt/Peripherie und Kleinstadt/Großstadt. Die Peripherie ist als die natürliche Umgebung der Stadt identifizierbar, also in erster Linie durch die Ghost Wood-Wälder repräsentiert. Eine schönere und passendere Umschreibung für die Umwelt ist kaum vorstellbar und wir werden im folgenden auch sehen, daß die Wälder keineswegs eine zufällig gewählte Metapher darstellen. Die Großstadt Seattle fungiert als Repräsentant der gesamtgesellschaftlichen Ordnung und stellt für Twin Peaks eine weitere soziale Umwelt dar.

Das soziale System Twin Peaks läßt sich in Teilsysteme gliedern. Es ist ein System, das seine segmentären und stratifikatorischen Elemente nicht leugnet und dennoch die Komplexität einer modernen Gesellschaft erreicht, indem es eine Vielzahl an funktionalen Systemen bereitstellt.

1.1.1. Die Ausdifferenzierung in funktionale Systeme :

Der Ausdifferenzierungsgrad der sozialen Struktur erreicht die funktionale Ebene, indem er Teilsysteme ausbildet, die für einander eine Umwelt darstellen. Während die Systeme der Wirtschaft und des Rechts im Vordergrund der Handlung stehen und sie radikal beeinflussen, erweisen sich Systeme wie das medizinische Wesen oder die öffentlichen Medien als zweitrangig mit einer geringeren Bedeutung für die im Plot thematisierte Entwicklung der Autopoiesis der kleinstädtischen Gesellschaft.

 

 

 

 

Bezogen auf die gesamte US-amerikanische Gesellschaft stellt die Exekutive des Rechtssystems ein einheitliches Funktionssystem dar. Das bedeutet, daß das Rechtssystem Twin Peaks einen Ausschnitt aus der Gesamtheit des Funktionssystems darstellt.

Personell wird das lokale Rechtssystem durch Sheriff Truman vertreten, der offiziell für die einseitige Einhaltung der Codierung Recht/Unrecht steht.

Wie in jedem Teilsystem ordnet sich Truman in die stratifikatorische Hierarchie des Rechtsapparats ein, d.h. er hat Hilfskräfte zur Unterstützung, die unter ihm stehen (Deputy Hawk und Deputy Andy Brennan), muß sich aber auch übergeordneten Strukturen unterwerfen: FBI Special Agent Cooper übernimmt Trumans Verantwortung als Leiter der Morduntersuchung, was Truman widerspruchsfrei akzeptiert.

Da jeder Charakter aber nicht nur durch seine Zugehörigkeit zum funktionalen, sondern auch die Zugehörigkeit zu anderen sozialen Systemen definiert wird, ergeben sich innerhalb des Funktionssystems manchmal Widersprüche, deren Ursprung außerhalb des Funktionssystems angesiedelt ist .

Truman gehört nicht nur dem Rechtssystem, sondern auch dem sozialen System Twin Peaks an, für das die Großstadt Seattle und das FBI eine Umwelt darstellen und umgekehrt. Dies wird durch das Entstehen von Reibungsenergien während der Interaktion mit anderen Vertretern des übergeordneten Systems erkenntlich. Als Reaktion auf die scheinbare Arroganz des forensischen Mediziners Albert Rosenfield droht Truman demselben rohe Gewalt an (Folge 3).

Interessant ist Agent Coopers Reaktion auf dieses Verhalten. Obwohl er selbst der Großstadt

entstammt und sich innerhalb der Hierarchie des Rechtssystems mit Rosenfield auf einer Ebene einfindet, unterstützt er moralisch Trumans Haltung. Dieses Verhalten ist auf Coopers Fähigkeit zurückzuführen, Urteile systemübergreifend zu fällen.

Das ökonomische System bildet ein Konglomerat einzelner Interessengruppen, die sich auf kaum noch überschaubare Verwicklungen einlassen und dadurch ihre Komplexität ständig erhöhen. Im Vordergrund stehen zwei wichtige ökonomische Faktoren der Stadt:

Das Werk war ursprünglich Eigentum von Joseph Packard, der mit seinem vorgetäuschten Tod der sozialen Umwelt anzugehören scheint. Schließlich stellt sich heraus, das er nur untergetaucht ist, um unbeobachtet aus dem Hintergrund die Fäden zu ziehen. Das Sägewerk wurde eigentlich an Packards Witwe Josie vererbt, realiter wird es von Catherine Martell, seiner Schwester, verwaltet. Eine Reihe von Komplotten bringt Catherine mit der Zeit an die Spitze des wirtschaftlichen Systems, indem sie das Sägewerk und Ben Hornes Hotel übernimmt. Es stellt sich weiterhin heraus, daß sie die ganze Zeit über insgeheim mit Andrew Packard zusammengearbeitet hat, d.h. seine seine aus der sozialen Umwelt heraus geplanten Strategien umzusetzen geholfen hat.

Die Arbeiter des Werks werden kaum thematisiert, sie kommen nur als Randfiguren vor.

 

 

 

 

 

Der andere wirtschaftliche Pfeiler der Stadt besteht in den Geschäften Benjamin Hornes. Er besitzt ein Hotel und versucht ausländische Investoren für das Ghost Wood Projekt zu gewinnen. Desweiteren gehört ihm auch das Bordell/Spielkasino "One Eyed Jack´s". In Ben Hornes Geschäftsobjekten kristallisiert sich das System/Umwelt Verhältnis heraus, da wir es hier mit einer Reihe anschaulicher Differenzierungen zu Umwelten zu tun haben.. Die potentiellen Investoren kommen aus dem Ausland, das Hotel ist eine Einrichtung für Besucher, das "One Eyed Jack´s" befindet sich jenseits der Grenze zu Kanada und der Legalität.

Für zusätzlichen finanziellen Umsatz sorgt in der Welt von Twin Peaks der Handel mit Kokain, der von der Umwelt des Staates (Kanada) aus organisiert wird. Für die meisten rechtschaffenen Bürger der Stadt stellt das System des Handels und Konsums von Kokain eine soziale Umwelt dar, da beides illegal ist und als moralisch verwerflich gilt. Dennoch tut sich ein kompliziertes und verworrenes System jenseits des Rechts auf

Diesem System lassen sich Figuren wie Hank Jennings, Leo Johnson, Jacques und Jean Renault eindeutig zuordnen. Ben Horne bewegt sich zwischen beiden Seiten des Rechts, eine Spaltung, die sich bereits in dem Besitz seiner Wirtschaftsimmobilien konstituiert.

Die Spitzenposition des wirtschaftlichen Systems ist hart umkämpft und wandert mit der Entwicklung der einzelnen Pläne und Verschwörungen. Fakt ist, daß das wirtschaftliche System eine Einheit darstellt, egal auf welcher Seite des Gesetzes seine Protagonisten handeln. Die Illegalität stellt eine Umwelt für das juristische System dar, nicht für das wirtschaftliche.

sollen hier nur beispielhaft in der Aufzählung ergänzt werden (Repräsentanten in Klammern):

Bemerkenswert ist die Tatsache, daß das politische System von einem altersschwachen, handlungsunfähigen Bürgermeister vertreten wird, dessen Funktionen vom Rechtssystem übernommen werden müssen (während der Pressekonferenz wird er aufgrund seiner Unfähigkeit, ein Mikrofon zu benutzen, von Truman und Cooper abgelöst).

