Die Welt, 3. Januar 2002

"Wie kann O.J. Simpson einfach Golf spielen?"

Ein Gespräch mit dem Regisseur David Lynch

David Lynch ("Blue Velvet", Twin Peaks", "Lost Highway") ist der einzige Regisseur der Gegenwart, bei dem man keine Ahnung hat, was einem im nächsten Film erwartet. Und bei dem man nach dem Ansehen dunkel fühlt, dass man zwar nicht alles begriffen, aber etwas Großartigem beigewohnt hat. Mit dem 55-jährigen Amerikaner sprach Hanns-Georg Rodek.

DIE WELT: Warum tanzt Naomi Watts am Anfang von "Mulholland Drive" Jitterbug?

David Lynch: Da müssen Sie vielleicht den Film noch einmal sehen. Es steht in Verbindung mit einem der Charaktere.

DIE WELT: Stört es Sie, dass Zuschauer ständig nach Erklärungen fragen?

Lynch: Die meisten wissen inzwischen, dass ich keine liefere. Ich möchte niemand die eigene Auslegung rauben. Ich will nicht, dass mir jemand Fellinis "8 1/2" erklärt.

DIE WELT: Gibt es eine umfassende logische Erklärung für diesen Film?

Lynch: Ich habe meine eigene Erklärung für alles. Aber ich muss zugeben, dass [es] selbst für mich Punkte gibt, über die ich noch nachdenken muss. Das einzige, was ich tun kann,  ist zu den Originalideen zurückzukehren. Sie wachsen weiter, selbst, nachdem der Film beendet ist. Ich verstehe meine früheren Filme jetzt besser, als zu dem Zeitpunkt, als ich sie gedreht habe. Diese Ideen haben ein Nachleben, aber nur, wenn ich ihnen beim Filmemachen treu geblieben bin. Man kann einen Film abschließen, ohne alles zu wissen, was in ihm steckt.

DIE WELT: Wie bestimmen Sie, dass er abgeschlossen ist?

Lynch: Wenn ich das Gefühl habe, dass das Ganze rund ist. Es ist wie bei einem Gemälde, auch bei dem könnte man ewig weitermalen.

DIE WELT: Was war die Ausgangsidee für "Mulholland Drive"?

Lynch: Die Worte "Mulholland Drive". Dann habe ich mir das Schild bei Nacht vorgestellt, wie Sie es am Anfang sehen. Von da an habe ich zu träumen begonnen. Das war der ganze Anfangspunkt, nichts als ein Fragment. Ich glaube, dass solch ein Fragment im Hinterkopf manchmal wie auf der Warmhalteplatte eines Ofens vor sich hin schmort. Irgendein Teil meines Bewusstseins arbeitet daran, ohne dass ich davon wüsste. Und wenn ich Jahre später wieder daran denke, fängt eine Szene an heraus zu fließen.

DIE WELT: Sie beginnen einen normalen Erzählfilm, dann schlägt er um in eine Logik der Stimmungen.

Lynch: Keine Logik der Stimmungen. Eine Stimmung ist ein Gefühl, und Gefühle sind nicht vom Verstand befrachtet. Aber es geht um Geisteszustände. Ich bewege mich in Geisteszuständen. Wie spielt einem das eigene Bewusstsein Streiche? Wie schließt es schreckliche Erlebnisse aus? Wie ist O.J. Simpson in der Lage, einfach Golf zu spielen? Wie blendet er die Erinnerung aus, zwei Menschen brutal ermordet zu haben? Man muss sich in eine andere Welt versetzen, und die hat dann auch ihre eigene, merkwürdige Logik.

DIE WELT: Nach der Uraufführung in Cannes haben viele "Ich habe keine Ahnung, worum es geht, aber es hat mir gefallen" gesagt. Ist das für Sie ein Kompliment?

Lynch: Das ist in Ordnung. Aber ich glaube, jeder weiß, was es für ihn bedeutet. Wir trauen leider unserer eigenen Intuition nicht mehr. Die meisten Filme sind einfach, was sie sind, und unsere Intuition wird nicht mehr gefordert. Aber Film kann sie kitzeln.

DIE WELT: Manche Leute vermuten, Sie drehten Filme, um normal zu bleiben...

Lynch: Nein. Ich verliebe mich in Ideen, und die wundervolle Sprache des Films versetzt mich in die Lage, sie auszudrücken.

DIE WELT: Wie würden Sie sie ausdrücken, wenn es Kino nicht gäbe?

Lynch: In der Malerei. Oder indem ich im Hinterhof kleine Gebilde errichte.

DIE WELT: Viele Filmemacher sagen, sie hassten Los Angeles. Sie leben dort seit langer Zeit...

Lynch: Ich fühle mich dort zu Hause. Ich mag das Licht und das Gefühl, das in der Luft liegt. Es ist ein Gefühl von kreativer Freiheit.

DIE WELT: Sie waren 2000 in Berlin und ließen sich vom Tykwer-Produzenten Stefan Arndt die Stadt zeigen. Was wollten Sie sehen?

Lynch: Ich wollte stillgelegte Fabriken fotografieren. Arndt hat eine Reihe von Fabriken gefunden, die wir betreten durften. Dasselbe habe ich später im Jahr noch einmal in Lodz in Polen gemacht. Beide Orte haben mir sehr gefallen, und in meinem Hinterkopf rumoren die Erinnerungen von dort - aber bisher ergibt das keine Geschichte.