Die Welt, 3. Januar 2002

Auch Schlafen nützt nichts

Nichts ist echt, nichts ist unter Kontrolle: David Lynchs neues Filmrätsel "Mulholland Drive"

Von Elmar Krekeler

Rita will zuerst aufgeben. Nach ungefähr zwanzig Minuten. "Ich dachte, schlafen würde helfen", sagt sie. Und sie sieht einigermaßen verzweifelt aus, während sie das sagt. Schlafen hat rein gar nichts gebracht. Schlafen war strenggenommen eine ziemlich blöde Idee. Denn mit dem Schlaf kommen die Träume. Und Träume sind gerade das Problem der mondänen Brünetten.

Rita ist in einen gewaltigen Schachteltraum geraten, der "Mulholland Drive" heißt. Rita ist in den neuen David-Lynch-Film geraten. Und eigentlich heißt Rita gar nicht Rita. Was ihr wirklicher Name, wer sie und ob sie wirklich ist, ja welche Geschichte man 146 gottgegeben geniale Minuten lang gegenüber gesessen hat, weiß man am Ende nur näherungsweise.

Aber das macht nichts. "Mulholland Drive" ist eine neue Geisterbahnfahrt durch Hollywood, die Struktur unseres Ichs und die Architektur unserer Träume. Ist man angekommen, hat man ganz wenig verstanden, sich ganz viel gefürchtet und weiß nur eins: dass man sich gleich wieder in diese Dunkel stürzen will. Es gibt Filme, für die Kinobesitzer über die Einführung ermäßigter Monatskarten nachdenken: "Mulholland Drive" gehört dazu.

Versuchen wir erst einmal, ein bisschen Boden unter die Füße zu bekommen, versuchen wir das Unmögliche - die kurze Zusammenfassung von Ritas Geschichte: Es ist Nacht. "Rita" (Laura Harring) sitzt im Fond einer schwarzen Stretch-Limo, die sich auf dem kurvenreichen, einsamen Mulholland Drive über Hollywood herumschlängelt. Die Limousine hält. Ein Mann bedroht Rita mit der Pistole. Da rast eine motorisierte Bande betrunkener Kids in Ritas Auto. Es gibt Tote. Rita überlebt.

Wirren Blickes und ohne Gedächtnis stöckelt sie mit ihrer Handtasche unterm Arm und nichts am Leib als einem kleinen Schwarzen den Hügel hinunter, in die glitzernde Traumwelt und in die scheinbar leerstehende Wohnung einer Schauspielerin.

Wo sie unter der Dusche nicht viel später Betty (Naomi Watts) gegenüber steht, einer superblonden, supernaiven Jitterbug-Prinzessin aus Ontario, die von der Wohnung ihrer Schauspiel-Tante aus in Hollywood ihr Glück versuchen will. Was Betty nun allerdings als erstes suchen hilft, ist das Gedächtnis jener unbekannten Frau, die sich nach einem verzweifelten Blick auf ein "Gilda"-Plakat im Badezimmer Rita nennt.

Die beiden Frauen rekonstruieren Rita, entdecken Dollarbündel und einen seltsamen blauen Schlüssel in ihrer Handtasche, finden in der Wohnung Diana Selwyns, die Rita zwischendurch ahnt gewesen zu sein, eine reichlich angefaulte Frauenleiche. Sie schlafen miteinander, sie gehen mitten in der Nacht in einen mysteriösen Downtown-Club namens Silencio, eine seltsame blaue Schachtel taucht auf.

Und alles kehrt sich um. Betty heiß jetzt Diane und sieht eher verhärmt aus. Rita heißt Camilla und sieht eher noch mondäner aus. Die beiden entlieben sich gerade, Camilla turtelt derart mit dem erfolgreichen Filmregisseur Adam K[e]sher, dass Diane einen befreundeten Killer auf Camilla loslässt, der sie nachts auf dem Mulholland Drive umnieten soll.

Jetzt könnte man auf jene Idee verfallen, die Lynchotiker in Internet-Enträtsel-Foren derzeit bevorzugen und nach der alles ganz einfach wäre: Dass nämlich der erste Teil nichts anderes ist als ein vorgeschobener Traum des zweiten.

Ist es aber nicht. Lynch, der sich in diesem (naja nun doch schon) postmodernen Klassiker endgültig und erfolgreich auf die Stelle des Hitchcocks für das 21. Jahrhundert bewirbt, hält in seiner filmischen Parallelscheinwelt alles in der Schwebe, schießt in diesen Erzählfaden unzählige Geschichten und kaum kaschierte Träume quer, die scheinbar gar nichts mit Ritas Kreuzweg zu tun haben. Als da wären (ohne Gewähr auf Vollständigkeit): extrem mafiöse und höchst skurrile Geldgeber bedeuten Adam K[e]sher (s.o.), dass er die Hauptrolle seines nächsten Films mit Camilla (!) Rhodes zu besetzen hat. Anschließend erwischt er seine Frau mit einem ziemlich muskulösen Handwerker im Bett, wird von jenem verprügelt, zur Flucht gezwungen und von der Mafia nachts zu einer Pferdekoppel befohlen, wo er einem wachsgesichtigen mysteriösen Montana-Cowboy gegenübersteht, der noch einmal mit Nachdruck empfiehlt, sich der Mafia zu beugen, denn sonst...

Einem depperten Killer gehen bei einem Auftrag derart die Nerven durch, dass er auf höchst seltsame Art Leichen gleich im halben Dutzend produziert. Ein Paranoiker begegnet mit seinem Therapeuten  hinter einer Hamburger-Braterei dem absolut Bösen. Zwei superlebenslustige Alte lachen sich aus unerfindlichen Gründen halbtot und kehren später als gefährliche Grinse-Gnome wieder zurück.

Nichts ist echt. Alles Schein. Alles Traum. Nichts unter Kontrolle. Darum letztlich geht es Lynch (vielleicht): In einem irren, aber bis in kleinste Nebensächlichkeiten, Subgeschichten und filmhistorischen Anspielungen hinein präzisen Vexierspiel zu zeigen, wie Hollywood funktioniert, was passiert, wenn man Menschen in Stars verwandelt, sie zum permanenten Wechseln ihrer Persönlichkeiten bringt, wenn man Menschen, ganze Kulturen durch Träume jagt, durch Träume verändert.

So setzt sich "Mulholland Drive" fest im Hirn. So kommt man aus dem Kino, setzt sich in den Bus, Angelo Badalamentis grummelnd orakelnde Musik im Ohr und Lynch mysteriöse Bildsequenzen im Kopf. Und nichts will mehr sicher scheinen wie vorher. Hinter jedem Gesicht erwartet man das Böse, in jedem Moment fürchtet man, die Kontrolle über sich selbst und das, was man bisher für wirklich hielt, zu verlieren. Daheim möchte man sich gleich schlafen legen. Aber das würde ja nichts helfen.

 

Lynchs neue Homepage im Netz:

www.DavidLynch.com