Gegen Ende der Serie tritt er mit seinem Tod endgültig von der Bühne des Geschehens ab. Diese Umstände lassen darauf schließen, daß das politische System für die Organisation des sozialen Systems kaum von Bedeutung sein kann, d.h. die Organisation der Kleinstadtgesellschaft auf den Operationen der übrigen Systeme aufbaut.

Bezogen auf ihre autopoietische Relevanz stehen sich in Twin Peaks zwei soziale Funktionssysteme gegenüber: das Rechtssystem und das Wirtschaftssystem. Für die Angehörigen der Systeme stellt das jeweils gegenüberliegende System eine Umwelt dar, deren Inhalte erst durch eine entsprechende Umcodierung in das eigene System aufgenommen werden können.

Das Bindeglied dieser Systeme wird in der ersten Hälfte der Serie von Leland Palmer verkörpert, der einerseits Anwalt und somit Vertreter des Rechtssystems ist, auf der anderen Seite für Ben Horne arbeitet und somit für seine ökonomische Interessen eintritt.

Theoretisch ist in der Lage, eine Umcodierung vorzunehmen. In der Praxis geschieht dieses jedoch nicht, da er nach dem Tod seiner Tochter, Laura Palmer, arbeitsunfähig wird. Sein Tod symbolisiert den vorläufigen Bruch der Kommunikation zwischen den beiden Systemen.

1.1.2. Das familiäre System :

Die Urzelle der Gesellschaft besteht in der Institution der Familie. Beinahe jeder ist in Twin Peaks mit jemandem verheiratet bzw. liiert, auch wenn die anfangs noch so eindeutige Einteilung in Familienstrukturen der Beobachtung der Handlungsentwicklung nicht standhält.

Es zeigt sich, daß die Familienbande bisweilen oberflächlich bzw. nur noch formal eingehalten werden, während woanders neue Konstellationen entstehen. Die Familie befindet sich in der Krise. Sobald sich das Verhältnis System/Umwelt nicht mehr aufrechterhalten läßt, werden die Grenzen des sozialen Systems "Familie" in Frage gestellt, was zwangsläufig zu einer Erschütterung bzw. endgültigen Auflösung des Systems führt.

Die Serie beginnt inmitten einer solchen Krise. Das zentrale Symbol für die Erschütterung der Familie als soziales System besteht in der Vergewaltigung und Tötung Laura Palmers durch ihren eigenen Vater.

Es gibt eine Vielzahl anderer Beispiele für die Infragestellung der systeminternen Grenzen intimer Systeme. Eins davon ist die Situation Norma Jennings und Ed Hurleys. Norma Jennings lebt nicht mehr mit ihrem Ehemann zusammen, hält diese Illusion allerdings weiterhin vor Augen seines Bewährungshelfers aufrecht. Eigentlich ist sie in Ed Hurley verliebt und möchte mit ihm eine offizielle Beziehung eingehen. Die Begründung eines solchen sozialen Systems kommt allerdings nicht zustande, da Ed Rücksicht auf seine offenbar geisteskranke Ehefrau Nadine nimmt und sich nicht überwinden kann, sie im Stich zu lassen. Groteske Züge nimmt die familiäre Situation an, als Nadine sich in Folge eines Unfalls in den High School-Jungen Mike Nelson verliebt. Ihr Entschluß, Mike zu heiraten, scheint endlich einen Ausweg für die sozialen Spannungen darzustellen. Der Bildung von zwei neuen, auf Liebe basierenden Beziehungen scheint nichts im Wege zu stehen. Schließlich wird die Situation jedoch in ihre Ausgangslage zurückgeführt, als ein weiterer Unfall Nadine wieder zu ihrem Mann zurückkehren läßt.

Luhmann zufolge ist die Familie (bzw. alle Fälle von Intimbeziehungen) dasjenige System, in dem es nicht erlaubt ist, der Kommunikation etwas Persönliches zu entziehen (GLU, S.56-57). Daher ist es das einzige System, dem die Funktion der Inklusion von Personen zuzuschreiben ist. Das bedeutet, daß die Interpenetration zwischen den psychischen Systemen und dem sozialen System sehr stark ist. Die allgemeine Brüchigkeit der Familienstrukturen wird thematisch mit der Ermordung Lauras eingeführt und deutet darauf hin, daß die Bedrohung der Systemgrenzen auf die Infragestellung der Funktion der Familie zurückgeht bzw., daß die strukturelle Kopplung des Kommunikationssystems mit den psychischen Systemen nur beschränkt auftritt. Folgt man der Behauptung, daß die Familien das einzige System der funktional differenzierten Gesellschaft sind, "in dem die Menschen ausschließlich als Personen behandelt werden" (GLU, S.56), so läßt sich der Schluß ziehen, daß es in Twin Peaks schwierig geworden ist, als eine einheitliche Person gesehen zu werden. Mit anderen Worten heißt das, daß die psychischen Systeme tendenziell fragmentiert, also funktionsgebunden, betrachtet werden und selten die Gelegenheit erhalten, auf ihre Konsistenz überprüft zu werden.

 

 

1.2. Psychisches System/Umwelt :

"Die psychischen Systeme oder Bewußtseinssysteme bilden neben den sozialen Systemen und den lebenden Systemen eine der drei Ebenen der Konstitution der Autopoiesis. Die Operationen des Bewußtseins sind Gedanken, die sich rekursiv in einem geschlossenen Netzwerk ohne Kontakt mit der Umwelt reproduzieren." (GLU, S.142)

Das psychische System kann als Synonym des Bewußtseins verwendet werden.

Das Bewußtsein existiert unabhängig von den anderen Ebenen der autopoietischen Konstitution als geschlossenes System. Dessen Gedanken sind nichts anderes als die Reproduktion von vorherigen Gedanken. Dennoch kann das Bewußtsein das soziale und wahrscheinlich auch das biologische System interpenetrieren.

In TWIN PEAKS sehen wir uns als Zuschauer mit der komplexen Konstruktion eines sozialen Systems konfrontiert und jedem seiner Teilnehmer kann ein psychisches System zugeordnet werden. Jedes individuelle Bewußtsein der eingeführten Figuren reagiert auf die Irritationen, die seiner sozialen/biologischen Umwelt entstammen.

In der ersten Folge der Serie werden die unmittelbaren Reaktionen der psychischen Systeme auf die Nachricht der Ermordung Laura Palmers vorgeführt. Die meisten Figuren nehmen dieses soziale re-entry mit höchster emotionaler Bestürzung auf. Dieser Effekt ist weniger auf die persönliche Bindung der Stadtbewohner zu Laura zurückzuführen, sondern beruht eher auf dem Umstand, daß das soziale System es offenbar bisher versäumt hatte, die wahren Abgründe der psychischen Systeme einzelner Teilnehmer zu kommunizieren.

