Vampir, Nr.19, 1 / 1980, p.38

David Lynch Eraserhead David Lynch Eraserhead

Lynch`s filmischer Alptraum ERASERHEAD: Abstoßende Ereignisse von unheimlicher Anziehungskraft

 

Eraserhead

Schwarzweiß. USA 1977. Produktion: David K. Lynch / American Film Institute. Verleih: Fantasia. O.m.U. Deutsche Erstaufführung: 14. September 1979.

Regie und Buch: David K. Lynch. Kamera: Frederik Elmes und Herbert Caldwell. Darsteller: John Nance, Charlotte Steward, Allen Joseph, Jeanne Bates.

 

Mit ERASERHEAD hat der amerikanische Regisseur David Lynch zweifellos einen Höhepunkt des modernen Horror-Kinos geschaffen. Es ist dem jungen Fantasia-Film-Verleih hoch anzurechnen, daß er dieses Meisterwerk auch deutschen Kinobesuchern zugänglich macht. Die einmalige Atmosphäre aus Angst und Wahnsinn ist schwer zu beschreiben. Man muß die Geschichte von dem "Radiergummikopf" Henry einfach gesehen haben, um die düstere Faszination zu verstehen, die von diesem Film ausgeht. Die folgende Kritik kann nur eine Annäherung an dieses komplexe, vielschichtige Werk sein. Eine endgültige Interpretation ist unmöglich. Der Schrecken entsteht erst im Kopf des Betrachters, der sich nach diesem beklemmenden Leinwand-Erlebnis erst einmal wieder in seiner gewohnten Realität zurechtfinden muß.

Am ehesten kann man den Film noch als Alptraum verstehen - ekelhaft, abstoßend und doch von einer unheimlichen Anziehungskraft. Die brillanten Schwarzweiß-Bilder verdichten das Dunkel der rätselhaften Geschehnisse noch. Da ist Henry, ein absonderlicher junger Mann, der eine makabre Vorliebe für Insekten und Schmutz hat. Er lebt in einer schäbigen Ein-Zimmer-Wohnung mit seinen Fetischen und einem höllischen Heizkörper. Sogar alltägliche Dinge nehmen in ERASERHEAD bedrohliche Formen an. Die unscheinbarsten Gegenstände gefährden Henrys kümmerliche Existenz.

Henrys bisheriges Leben nimmt plötzlich eine andere Richtung, als er nach einem bestürzenden Essen, bei dem winzige gebratene Hühnchen auf dem Teller mit nackten Flügeln schlagen und eine blutige Flüssigkeit absondern, von den Eltern seiner schwangeren Freundin zur Heirat gezwungen wird. Dann überschlagen sich die Ereignisse. Das Kind von Henry und dem Mädchen ist ein schrecklicher Fötus, dessen froschähnlicher Kopf schmatzend nach dem Essen schnappt, und dessen winziger Leib bandagiert ist wie eine Mumie. Das Mädchen verläßt die seltsame Familie.

Auf einmal beginnt ein neuer Alptraum innerhalb des Alptraums. Aus Henrys Anzug wächst plötzlich der Fötus-Kopf, der Henrys eigenen Kopf absondert und ihn auf eine Straße wirft. Dort findet ihn ein kleiner Junge, der ihn [in] eine merkwürdige Fabrik bringt, die Radiergummi aus dem Kopf macht. Als Henry aus dem furchtbaren Traum erwacht, tötet er die Mißgeburt in einer der schockierendsten Szenen der Filmgeschichte.

Selten habe ich nach einem Film das Kino so betroffen, ja bestürzt verlassen. ERASERHEAD bringt vieldeutige Bilder aus den Abgründen der menschlichen Seele, dem Halbdunkel einer unwirklich scheinenden Welt. Er transportiert verborgene, geheime Ängste, die im Unterbewußtsein lauern, in technischer Perfektion auf die Leinwand. Völlig zu Recht wurde dieser Film beim Münch[n]er Festival des phantastischen Films mit dem ersten Preis ausgezeichnet.

Robert Schneider