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Die Welt, 19.05.2001 |
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Über tödliche Schicksalsschäge und komisches Leben Vor dem Schlußpfiff: Cannes 2001 war kein Jahrgang kinematografischer Beunruhigungen und Glaubenskämpfe Von Hanns-Georg Rodek
Geträumte Zärtlichkeit? Naomi Watts küsst Laura Elena Harring in David Lynch fantastischem "Mulholland Drive" Wären wir in Cannes bei einem Champions-League-Spiel und nicht bei einem Filmfestival, würde der Reporte kurz vor dem Schlußpfiff berichten, ein weitgehend mittelmäßiges 0:0 gesehen zu haben. Er würde den Trainer für die Aufstellung von fünf über 70-jährigen Spielern kritisieren und im gleichen Atemzug darüber mosern, dass die Springinsfelde unter 40 noch weniger überzeugt hätten. Und er würde die Namen von vier Akteuren nennen, die wenigstens eine Chance zum Siegtreffer erspielt haben: Nanni Moretti, Jacques Rivette, Manoel de Oliviera und David Lynch. Bei nur noch einem ungesehenen Film - Shohei Imamuras "Laues Wasser unter roter Brücke" - hatte sich bis gestern Abend kein klarer Favorit für die Preisverleihung am Sonntagabend herauskristallisiert. Letztlich wird alles davon abhägen, durch welche Kriterienbrille die zehnköpfige Jury - geleitet von Liv Ullman und gleichmäßig aufgeteilt zwischen Frauen und Männern, Schauspielern und Regisseuren - die Filme betrachten. Würde nach emotionaler Wucht entschieden, bräuchte Nanni Morettis "La stanza del figlio/ Das Zimmer des Sohnes" weit und breit keine Konkurrenz zu fürchten. Auch ist er der einzige der vier Goldene-Palme-Favoriten, der seine gewohnten Pfade verlassen und sich weiterentwickelt hat. Kaum mehr eine Spur von seinem Woody Allenschen Narzissmus, völlig verschwunden sein satirischer Blick auf Italiens Politik; die koproduzierende RAI - bald nun auch unter Berlusconis Fuchtel - kann das "Zimmer" völlig beruhigt in ein oder zwei Jahren senden. Anders als "Liebes Tagebuch" oder "Aprile" trägt "Zimmer" auch keine autobiografischen Züge - zum Glück, denn der Film handelt von dem Verlust, den eine Familie befällt, als ihr Sohn bei einem Tauchunfall ums Leben kommt. Eine halbe Stunde lang macht uns Moretti nur mir einer Durchschnittsfamilie bekannt, wo nichts Schlimmeres geschieht, als dass der Vater dem Sohn eine Schullausbuberei zutraut (welche der Filius der Mama dann auch stolz gesteht). Was auf den Schicksalsblitz aus heiterem Himmel folgt, ist brillant gespielt, motiviert und inszeniert. Moretti setzt - im wahrsten Sinn des Wortes - den Ton, und zwar mit dem Schnitt vom Begräbnis auf den Tag danach: Der Lärm der Schrauben, die von einem Bohrer in den Sarg gedrückt werden, hallt in der Familie noch lange nach. Der Vater (Moretti selbst) plagt sich mit Vorwürfen, den Sohn nicht vom Tauchen abgehalten zu haben; die Mutter möchte unbedingt die letzte Freundin ihres Kindes kennenlernen; die Schwester wird aggressiv beim Basketball. Die Familie scheint vor lauter Erinnerungslast und Festhaltenwollen auseinander zu brechen - bis ein Deus ex Machina ihre Pein zu lindern versteht. Noch ein zweiter Film im Wettbewerb, Tsai Ming-liangs "Und wie spät ist es da unten?", befasst sich mit der Kunst des Trauerns. Doch bei ihm schien zu sehr der Regisseur durch, der absurde Situationen schafft und mit langen, starren Einstellungen künstelt. Morettis Inszenierung wie sein Spiel stehen dagegen selbstlos im Dienst ihrer Figuren, und er balanciert stilsicher auf dem schmalen Grat zwischen stiller Verzweiflung und schmunzeln. Doch vielleicht honoriert die Jury auch ein Lebenswerk, und eine bessere Gelegenheit als "Va savoir" wird es bei dem 73-jährigen Jacques Rivette kaum mehr geben. Alles, was den Nouvelle-Vague-Mitinitiator seit 40 Jahren und 19 Filmen charakterisiert, ist in "Wer weiß!?" (so die ungefähre Übersetzung) exemplarisch versammelt. Die elegante und subtile Hand des Regisseurs zeigt sich in allen Belangen. Wieder einmal verwebt Rivette die Welten des Theaters und des Kinos, einmal mehr spielt er mit der Frage, ob Kunst das Leben oder das Leben die Kunst imitiert, und mit amüsiert-ironischer Teilnahme folgt er den ständig wechselnden Stimmungen, Leidenschaften und Komplöttchen seiner Truppe. "Va Savoir" ist - ähnlich Godards "Eloge de l`amour" - ein Testament der Nouvelle Vage, der Triumph einer Art Filme zu machen lange nach ihrer Zeit. Auch die Zeit des 92-jährigen Manoel de Oliviera müßte eigentlich längst abgelaufen sein - wenn er nicht sein Kinoleben lang in einem Universum für sich selbst gelebt hätte. Auch sein "Vou para Casa / Ich gehe nach Hause" ist in Palmen-Reichweite, schon allein, weil der Portugiese in diesem Alter noch mit running gags und gewagten Kameraeinstellungen zu experimentieren beginnt. Und, wenn wir gerade dabei sind, seinem Hauptdarsteller Michel Piccoli gehört die Darsteller-Palme für das stil- und würdevollste Ignorieren von Alter und Tod, das wir seit langem gesehen haben. Der Problematischte der Palmen-Hoffnungsträger ist David Lynchs "Mulholland Drive". Anderthalb Stunden macht es großen Spaß, sich von ihm in ein Twin-Peaks-Los-Angeles saugen zu lassen, in dem undefinierbarer Horror und unerklärliche Ereignisse regieren. Dann beginnt er, wie es scheint, nach Belieben die Identität von Personen zu tauschen und Zeitdimensionen zu mixen. Lynch-Apologeten werden dies ehrfürchtig als kompliziert verschränkte Traumwelten interpretieren, allen anderen wird die letzte Stunde wie ein angestrengter Aufsatz für einen Film erscheinen, der Planet Hollywood längst vorher als einen der merkwürdigsten Orte dieses Universums entlarvt hatte. Cannes 2001 war - leider - kein Jahrgang der kinematografischen Beunruhigungen und Glaubenskämpfe, wie etwa 1995 wegen "Pulp Fiction" oder voriges Jahr durch "Dancer in the Dark". Wer unbedingt sein Geld zum Buchmacher tragen möchte, der setze auf Nanni Morettis Film - der übrigens zum Schluss an der italienisch-französischen Grenze spielt, nur ein paar Kilometer von Cannes entfernt. Wenn das kein Omen ist. |