In der öffentlichen Wirklichkeit steht Leland Palmer als angesehener Anwalt und fürsorglicher Vater da. Erst nach dem Tod seiner Tochter kommt allmählich sein wahres Ich zum Vorschein. Der Verfall seiner Persönlichkeit wird für alle sichtbar, indem er ihn über das Ergrauen seiner Haare, seine öffentlichen Zusammenbrüche, seine andauernde Arbeitsunfähigkeit und seine allgemeine kommunikative Dissoziierung beobachtbar macht.

Die von Cooper geführte Untersuchung fördert schließlich eine Wahrheit zu Tage, die für das soziale System Twin Peaks bisher unvorstellbar war: Leland Palmer hat seine eigene Tochter umgebracht.

Es zeigt sich, daß das soziale System wenig bis gar nichts über ganze Bereiche der Umwelt seiner psychischen Systeme weiß. Die Selbstreflexivität der Twin Peaks-Gesellschaft ist eingeschränkt und beruht hauptsächlich auf den face-to-face Interaktionen. Die Funktionalisierung des "RR" als Begegnungsstätte und die geringfügige Bedeutung der lokalen Medien für die Handlungsentwicklung unterstützen diese Bewertung. Das soziale Informationsdefizit äußert sich in der allgemeinen Verständnislosigkeit der begangenen Tat. Das ist nicht weiter verwunderlich, denn Verstehen entsteht durch die Differenz von Mitteilung und Information. Die Mitteilungen Leland Palmers über die Beschaffenheit seines psychischen Systems sind rar, auch nach dem Beginn seines Zusammenbruchs.

Als ähnlich selten und reduziert zeigen sich die Mitteilungen Lauras an ihre soziale Umwelt.

Weder ihre Drogensucht noch die sexuellen Exzesse noch die inzestuöse Verbindung zu ihrem Vater, die sie schließlich in den Tod geführt haben, wurden von ihr öffentlich problematisiert. Am Anfang der Serie wird sie von dem Gros ihres sozialen Umfelds als eine gesittete, angepaßte junge Frau, betrachtet, was also einen kompletten Ausschluß eines Teils ihrer Realität aus dem Prozess der sozialen Beobachtung darstellt. Lediglich ihrem intimsten Umfeld gegenüber macht Laura Andeutungen, die den realen Zustand ihrer Seele beschreiben sollen. Meistens bleibt sie jedoch durch die Verwendung der semantisch vagen Metaphorik unverstanden.

Neben den an der anderen Seite ihrer Existenz direkt beteiligten Charakteren (z.B. Leo Johnson oder Ben Horne) existieren zwei weitere Figuren, die mehr als andere wissen.

Einerseits Harold Smith, der ihr geheimes Tagebuch lesen darf und intime Details über Lauras Leben erfährt. Er nimmt allerdings von vorn herein eine Grenzposition im sozialen System ein, denn eine Erkrankung macht es ihm unmöglich, sein Haus zu verlassen. Seine physische Isolation macht sich automatisch als kommunikative Isolation bemerkbar.

Auch Dr. Jacoby, Lauras Psychotherapeut, muß einen recht weitreichenden Einblick in Lauras Leben erhalten haben. Doch für das soziale System erweist sich seine Informiertheit als unverwertbar, denn seine ärztliche Schweigepflicht verbietet es ihm, konkrete Aussagen über seine therapeutische Arbeit mit Laura Palmer zu machen. Es ist die Bindung an seine funktionalen Systemgrenzen, die einen möglicherweise relevanten Beitrag zur Rekonstruktion der Mordhintergründe verhindert.

Im Grunde genommen sind alle Figuren, die für Coopers Ermittlung von Relevanz sein könnten, soziale Außenseiter über deren Bewußtsein bzw. deren Gedanken kaum etwas preisgegeben wird. Neben Dr. Jacoby und Harold Smith erscheinen die Charaktere des Major Briggs, der Log Lady oder des One-Armed Man sozial intransparent.

Cooper ist der einzige, der offen auf jedes System zugeht und bereit ist, dessen Innenperspektive einzunehmen bzw. zu kommunizieren. Anders als seine FBI-Kollegen, die in ihrer Präsenz selten die Codierung ihres funktionalen Systems verlassen, wird er im Fortlauf seiner Beobachtung zu einem Bestandteil des sozialen Systems Twin Peaks, um die Funktion der Selbstreflexivität des Systems voranzutreiben. Seine vorübergehende Suspendierung vom Dienst markiert sein temporäres Ausscheiden aus dem funktionalen System zugunsten des Aufgehens in dem tribalistischen System der provinziellen Gesellschaft (Bookhouse Boys).

Er ist praktisch nie verstört über die Vorgänge seines psychischen Systems, mag der Traum oder die Vision, die er erfährt, noch so abstrus und unkommunizierbar erscheinen. Ganz im Gegenteil, er läßt sich auf jegliches Wagnis ein, das aus der Perspektive seines Bewußtseins notwendig ist, ob es um die Rettung Audrey Hornes aus dem Bordell oder die Rettung Annies aus der Schwarzen Hütte geht. Grenzüberschreitung der Teilsysteme, das Wechseln der autopoietischen Ebenen und die ständige Anpassung an die aus der Umwelt stammenden Irritationen scheinen ein fester Bestandteil seiner Persönlichkeit zu sein. Diese Eigenschaften ermöglichen und erleichtern ihm die vielfältigen Beobachtungsprozesse, führen ihn aber schließlich in die "Besessenheit".

1.3. Das Biologische System/Umwelt :

"Alle autopoietischen Systeme sind also durch eine operative Schließung gekennzeichnet. Mit diesem Begriff wird die Tatsache bezeichnet, daß die Operationen, welche zur Produktion neuer Elemente eines Systems führen, von früheren Operationen desselben Systems abhängig und Voraussetzung für folgende Operationen sind. Diese Schließung ist die Grundlage der Autonomie des betreffenden Systems und ermöglicht die Unterscheidung von seiner Umwelt. Im Fall eines lebenden Systems sind die zur Produktion einer neuen Zelle führenden Transformationen ausschließlich interne Transformationen – auch wenn die Reproduktion der Elemente des Organismus dabei zellexterne Materialien (die zu verarbeitenden organischen Moleküle) benutzt : Es gibt keine Produktion außerhalb eines lebenden Organismus. Dasselbe gilt für die anderen Typen autopoietischer Systeme : Die Operationen eines sozialen Systems –die Kommunikationen- sind das Ergebnis früherer Kommunikationen und lösen ihrerseits weitere Kommunikationen aus. Die Einheit eines sozialen Systems beruht ausschließlich auf der rekursiven Vernetzung der Kommunikationen und nicht zum Beispiel auf den psychischen Prozessen der teilnehmenden Bewußtseinssysteme oder gar der Organismen. Nur die Gesellschaft kann kommunizieren. Auch die Operationen eines psychischen Systems – die Gedanken- reproduzieren sich unaufhörlich aufgrund anderer Gedanken und reflektieren direkt weder organische noch kommunikative Prozesse. Nur ein Bewußtsein kann denken (es kann aber seine Gedanken nicht in ein anderes Bewußtsein überführen; dazu muß er sich auf Kommunikation einlassen). Leben, Bewußtsein und Kommunikation sind getrennte Ebenen der Autopoiesis, mit je eigener Autonomie. (GLU,S.29-30)

Die in Twin Peaks eingeführte, scheinbar metaphysische Welt der Weißen/Schwarzen Hütte wirft viele Fragen auf, die sich nicht leicht beantworten lassen. Während die Weiße Hütte innerhalb der Serie nur verbal und als reine Bezeichnung existiert, erhält der Zuschauer durchaus Einblicke in die Schwarze Hütte.

