TV Today, 09/07, p.9 |
Mann ohne Message
Keiner dreht so rätselhafte Filme wie David Lynch. Und der "Blue Velvet"-Macher sieht keinen Grundm, sie uns zu erklären. Auch nicht auf Nachfrage Vielleicht wäre David Lynch ja lieber Dirigent geworden. Der Gedanken kommt auf, während der Schöpfer solch rätselhafter Kultobjekte wie "Blue Velvet" und "Twin Peaks" fein gestikulierend die Fragen von zwölf Journalisten aus zehn Ländern beantwortet. Nach Berlin ist der 61-Jährige gekommen, um seinen neuen Film "Inland Empire" (Besprechung auf Seite 15) vorzustellen. Im letzten September war er damit schon beim Filmfestival in Venedig, wo man mit dem Drei-Stunden-Werk ohne echte Story nicht viel anfangen konnte, den Goldenen Löwen bekam Lynch dort für seine Karriere. In den USA wurde "Inland Empire" von der National Society of Film Critics ausgezeichnet: als "Bester Experimentalfilm". Tatsächlich wäre Lynchs Film am besten als Videoinstallation in einem Museum aufgehoben. In seinem schwarzen Anzug und dem weißen, offen getragenen Hemd ohne Kragen wirkt er wie die ideale Verköperung eines Avantgarde-Künstlers. Oder eines gut veridenenden Bestattungsunternehmers. Wie so viele Künstler erklärt David Lynch nicht gern und wird doch immer wieder darum gebeten, und weil er ein höflicher Mensch ist, lässt er sich darauf ein. Die Forderung eines russischen Journalisten, doch bitte zu erläutern, ob er Hasen und Menschen vergleichen wolle, wenn Menschen mit Hasenköpfen auf einer Bühne stehen, fängt Lynch entwaffnend freundlich ab. Wie man einem Schulkind die Ampel erklärt, sagt er: "Menschen sind Menschen. Und Hasen sind Hasen." Und klopft ihm mit einem jovialen "Lassen wir´s dabei" freundschaftlich auf die Schulter. Woher seine Ideen kommen, könne er selbst auch nicht sagen, Interpretationen seiner Filme überlasse er anderen. Er hätte die Frage nach dem Mörder von Laura Palmer auch lieber unbeantwortet gelassen, aber mit der zweiten "Twin Peaks"-TV Staffel, die das Rätsel lüftet, hatte er nicht mehr viel zu tun. Manche Szenen in seinem neuen Film lassen Kritik an Hollywood vermuten. Lynch beißt nicht an. Hollywood sei "unseable", ein Mythos, aber er hege keinen Groll gegen diese Traumfabrik, die ihn eher ignoriert. Und wenn Laura Dern in seinem neuen Film verletzt auf dem Hollywood Boulevard über einem der berühmten Sterne zusammenbräche, sei das kein Statement, keine Message oder Botschaft, sondern eben schlicht der Ort, an sie zusammenbräche. So einfach ist das manchmal. Im Text des Venedig-Programms zitiert er den legendären Spruch, der mal dem Hollywood-Produzenten Samuel Goldwyn, mal Studiomogul Jack Warner zugeschrieben wird: Wer eine "message" habe, solle sich an Western Union, dioe Postgesellschaft halten. Bei Lynch kommt die Botschaft nicht als Expresspost und allenfalls per Nachnahme. Vielleicht hat er wirklich keine Message, aber seine Filme sehen danach aus, mehr als andere. Der Mensch tendiere zum Träumen, sagt er, wenn es ihm besonders schlecht gehe. Wir denken an die schöne Isabella Rossellini, an Dennis Hopper mit Sauerstoffmaske, an rückwärtssprechende Zwerge, an John Merrick, den unglücklichen Elefantenmenschen. Und träumen ein wenig mit. Volker Bleeck
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