Video Plus Heft 24, 2 / 1991, p. 82-83

"Wild at Heart"

David Lynch, der tragische Ästhet und Märtyrer der westlichen Zivilisation, macht Schocktheater im Zeitgeistdesign und revitalisiert damit das zum Geniekult verdammte deutsche Feuilleton

Wie Männer im Puff den geschlechtlichen, so brauchen Kino-Kritiker von Zeit zu Zeit den intellektuellen Vollzug. Was ihnen in solchen Augenblicken der Lust vor die Flinte kommt, ist zweitrangig. Dann trifft das schwere geistige Schrot auch Hollywoodpappe wie "Dick Tracy". Schließlich hatte man sich vor zehn Jahren gegen Adorno und für den kommerziellen Film entschieden, und seither meint man, der Filmindustrie die Stange halten zu müssen.

Als das Vollzugsdefizit groß war, kam "Wild at Heart" daher, gerade zur rechten Zeit. Nach dem, was geschrieben wurde, ist das Sensationswerk eine "extreme Liebesgeschichte", "verstörendes,  schönes Erzählkino", "schrilles Bildnis des Unterbewußten", "gewalttätiger Alptraum",  "Zynismus",  "Seelenkitsch",  "Comic": Es sind die ewigen feuilleton-treuen Worte der Kinokritik, mit denen Lynchs "Eröffnungsfilm der Neunziger" entweder zum epochemachenden Kunstwerk erhoben oder zur extremistischen, jedoch hoch respektierten Unterhaltungsware degradiert wurde. Dabei trieb die intellektuell-polemische Schlagkraft der Kritik die Meinungen so weit auseinander, daß der neutrale Beobachter gezwungen war, sich zu bekennen und ein bedingungsloses Geschmacksurteil zu fällen. Es konnte nur heißen: für oder gegen Lynch. Ist der Mann denn so wichtig?

Andeutungsweise erfährt man in "Wild at Heart" etwas von einem Mädchen, das mit ihrem Freund vor der psychopathischen Mutter in eine apokalyptische Gegend flieht, verfolgt von einem ebenfalls krankhaften Detektiv. Was hier in leisen Momenten als Geschichte eines Liebespaares und ihrer Vergangenheit anklingt, wird schon im nächsten Augenblick auf der Schlachtbank der Effekte geopfert. Seinen Figuren Lula (Laura Dern) und Sailor (Nicolas Cage) verwehrt Lynch - aus Absicht - die Möglichkeit, sich zu verhalten, sich zu erklären. Kamera, Licht und Schnitt machen aus ihnen exzessive, hysterische Wesen, denen das Menschliche, auch das ist Absicht, abgeht. Der Film hat nichts Erzählerisches, Fließendes, Nachvollziehbares, Zeitbezogenes oder Kritisches, er ist eine bizarre Laune, eine unberechenbare Stimmung. Und was ist mit der Gewalt?  Der Film schürt sie auf eine Art, die mit "Kopf ab", wie häufig beklagt, nichts zu tun hat. Sie ist eher mit der Wirkung von Drogen vergleichbar Man hat das Gefühl, als lösten sich die Filmbilder erst im Kopf, wie ein Dragée. Daher rührt ihre Unwiderstehlichkeit. Die Gewalt liegt in der Macht der Bilder, die darauf gedrillt sind, die Distanz zum Publikum sofort zu brechen. "Zeit"-Schreiber Kilb vergleicht Lynch mit Godard. Doch dessen kühle Intellektualität würde eine solch triviale Penetrierung des Zuschauers nicht zulassen.

Aller Kritik zum Trotz wird der Film Initialcharakter haben. Das Effekt-Kino der Neunziger wird sicher auf diesem Weg weitergehen und weiterentwickelt. Bis dato aber ist "Wild at Heart" das geschliffenste, stilisierteste und eben effizienteste Stück der hochtechnologischen Filmindustrie.

 

Original: Wild at Heart

USA, 1990, 122 Minuten, Regie und Buch: David Lynch, Kamera: Fred Elmes, Schnitt: Duwayne Dunham, Produktion: M. Montgomery, S. Golin, J. Sighvatsson

________________

Darsteller: Nicholas Cage (Sailor Ripley), Laura Dern (Lula Pace),  Dianne Ladd (Marietta Pace), Willem Dafor (Bobby Peru), Isabella Rossellini (Perdita)

Erhältlich ab: 20.2.1991

ro (= Andreas Rolf)