Die Schwarze Hütte besteht aus mehreren rot ausgestatteten Räumen, dessen Boden mit

schwarz-weißem Zickzackmuster ausgelegt ist. Es finden sich darin archetypisch anmutende Gestalten ein, um dort, umgeben von einer traumähnlichen Atmosphäre zu kommunizieren. Bei den Gestalten handelt es sich um:

abgeschnitten hat und jetzt versucht, Bob aufzuhalten

In der letzten Folge (30) gelangen noch weitere Doppelgängerfiguren in die Schwarze Hütte.

Die Weiße/Schwarze Hütte sind bei einer Konjunktion von Jupiter und Saturn betretbar. Der Schlüssel zur Weißen Hütte ist die Liebe, der zur Schwarzen Hütte die Angst.

Die Basalität der Unterscheidung zwischen den beiden Hütten (schwarz/weiß) erinnert stark an die Grunddifferenz eines autopoietischen Systems, dessen Code aus der Differenz Furcht/Liebe besteht. Die Kongruenz der beiden Konzepte ist bestechend, welches autopoietische System wird hier jedoch dargestellt und von welchem autopoietischen System aus gesehen?

Die Behauptung lautet, daß hier eine Darstellung des biologischen Systems als Umwelt vorwiegend aus der Sicht des psychischen Systems erfolgt. Die Schwarze Hütte samt ihrer Bewohner sind nicht Bestandteil des biologischen Systems, sondern nur die Spiegelung des Bewußtseins, das auf an der Grenze zum biologischen System (Umwelt des psychischen Systems) auftretende Irritationen reagiert.

Der Bösewicht Windom Earle formuliert es so:

"Es paßt alles zusammen. Die Nachtwesen, die am Rande unserer Alpträume schweben, suchen unsere Nähe, wenn wir Furcht erfinden."

(Folge 29)

Bemerkenswert ist die Formulierung "Furcht erfinden" als Umschreibung der Konstruktion, die als re-entry zur operativen Schließung des psychischen Systems aufgebaut wird.

Windom Earle führt an derselben Stelle weiter aus:

"Weil sie Furcht fressen. Die perfekte Symbiose. Oh, Natur: Vollkommenheit in Zielen und Zwecken. du läßt uns nicht im Stich!"

Hier wird die Natur als systemübergreifende Welt (also gleichzeitig System und Umwelt und daher dem Betrachter unzugänglich) direkt angesprochen. Die "perfekte Symbiose" läßt sich als die parallele Existenz des biologischen, psychischen und sozialen Systems begreifen. Wenn Leland Palmer von Bob besessen wird, ist das eine Metapher dafür, daß das psychische System von dem biologischen vorübergehend verdrängt wird, bzw. daß das psychische System offenbar zeitweise zusammenbricht und nicht mehr zwischen dem biologischen und sozialen System als Vermittler funktioniert. So scheint Leland überhaupt keine Erinnerung an die Zeit zu besitzen, die er als Bob erlebt hat.

Cooper zu Bob/ Palmer :"Weiß Leland [Palmer], was sie mit ihm getan haben?"

Bob/Palmer : "Ach, Leland ist bloß wie ein verirrtes Kind. Bloß noch ein Loch – wo früher

seine Seele war."

(Folge 17)

In der Folge 29 wird die Choreographie des Tanzes für den Miss Twin Peaks-Wettbewerb dargestellt. Auch hier wird die Natur als Metapher benutzt.

Tanzlehrer:

"Das...das ist ein Tanz über die Natur. Eine einzige Lobpreisung."

Auch für die Kommunikation stellt das biologische System eine Umwelt dar, die als Konstruktion in das soziale System aufgenommen wird. Agent Cooper hat bei der Beschreibung von Josies Tod Ausdrucksschwierigkeiten, weil er etwas kommunizieren soll, was sein psychisches System zwar beobachtet, aber nur als Umwelt erfahren hat. Cooper hat keinen Einblick in das biologische bzw. psychische System Josies erhalten. Jetzt ist er genötigt, die autopoietische Selbstbeobachtung seines psychischen Systems zu kommunizieren. Daher lassen sich seine Umschreibungen als ein re-entry des Kommunikationssystems auslegen:

 

"Sie war vor Furcht wahnsinnig. Vielleicht formuliere ich es so: die Furcht ließ sie zum Tier werden, ich wage die Vermutung, daß es die Angst war, die sie tötete. Und im Augenblick ihres Todes sah ich Bob. Als wäre er durch eine Spalte in Raum und Zeit geschlüpft. Rückblickend meine ich, es besteht irgendeine Verbindung zwischen seinem Auftauchen und Josies Tod, so als würde er davon angezogen, als ob er sich davon ernährte."

(Folge 29)

Die Formulierung "zum Tier werden" läßt sich als Umschreibung des Aussetzens aus dem

sozialen System zugunsten einer Existenz als biologische Umwelt interpretieren. Mit "wahnsinnig" ist das Aussetzen des psychischen Systems gemeint. Die Spalte in Raum und Zeit existiert nicht: es handelt sich um die Systemgrenze, die Irritationen aus der Umwelt vermittelt.

Ein Stück weiter läßt die verwendete Metaphorik wieder auf unbekanntes, undurchsichtiges Terrain schließen, der Wald steht wieder für Organismen als Umwelt. Das "Böse" ist als der Verweis auf eine Seite der Grunddifferenz zu verstehen.

"...ich glaube, daß er [Bob] von dort [Schwarze Hütte] herkommt. Und genau diese Schwarze Hütte haben Sie früher einmal bezeichnet, als das "Böse in den Wäldern"

Schließlich wird aber eingestanden, daß die Beobachtung der Vorgänge nur eine Konstruktion ist, die letztlich nicht in der Lage ist, die Einheit System/Umwelt zu erfassen.

Die Umwelt des eigenen biologischen Systems als auch des Organismus Jodies bleibt unzugänglich, daher weder faßbar noch kommunizierbar im vollen Ausmaß ihrer Komplexität:

Agent Cooper zu Sheriff Truman:

"Sie [Schwarze Hütte] stellt eine Quelle solcher Macht dar, Harry, daß sie unser Vorstellungvermögen weit übersteigt."

( Folge 29)

2. Identität, Code und binäre Differenzen

Cooper: "Wer den Code knackt, löst das Verbrechen."

