Vampir Nr. 23 (2 / 1981)
John Hurt als DER ELEFANTENMENSCH: Nach dem ersten Erschrecken Sympathie für das Monster

Humanität und Menschenwürde in einem Horrorfilm, der betroffen macht

DER ELEFANTENMENSCH
THE ELEPHANT MAN

Schwarzweiss. USA 1980. Produktion: Brooksfilms. Verleih: Neue Constantin. Laufzeit: 124 Minuten. Deutsche Erstaufführung: 13. Februar 1981. Regie: David Lynch. Buch: Christopher de Vore, Eric Bergren, David Lynch (nach Vorlagen von Sir Frederick Treves and Ashley Montagu). Kamera: Freddie Francis. Maske: Christopher Tucker. Musik: John Morris.
Treves . . Anthony Hopkins
Merrick. . . . . . . . . . John Hurt
Mrs. Kendal . . . . .. . . . . . Anne Bancroft
Carr Gomm . . . . .. . . . Sir John Gielgud
Mothershead...............Dame Wendy Hiller
Bytes.........................Freddie Jones
Nachtportier................Michael Elphick
Anne Treves .. . . . . .....Hannah Gordon
Prinzessin Alexandra......Helen Ryan

"Der Schaubudenmann befahl ihm, wie mit einem Hund sprechend: ,Steh auf!'. Das Ding erhob sich langsam und ließ die Decke, die seinen Kopf und den Rücken bedeckte, zu Boden fallen. Enthüllt stand dort der abstoßendste Vertreter der menschlichen Rasse, den ich je zu Gesicht bekommen hatte. Niemals hatte ich je eine so entstellte, pervertierte ,Version' eines Menschen gesehen, wie diese einsame, verlorene Gestalt."

Mit diesen Worten schildert der Londoner Chirurg Sir Frederich Treves seine erste Begegnung mit Joseph Merrick (1862 - 1890), den er 1884 auf einem Jahrmarkt in einer Freak-Show entdeckt. Unter der Fuchtel eines versoffenen Schaubudenbesitzers fristet der vermeintlich schwachsinnige Merrick ein erbärmliches Dasein als ELEPHANTENMENSCH. Er scheint für sein Leben lang dazu verdammt zu sein, einem sensationslüsternen Pöbel vorgeworfen zu werden, wenn nicht gerade wieder einmal die Behörden seine öffentliche Zurschaustellung verbieten. Merrick leidet von Geburt an an multipler Neurofibromatosis, einer unheilbaren Krankheit, die ihn grauenhaft deformiert hat: Stirn und Hinterkopf Bind von riesigen Geschwulsten bedeckt; sein Gesicht ist eine abscheuliche, schiefe Fratze; rein Körper ist so verkrüppelt, daß er nicht wie ein normaler Mensch schlafen kann, ohne dabei zu ersticken.

Merrick führt sein furchtbares Aussehen auf einen Schock zurück, den seine Mutter während der Schwangerschaft erlitten hat: "Meine Mißgestalt entstand durch einen meiner Mutter zugefügten Schrecken. Sie ging die Straße entlang, als ein Zug von Zirkustieren kreuzte. Ein fürchterliches Gedränge hob an, weil ein jeder zusehen wollte, und dabei wurde meine Mutter vor die Füße eines Elefanten gestoßen. Sie geriet in große Angst - dies, zur Zeit der Schwangerschaft, führte meine Verunstaltung herbei."

Sir Frederick Treves entreißt den Elefantenmenschen seinem "Besitzer" und holt ihn zu sich ins White Chapel Hospital. Er entdeckt, daß Merrick keineswegs schwachsinnig ist. Der abstoßende Körper birgt vielmehr einen intelligenten und hochsensiblen Menschen. Schritt um Schritt verwandelt sich das Monstrum allmählich in einen sympathischen jungen Mann, während gleichzeitig die Monstrosität seines Ausbeuters und dessen Umwelt offenbar wird. Am Ende sind es wie in Tod Brownings legendären FREAKS (1932) einzig die Mißgeburten des Rummelplatzes, die menschlich handeln.

THE ELEPHANT MAN ist Regisseur David K. Lynchs zweiter Film. Sein 1977 entstandener Erstling ERASERHEAD (s. Vampir 19) war ein surrealer Alptraum von einmaliger Düsterkeit, eine monomane Tour de France (=Tour de Force) in einer Bildsprache, der man sich nicht entziehen konnte. THE ELEPHANT MAN ist auf eine ganz andere Art ein Film, der den Zuschauer "packt" und "ergreift" (man kommt nicht umhin, für einmal vermeintliche Klischeewörter aus der Werbung zu gebrauchen).

Der Film beginnt als Horrorfilm. Abscheu und Schrecken machen aber bald einmal Mitleid und Betroffenheit Platz. In dem Augenblick, in dem im Spital eine ahnungslose Krankenschwester beim Anblick von Merrick den klassischen gellenden Schrei ausstößt, liegt die Sympathie des Zuschauers bereits voll bei dem Abscheu erregenden Geschöpf, und die an sich klischeehafte Szene greift weniger an die Nerven denn ans Herz. Denn THE ELEPHANT MAN beginnt zwar als Horrorfilm, wird aber - und das ist das große Kunststück des Regisseurs - unmerklich zum Melodrama im besten Sinne des Wortes.

Es ist ein in jeder Hinsicht erstaunlicher und meisterhafter Film, der David K. Lynch hier gelungen ist. Man muß schon his zu dem bereits erwähnten Klassiker FREAKS zurückgehen, um Vergleichbares zu finden. Beide Werke sind quasi Anti-Horrorfilme, d. h. nicht die Monstren verkörpern das Böse, sondern die normalen Zeitgenossen.

Wie ERASERHEAD wurde auch THE ELEPHANT MAN schwarzweiß gedreht. Verantwortlich für die stilsichere Fotografie war Freddie Francis (Regisseur von NIGHTMARE und DRAUCLA HAS RISEN FORM THE GRAVEI, der sich zum ersten Male seit THE INNOCENTS (1961, von Jack Clayton) wieder damit begnügte, hinter der Kamera zu stehen.

Seine düsteren Tableaux des Viktorianischen Zeitalters bilden den Hintergrund dieser Geschichte einer Menschwerdung. Es ist eine schreckliche Geschichte, die aber zutiefst betroffen macht. Was THE ELEPHANT MAN turmhoch über andere Horrorfilme erhebt, das sind der sittliche Ernst und die fast viktorianische Strenge hin his zur Betulichkeit, mit der er seine Geschichte erzählt. David K. Lynchs Film schockiert zwar auch, aber er löst in erster Linie Betroffenheit aus.

THE ELEPHANT MAN wurde am diesjährigen Festival des phantastischen Films von Avoriaz mit dam ,Großen Preis' ausgezeichnet. Er erhielt seither verschiedene OSCAR-Nominierungen. Auf den Regisseur David K. Lynch wird hinfort zu achten sein . . .

 Herbert J Pabst