TV Spielfilm, Heft 18 / 91, 7.-20. September 1991 |
US-Kultserie "TWIN PEAKS" Eine Stadt sucht einen Mörder Mit dem Fund einer Leiche eines jungen Mädchens beginnt nicht nur die komplizierte Ermittlungsarbeit der Polizei, sondern auch eine der ungewöhnlichsten Fernsehserien aller Zeiten: Nachdem bereits die USA und England vom "Twin Peaks"-Fieber befallen sind, startet David Lynchs TV-Debüt jetzt endlich auch bei uns.
Die Frage "Wer hat Laura Palmer ermordet" beschäftigte die Bürger der USA monatelang mehr als Wirtschaftsdefizit und Arbeitslosigkeit. Die Ursache: eine TV-Serie. Und zwar eine, die Geschichte schreiben sollte. Als der US-Sender ABC am 8. April die Pilotfolge von "Twin Peaks" ausstrahlte, hatte sich, angeheizt durch immer euphorischere Pressehymnen ("makelloser Triumph", "ein wahres Fernsehmeisterwerk") eine Erwartungshaltung aufgebaut, die eigentlich nur enttäuscht werden konnte. - Sie wurde noch übertroffen: 33 Prozent der Fernsehbesitzer schauten zu. Die Geschichte klingt einfach: In einer kleinen Holzfällerstadt im Nordwesten der USA wird eine Mädchenleiche aufgefunden. Die Bürger sind schockiert. Das Opfer ist Laura Palmer, die ungemein beliebte Schönheitskönigin der örtlichen High-School. FBI-Agent Dale Cooper nimmt unter Mithilfe des Sheriffs von Twin Peaks die Ermittlungen auf. Schon bald wird klar: Hinter der Fassade des adretten Schulmädchens Laura Palmer verbirgt sich ein Geflecht aus Sex, Drogen und bösen Mächten. Im Laufe der Nachforschungen treten immer bizarrere Verknüpfungen zwischen den Bürgern aus Twin Peaks zu Tage. "Das Geheimnis von Twin Peaks" (dt. Titel) löste etwas aus, was man dem Medium Fernsehen gar nicht mehr zugetraut hatte. Es provozierte, es forderte, es machte aktiv. Menschen, für die Fernsehen als Freizeitalternative selten in Betracht kam, saßen fortan regelmäßig vor dem Gerät: Intellektuelle, Studenten, Künstler. Gewohnheitsmäßige Nachtschwärmer verschoben Disco-, Bar- oder Szenebummel um eine Stunde. Aber auch konservative Geister identifizierten sich mit Lynchs Visionen. Beklagte der Regisseur nicht offensichtlich den Sittenverfall? Drogenrausch und sexuelle Perversion fand man schließlich auch nicht schön. Was alle einte, war die Neugierde zu erfahren, wie´s weitergeht in Twin Peaks, eine fast kindliche Lust an der Überraschung. Eine Erwartung, die zusätzlich von der Mischung aus Komik und Tragik genährt wurde. Soll man lachen oder weinen, wenn der Polizeifotograf beim Anblick von Leichen jedesmal das hysterische Heulen kriegt? Das eigentlich Überraschende bei der Sache aber war, daß David Lynch an der Serie beteiligt war. Lynchs düstere Gewaltphantasien schienen wenig passend fürs gemütliche Pantoffelkino. Im Bund mit dem Drehbuchautor, Koproduzenten und Lynch-Mitarbeiter Mark Frost (schrieb Episoden für "Polizeirevier Hill Street") war Lynch das Wagnis eingegangen, eine TV-Serie zu kreieren, die konventionell und zugleich experimentell sein sollte. Eine avantgardistische Soap-opera. Kunst zwischen den Werbeblöcken. Nun soll also Deutschland mit dem "Twin Peaks"- Fieber infiziert werden. RTL plus will dabei nichts dem Zufall überlassen. Mit seltener Sorgfalt wurde an den deutschen Dialogbüchern gearbeitet. Auch der Sendeplatz wurde überlegt gewählt: Nach dem 90minütigen Pilotfilm am Dienstag, dem 10. September, läuft die Serie immer freitags um 21.15 Uhr. RTL-Pressesprecher Hansgert Eschweiler: "Das ist der klassische Umschalttermin vom ZDF zu einem anderen Sender. Quasi von 'Derrick' zu 'Twin Peaks'." Gezeigt werden jedoch nicht alle 28, sondern nur die ersten 21 Folgen. Eschweiler: "Zum Ende wird´s einfach zu konfus." Das inhaltliche Chaos tug ja auch in den USA zum eklatanten Popularitätsschwund bei. Die Einschaltquote sank von über 30 auf unter 10 Prozent. Das Publikum sprang vom führerlosen Serienzug ab. Dem will man hierzulande vorbeugen. Eine eigens eingerichtete "RTL-Twin-Peaks-Hotline" soll im Anschluß an die Folgen konfuse Kunden informieren und beruhigen. Nur eine Frage wird auch hier sicher nicht beantwortet: "Wer hat Laura Palmer ermordet." Heiko Schneider
"Ich verstehe selbst nur einen Teil der Geschichte" Exzentriker schreibt TV-Geschichte: Regisseur David Lynch am "Twin Peaks"-Set Regisseur David Lynch (45) kam über die Malerei zum Film: "Während meines Kunststudiums Ende der 60er Jahre merkte ich, was mir an meinen eigenen Zeichnungen und Gemälden mißfiel: Sie bewegten sich nicht." Nach mehreren Kurzfilmen begann er 1970 die schließlich sechs Jahre währenden Dreharbeiten an "Eraserhead". Der düstere, surrealistische Horrorfilm über ein mutiertes Baby wurde ein Kultfilm und verschaffte ihm den Kommerz-Vertrag für "Der Elefanten-Mensch". Nach "Der Wüstenplanet" und "Blue Velvet" arbeitete Lynch mit der Konzeption von "Twin Peaks" erstmals fürs TV: "Ich mag Fernsehen. Durch die vielen Werbepausen ist man dazu gezwungen, kleine zehnminütige Kurzfilme zu drehen - mit Anfang, Mitte und Höhepunkt. Das macht Spaß." Spaß fand er auch im Ersinnen der Eigenarten der Bürger von Twin Peaks, auch wenn er sich zum Ende hin ein wenig verstieg: "Ich verstehe selbst nur einen Teil der Geschichte."
A K T I O N Zum Start von "Das Geheimnis von Twin Peaks" veröffentlicht die vgs Verlagsgesellschaft Anfang September "Das geheime Tagebuch der Laura Palmer" und einen Monat später "FBI-Agent Dale B. Cooper". Außerdem sei der exquisite "Twin Peaks"-Soundtrack (WEA) mit der hypnotisierend schönen Musik von Angelo Badalamenti empfohlen. TV SPIELFILM verlost jeweils 20 Exemplare (Bücher und CDs). Wer einen der insgesamt 60 Preise gewinnen möchte, muß folgende Aktionsfrage beantworten: Mit welchem europäischen Festivalpreis wurde David Lynchs "Wild at Heart" ausgezeichnet? Antwort bis 13.9.1991 an TV SPIELFILM, "Twin Peaks", Milchstr. 1, 2000 Hamburg 13. Rechtsweg ausgeschlossen |