(Folge 4)

"Die Operation der Beobachtung schließt immer beide Momente der Bezeichnung und Unterscheidung ein, die nur zusammen erscheinen: Wenn es eine Bezeichnung gibt, gibt es immer auch eine Unterscheidung und umgekehrt, aber ihre Gleichzeitigkeit muß nicht dazu führen, sie zu vermischen. Die Beobachtung ist eine Artikulation der Differenz von Unterscheidung und Bezeichnung, verarbeitet wird nicht die Identität von Bezeichnung und Unterscheidung, sondern ihre Differenz – oder anders gesagt: die Differenz zwischen dem, was festgehalten wird (Identität), und dem, wovon sie unterschieden wird (Differenz)." (GLU, S.72)

"Damit wird die Vollständigkeit des Codes sichergestellt – das heißt seine Fähigkeit, für jede Einheit eine korrelierte Einheit zu bezeichnen: eine Negation genügt. In ihrem Anwendungsfeld haben binäre Unterscheidungen universelle Reichweite: sie sind für jede mögliche Kommunikation zuständig." (GLU, S.34)

Der gesamte Text von Twin Peaks ist mit binären Kontrasten und Verdoppelungen übersät.

Auf der ästhetischen Ebene manifestiert sich diese Zwiespaltung in der Verwendung von oppositioneller Farbsymbolik. Augenfällig ist die Gegenüberstellung der Farben Schwarz/Weiß als Metapher für gut/böse bzw. Weiße/Schwarze Hütte. Durch die Schwarze Hütte verläuft, wie bereits in 1.1.3. erwähnt, ein schwarz/weiß gemusterter Fußboden. Die springende Linienbewegung des Zickzacks deutet eine Dynamik an, als ob schwarz und weiß sich gegenseitig zu verdrängen suchten, in einem endlosen Kampf um die Dominanz, letztlich aber immer im Einklang bleiben, da die Trennung zwischen den Farben konstant bleibt und ihre Grenze nie aufgehoben wird. Der Umstand, daß das Muster auf dem Boden der Hütte verläuft, deutet darauf hin, daß es sich um eine Grundlagenkennzeichnung handelt. Es ist nicht schwer, darin eine Symbolik für die Einheit einer doppelten Codierung auszumachen.

Das schwarz/weiße Muster findet auch in anderen Bereichen seine Darstellungsweise.

So z.B. in den Haarfarben bzw. dem Erscheinungsbild der Hauptfiguren. Laura Palmer besticht mit der Helligkeit ihrer blonden Haare, während Special Agent Cooper in einem schwarzen Anzug und mit dunklen Haaren eingeführt wird. Während Laura Palmers Leidenschaft dem Kokain galt (Markenzeichen: "schneeweiß"), gilt Coopers Hinwendung dem Kaffee, den er "schwarz, wie  Mitternacht in einer mondlosen Nacht" genießt.

Die Einheit dieser Gegenüberstellung besteht darin, daß es sich bei beiden Substanzen um Aufputschmittel handelt, ihre Differenz besteht neben Farbgebung der äußeren in der Unterscheidung: legal (Kaffee) und illegal (Kokain), soweit sie vom Rechtssystem gesehen wird.

Diese Art der Opposition kulminiert in der Einheit der Weißen/Schwarzen Hütte, die aus der Sicht des sozialen Systems als zwei Seiten einer Bezeichnung verstanden werden können.

Wie bereits in 1.1.3. postuliert, handelt es sich bei der Stilfigur der beiden Hütten um die selbstreflexive Konstruktion des psychischen Systems, bzw. die selbstreflexive Konstruktion des sozialen Systems in der Beobachtung des biologischen Systems.

Die sozialen Konstruktionen plazieren die Umwelt des biologischen Systems in die kommunikative Umwelt der Twin Peaks umgebenden Wälder und schreiben ihr eine Doppelcodierung zu, indem von der Schwarzen Hütte angenommen wird, das sie "das Böse in diesen Wäldern" verkörpert, während die Weiße Hütte als ein Ort der ewigen Harmonie bezeichnet wird. Es ist offensichtlich, daß die Schwarze Hütte die Verneinung der weißen repräsentiert und umgekehrt. Aus der Perspektive des psychischen Systems wird eine

Leitdifferenz des biologischen Systems postuliert, die als "Angst" bzw. "Liebe" umschrieben wird. Aus der Perspektive des sozialen Systems wird diese Differenz der moralischen Differenz gut/böse zugeordnet.

2.1. Die Einheit der Differenz

"Die Beobachtung der Einheit der Anfangsdifferenz im System, das sich an ihr orientiert, produziert die Figur des "re-entry". (GLU, S.73)

In der letzten Folge der Serie taucht Agent Cooper in der Black Lodge ab, um Annies Seele zu retten. Annie wurde von Windom Earle mit dem Vorhaben dahin entführt, Coopers Seele im Tausch gegen Annies zu erpressen. Schließlich gelingt es Cooper Annie zu befreien, indem er Earle seine Seele anbietet, der allerdings wiederum von Bob überwältigt wird. Am Ende behält Bob beide Seelen: die von Windom Earle und Cooper, während Annie offenbar entkommen kann.

In der Einführung dieser Sequenz wird Cooper von der ihm vertrauten Figur des Zwerges mit den Worten empfangen: "Wenn wir uns wiedersehen – siehst du mich nicht mehr."

Diese Aussage ist als eine Umschreibung der re-entry-Prozesse des Beobachterssystems Cooper zu verstehen. Denn die Beobachtung Coopers wiederholt sich und wird sich in der Zukunft wiederholen. Ob Cooper sich dessen noch bewußt sein wird, daß seine Beobachtung einen Wiedereingang seines Systems in sich selbst bedeutet, ist in Frage gestellt. Denn jede Beobachtung beruht auf einer erneuten Differenzierung, die gleichzeitig den blinden Fleck der Beobachtung ist. Auf diese Weise wird Coopers blinder Fleck immer wieder erneuert.

Das eine Mal beobachtet er den Bestandteil der Schwarzen Hütte als einen Zwergen, das nächste mal wird er ihn dort wieder antreffen, jedoch nicht als solchen erkennen.

Verdeutlicht wird diese Unterscheidung mit dem Konsistenzverhalten des Kaffees, der sich in der von dem Riesen kurz darauf angebotenen Tasse befindet. Cooper nimmt die Tasse an, betrachtet sie etwas argwöhnisch und kippt sie. Die Flüssigkeit läuft nicht aus, da sie sich scheinbar in eine feste Masse verwandelt hat. Im nächsten Augenblick kippt Cooper die Tasse noch einmal und stellt überraschend fest, daß diesmal der Kaffee in Form einer Flüssigkeit aus der Tasse austritt. Je nach Beobachtung stellt sich eine neue Form der Substanz des Kaffees ein.

Der Riese kommentiert den Vorgang mit den Worten : "Ein und derselbe" , womit er sich und den Zwerg meint. Beide haben Cooper bisher in seinen Träumen und Visionen als eine Art "mystische Führer" begleitet. Somit nehmen sie beide für Coopers psychisches System eine leitende Funktion ein. Geht man davon aus, daß die Schwarze Hütte eine Seite der Differenz des biologischen Systems repräsentiert, kann man die Funktion der beiden Figuren als die der "inneren Stimme" oder eines "inneren Ratgebers" begreifen. Im Endeffekt sind die Ratschläge jedoch für das psychische System und erst recht für das soziale System unverständlich, denn sie sind nichts anderes als die Spiegelung der Systeme selbst in Form eines re-entrys, während das biologische System für sie weiterhin Umwelt bleibt.

Die Offenbarung der Figuren Riese/Zwerg, in Wirklichkeit nur zwei Repräsentationen einer Einheit darzustellen, weist auf die Einheit der Differenz hin, die als die binäre Differenz riesig/kleinwüchsig vorgestellt wird.

2.2. Verdopplungen

Annie zu Cooper:

"Hör die andere Seite, sieh die andere Seite."

(Folge 28)

Das Prinzip der Verdopplung ist ein tragendes Merkmal der Serie. Bereits der Titel und der Vorspann suggerieren eine Verdopplung : "Twin Peaks" ist aus dem englischen übersetzbar als "Zwillingsgipfel". Das Motiv der Einheit der Differenz erscheint also als programmatisch. Einerseits werden zwei Gipfel vorgestellt, also eine Differenz. Gleichzeitig bilden sie aber eine Einheit, da sie ja "Zwillinge" sind.

Interessant ist die Beobachtung, daß die beiden Hügel ausschließlich auf dem Willkommensschild zu der Stadt Twin Peaks, das im Vorspann gezeigt wird, gleichzeitig zu sehen sind. In der "Alltagswirklichkeit" des TV-Textes sind die Hügel jedoch nie zu sehen – einer von ihnen ist stets vom Nebel umhüllt und daher unsichtbar.1

Dieselben Strukturen ergeben sich bei der Betrachtung der Weißen/Schwarze Hütte.

Die Weiße Hütte findet nur als Referenz Eingang in den Text, während die Schwarze Hütte sich in recht konkreten Formen manifestiert.

Dieser Umstand ist auf die Aktivität des Beobachtens zurückzuführen, die selbst eine Unterscheidung ist, ohne die Möglichkeit, die Differenz selbst erkennen zu können:

" Die Anfangsunterscheidung ist zugleich die Bedingung dafür, beobachten zu können und die Beobachtung zu beschränken; ohne eine Unterscheidung kann man nicht beobachten, aber jede Unterscheidung erlaubt nur das zu beobachten, was sie zu beobachten erlaubt."

(GLU, S.125)

Da nur der eine Gipfel bzw. nur eine Hütte beobachtet werden, bleibt die jeweils andere Seite im Verborgenen. Das heißt, daß es sich hierbei um Repräsentationen des aktualisierten Sinns handelt, während seine Negation als nicht aktualisierte Möglichkeit im Bereich des Obskuren bleibt. Eine Aufhebung dieses blinden Flecks ist nur einem Beobachter der 2. Ordnung zugänglich, der mit der Beobachtung der 2. Ordnung wiederum eine neue Unterscheidung einführt. Das Problem ist nie endgültig lösbar, da auch der Beobachter der 2. Ordnung mit der Einführung einer neuen Unterscheidung auch einen neuen blinden Fleck entstehen läßt.

Als Versuch, die Position des Beobachters 2. Ordnung einzunehmen, also der aktiven Unterscheidung der Unterscheidung, kann die Haltung Dr. Jacobys, des Psychiaters, aufgefaßt werden. Er trägt eine Brille, deren Gläser in den beiden (als entgegengesetzt konventionalisierten) Komplementärfarben blau und rot eingefärbt ist. Mit der gleichzeitigen Filterung des Lichts in unterschiedlichen Farben scheint er sich selbst auf die Grunddifferenz, die mit jeder seiner Beobachtungen einhergeht, konzentrieren zu wollen und seinen Blick auf die Ebene der Beobachtung der 2. Ordnung zu fixieren. Gleichzeitig scheint er über Informationen zu verfügen, die den meisten der Stadtbewohner vorenthalten sind. So ist es nicht weiter verwunderlich, daß er kurz nach Ankunft des FBI Special Agent Coopers denselben aufsucht, um ihm seine Hilfe bei den Ermittlungen anzubieten. Leider trennt ihn sein Berufsethos (Ärzteschweigepflicht) weitgehend von der Kommunikation des sozialen Systems, so daß er kaum eine Hilfe sein kann.

 

 

 

2.2.1. Das Doppelgängermotiv

Als besondere Form der Verdoppelungen ist schließlich das Motiv des Doppelgängers anzuführen. Es gibt in Twin Peaks die eindeutig sichtbare und von dem Zwerg definierte

Korrelation (Zwerg zu Cooper: Doppelgänger" (Folge 30)) zwischen den Figuren des sozialen Systems Twin Peaks und den Figuren, die in der Schwarzen Hütte auftauchen und über dasselbe Aussehen verfügen, das die Charaktere des sozialen Systems aufweisen. Technisch wird die Einheit der äußeren Form durch den Einsatz derselben Schauspieler gewährleistet.

Es finden sich in der Schwarzen Hütte Abbilder ein, die folgenden Charakteren zugeordnet werden können:

In allen Fällen, bis auf Annie und Cooper, sind die Figuren bereits tot bzw. müssen in der Schwarzen Hütte ihr Leben lassen (Windom Earle).

Annies Seele wird höchstwahrscheinlich von Cooper gerettet, während er selbst die Hütte zwar verläßt, aber nicht mehr so, wie er hineingekommen ist. Er begegnet dort seinem eigenen Doppelgänger, vor dem er zu flüchten versucht. Der Ausgang der Flucht bleibt ungezeigt, läßt sich nur durch die Tatsache erahnen, daß Cooper nach seiner Rückkehr in das soziale System von Bob "vereinnahmt" ist, also das Gegenteil dessen repräsentiert, was er vorher war. Es erfolgt also eine Umkehrung des Charakters Cooper, eine Negation des bisher aktualisierten Sinns.

Die Figur Laura Palmer wird in der Serie erst nach ihrem Tod eingeführt, obwohl sie im den gesamten Text neben Cooper im Vordergrund steht. Sie erhält nicht nur eine Doppelgängerin in der Schwarzen Hütte, sondern auch im sozialen System Twin Peaks – mit der Ankunft ihrer Cousine Madeleine, die von derselben Schauspielerin, nämlich Sheryl Lee, dargestellt wird. Die äußere Ähnlichkeit ist natürlich verblüffend und wird auch von den Twin Peaks Bewohnern explizit bestätigt. Im Unterschied zu Laura trägt sie dunkles Haar, ein weiterer Bestandteil der Grundcodierung schwarz/weiß. Ihr Schicksal soll dem Lauras gleichen. Auch sie freundet sich mit Lauras ehemalig bester Freundin Donna an, und auch sie wird von Leland Palmer umgebracht.

Lauras Palmers Tod erschüttert die Stadt Twin Peaks in den Mauerfesten oder anders gesagt, er stellt die operative Schließung des sozialen Systems in Frage. Deswegen ist ihre Figur in der Referenz ein ständiger Begleiter der Handlungsentwicklung und die Einkehr ihrer Cousine unter dem Dach ihres Mörders bedeutet ein re-entry, und zwar sowohl für Leland Palmers biologisches und psychisches System als auch das soziale.

Bereits einige Folgen zuvor wird die Problematik der Wiedereinkehr der Figur Laura Palmer durch den Einsatz eines Doppelgängermotivs unternommen. Donna verkleidet sich als Laura, um dem Psychiater Dr. Jacoby geheime Informationen zu entlocken (Folge 7).

2.3. Spiegelungen

Der Begriff re-entry kann mit der Metapher der Selbstspiegelung eines Systems veranschaulicht werden. Ein System kann zwar seine Umwelt beobachten, es ist ihm jedoch stets nur möglich, die Ausdifferenzierung seiner eigenen Operationen über einen selektiven Anschluß vorzunehmen. Das bedeutet, daß Zellen immer nur Zellen reproduzieren, Gedanken sich auf vorangegangene Gedanken stützen und Kommunikationen an die bereits ausgeführten Kommunikationen selektiv anschließen. Es ist, als ob das System während seiner Beobachtung der Umwelt letztlich immer nur sein eigenes Spiegelbild wahrnimmt.

Die Metapher der Spiegelung wurde in Twin Peaks eingesetzt, um die "Besessenheit" der Figuren von Bob darzustellen. Die Figur Bobs wird zurecht externalisiert behandelt, denn er gehört nicht zu dem jeweiligen psychischen System, sondern stellt eine Irritation an dessen Systemgrenze dar. Deswegen wird Bob als Bewohner einer fremden Welt präsentiert,

der die Körper seiner Opfer "besetzt", d.h. in sie als Medium für Kommunikationen innerhalb des sozialen Systems verwendet (Vergewaltigung, Mord etc.).

Das betroffene psychische System ist in der Lage, diese Veränderung im Spiegel wahrzunehmen. So sieht man als Zuschauer den Körper Leland Palmers sich vor dem Spiegel betrachten, während als Spiegelbild nicht dasjenige Gesicht erscheint, das im sozialen System die Figur Palmers repräsentiert, sondern das Antlitz Bobs. Eine Paradoxie, denn in einer konventionellen Welt, wie sie der Zuschauer kennt, wäre ein solches Phänomen physikalisch unmöglich. In der Welt von Twin Peaks ist das Phänomen als eine Metapher darauf zu verstehen, daß das psychische System Irritationen seiner biologischen Umwelt wahrnimmt, sie jedoch als eine Form der Ausdifferenzierung des psychischen re-entrys

betrachtet.

3. Beobachtung und polykontexturale Bedeutung

"Die Eulen sind nicht das, was sie scheinen."

(Leitmotiv der Serie)

"Bedeutung liegt nicht in einer gegebenen inhaltlichen Qualität sprachlicher Zeichen begründet, sondern konstituiert sich über eine erst in einer pragmatisch-konkreten Situation selegierte Gegenüberstellung, und dieselben Wörter und Formulierungen nehmen durch unterschiedliche Gegenüberstellungen unterschiedliche Bedeutungen an." 2

 

TWIN PEAKS stellt die Polykontexturalität der Bedeutung als ein Leitmotiv auf.

Die Eulen, die die in einer Verbindung zu den beiden Hütten stehende Höhle bewohnen, werden zu einem geradezu hermeneutischen Symbol der Abhängigkeit der Semantik eines Zeichens von seiner konkreten Kontextur.

Der Satz "Die Eulen sind nicht das, was sie scheinen." wird Agent Cooper in einer Vision durch den Riesen übermittelt. Zunächst völlig unverständlich, also bar einer Bedeutung, entwickelt sich die Formulierung zu einer Art Zen Koan für Cooper, der bei seiner Arbeit als Leiter der Morduntersuchung auf immer neue Geheimnisse stößt, die die Komplexität seiner Beobachtung stetig steigern und eine anfangs monokausale Motivation für die Beobachtung (das Kapitalverbrechen Mord) immer mehr Ansatzpunkte in unterschiedlichsten Umwelten des Ausgangssystems findet. So gilt es für Agent Cooper, die volle Komplexität des sozialen Systems Twin Peaks selbstreflexiv zu erfassen und dazu muß er erst Mitglied des Systems werden, das er nicht von außen beobachten kann (sondern nur die Selbstreflexion seines psychischen Systems bzw. des sozialen Systems, das er mit seiner Ankunft in der Stadt verließ).

Daher erfährt er im Fortlauf der Serie die Ausdifferenzierung der Autopoiesis des sozialen Systems. Das bedeutet, daß er den einzelnen Verschwörungen in dem Wirtschaftssystem auf die Spur kommt, daß er sich in das Zwielicht des sozialen Systems der Illegalität bewegt, indem er Audry Horne aus dem One Eyed Jack´s befreit. Er erfährt über Major Briggs Aktivitäten, eine militärische Untersuchung (Project Bluebook), die sich ursprünglich mit außerirdischen Lebensformen befaßte, inzwischen aber auf das Phänomen der Weißen/Schwarzen Hütte umgelegt wurde. Durch die Interpenetration der Systeme erhält Cooper neue Informationen, die die Auflösung des Rätsels näherzubringen scheinen. Durch die Einnahme unterschiedlicher Standpunkte ergibt sich für jeden beobachteten Gegenstand eine andere Bedeutung.

Die Verwendung der Metaphorik des Glastonbury Grove3 als Bezeichnung für den Zugangsort zu den beiden Hütten, eröffnet die Parallele Cooper/König Arthur. Arthur mußte sich auf die Suche nach dem heiligen Gral begeben, um sein Königreich wieder zu vereinen. Auch Cooper macht sich auf eine notwendige und dennoch vergebliche Suche auf. Für Cooper ist es die Suche nach der Sicht auf die Einheit der Differenz, die ihm jedoch, genauso wie jedem anderen Beobachter, verwehrt ist. Er wird in der Polytextur seiner Welt nie zu einem Endergebnis gelangen, denn die Bedeutung der Zeichen, die er interpretiert, wird immer eine neue, aktualisierte sein.

4. Zirkularität

Die Zirkularität ist als Ausgangsbedingung des Konstruktivismus zu definieren.

Ihre prinzipielle Bedeutung für autopoietische Systeme ergibt sich aus deren Geschlossenheit. Jegliche Erweiterung der Weltbeschreibung ist nur eine weitere Ausdifferenzierung eines geschlossenen autopoietischen Systems und nicht etwa eine linear ausgerichtete Ausweitung eines Systems. Die Grundcodierung des Systems durch seine Leitdifferenz System/Umwelt bildet den Ursprung jeglicher Entwicklung des Systems, das es durch seine Ausdifferenzierung erreicht, die zwangsläufig als ein ständiges Wiederkehren der Grundmuster in Erscheinung treten muß. Diese Wiederkehr erfolgt über das re-entry der Selbstbeobachtung.

Der Plot von Twin Peaks stellt einen in sich geschlossenen Abschnitt in der Zirkulatität der Ausdifferenzierungsprozesse dar. Die Serie beginnt unmittelbar nach der Gewalttat des von Bob besessenen Leland Palmer mit der Ankunft Dale Coopers an. Bob agiert über Leland Palmer, bis er verhaftet wird und stirbt. Der Tod Palmers zwingt Bob, dessen Körper zu verlassen. Für eine gewisse Zeit verfügt Bob über keinen Wirtkörper, bis er schließlich Agent Coopers biologisches System in Besitz nimmt.

Dieser Plotverlauf baut auf der Zirkularität des Wiederkehrens der Figur Bob in unterschiedlichen Wirtskörpern auf. Bob ist dabei als Metapher für eine aus dem biologischen System stammende Irritation zu verstehen, während die Besessenheit als blinder Fleck des sich selbst beobachtenden Bewußtseins aufgefaßt wird.

Auf der Ebene der Story gibt es wiederum rekurrente Aussagen über die zirkuläre Wiederkehr von Bob. So hat Leland Palmer angeblich als Kind einen Mann kennengelernt, der Mr. Robertson hieß und äußerlich Bob glich. Auch die lange Tradition der Bookhouse Boys und die überlieferten Mythen der ursprünglich auf dem Terrain Twin Peaks ansässigen Indianer sind ein Hinweis auf ein in die Vorschriftlichkeit zurückreichendes re-entry Bobs.

Auch Laura Palmer scheint immer aufs Neue aufzutauchen. Zuerst personifiziert durch Donna, die sich als Laura verkleidet, dann als Maddie. Und immer wieder begegnet Agent Cooper Lauras Abbild in der Schwarzen Hütte.

Die Symbolhaftigkeit des häufig Bobs Präsenz begleitenden Motivs des Ventilators, als auch die von Cooper so geliebten Donuts unterstreicht auf der formalen Ebene die in Story, Plot und Figurencharakterisierung angelegte Darstellung der Zirkularität.

In der Kreisform bilden sich sowohl die Geschlossenheit der Autopoiesis, als auch die Zirkularität der Verläufe ihrer Ausdifferenzierungsprozesse ab. Kurz bevor Windom Earle die entführte Annie in die Schwarze Hütte verschleppt, bezieht er sich in seiner erläuternden Ansprache auf beide Aspekte der Kreisförmigkeit (Folge 30). Einerseits kann seine Formulierung "am Ende der Welt" als Umschreibung der systematischen Grenze aufgefaßt werden. Andererseits wird hier auch die zirkuläre Wiederkehr der autopoietischen Elemente in Form des re-entrys direkt angesprochen:

"Du und ich - wir haben eine Verabredung. Genau hier, am Ende der Welt... Das letzte mal ist dasselbe passiert... "

Seine finale Aufforderung, ihm in die Schwarze Hütte zu folgen, läßt die Zirkularität sowohl semantisch in dem Lexem "Kreis", als auch stilistisch in der rhetorischen Figur der dreifachen Wiederholung erkennen:

"Komm rein, komm rein, rein in den Kreis!"

5. Schlußbetrachtungen

Im Text TWIN PEAKS lassen sich Beschreibungen von autopoietischen Systemen finden.

Das soziale System entspricht in seiner Komplexität dem der modernen Weltgesellschaft, wenn auch auf einem provinziellen Niveau. Es bestehen funktionale Systeme, in deren Vordergrund das Wirtschaftssystem und das Rechtssystem stehen. Die Funktionalität der Familie ist stark beeinträchtigt, wodurch die Beobachtung der Persönlichkeit als Ganzes kaum noch gewährleistet ist.

Das psychologische System erhält durch die stellenweise unkommunizierbaren inneren Vorgänge eine zentrale Bedeutung, während das biologische System für Irritationen sorgt, die das Bewußtsein stark beeinträchtigen und zum Kollabieren zu bringen vermögen.

Die Einheit der Differenz wird als die Grundstruktur der textimmanenten Welt suggeriert. Gleichzeitig erhält die binäre Differenz einen starken Ausdruck in formaler und inhaltlicher Hinsicht. Auch das Prinzip der Zirkularität zeigt sich umgesetzt. Die in Twin Peaks dargestellten Systeme erleben eine zirkulär verlaufende Ausdifferenzierung. Die Beobachtung bringt immerwiederkehrende Motive zum Vorschein.

In TWIN PEAKS werden die Gesetzmäßigkeiten der Autopoiesis sowohl implizit in der Konstruktion der textinternen Beobachtungsprozesse und der beobachteten Strukturen als auch explizit durch die Verwendung von symbolischen Darstellungsweisen wiedergegeben.

Coopers Beobachtungsprozesse des sozialen und psychischen Systems eröffnen ihm eine Komplexität der Welt, die er nicht mehr zu überschauen vermag. Dennoch verstrickt er sich in eine von Anfang an zum Scheitern verurteilte Suche nach der der Beobachtung der Differenz. Schließlich wird auch sein Bewußtsein statt mit der Einheit der Differenz mit dem blinden Fleck konfrontiert. Sein biologisches System übernimmt die Herrschaft über sein Bewußtsein. Die Besessenheit durch Bob symbolisiert die Negation des bis dahin aktualisierten Charakters des Special Agent Cooper.

Diese Arbeit beschränkt sich auf die Identifizierung textimmanenter Darstellungsweisen autopoietischer Strukturen und Prozesse. Die grundsätzliche Bejahung der anfangs gestellten Fragen bedeutet jedoch nicht die endgültige Klärung aller Sachverhalte. Die Tiefenstruktur von TWIN PEAKS läßt einerseits eine noch wesentlich feinere Differenzierung der vorgefundenen Inhalte zu, andererseits entstehen interpretative Probleme, die den Rahmen der angestellten Studie sprengen würden. Die eigentliche Komplexität des Textes kann erst in einer vollständigen Beschreibung der Ausdifferenzierungsprozesse unter besonderer Berücksichtigung der Beobachtungsvorgänge und ihrer narrativen Focussierung erfaßt werden. Eine vollständige Erfassung der Einheit der in TWIN PEAKS dargestellten Welt wird sich jedoch jeder Perspektive entziehen. Daher möchte ich das letzte Wort Dr. Jacoby, dem Beobachter der Beobachter, überlassen:

"Meine persönliche Untersuchung wird für den Rest meines Lebens andauern."

(Folge 4)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

6. Literatur:

 

David Lynch / Mark Frost, TWIN PEAKS, eigene Transkription der deutschen Synchronisationsfassung (RTL/Tele5 (1991))

Niklas Luhmann, Die Gesellschaft der Gesellschaft, Frankfurt am Main1998

Claudio Baraldi / Giancarlo Corsi / Elena Esposito, GLU : Glossar zu Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme, Frankfurt am Main1998

Henk de Berg; Mathias Prangel (Hrsg.), Kommunikation und Differenz: systemtheoretische Ansätze in der Literatur- und Kunstwissenschaft, Opladen 1993

Eckhard Pabst (Hrsg.), "A strange world": das Universum des David Lynch, Kiel 1998

Georg Seesslen, David Lynch und seine Filme, Marburg 1995

Anne Jerslev, David Lynch: Mentale Landschaften, Wien 1996

http://www.davidlynch.de

http://www.stud.ifi.uio.no/~perjp/tp/mytholog.html

http://www.psych.su.oz.au/staff/scottg/Tptheory.html