DIE WELT, 22.12.1995 Sie kurbeln wie in Kinos Kindertagen
Einzigartiges Experiment: 39 bekannte Regisseure drehten unter Bedingungen wie zu Zeiten der Brüder Lumière
Von HANNS-GEORG RODEK
Paris - Die brillantesten Ideen sind die einfachen. Da traten 1995 ganze Heerscharen von Historikern an, uns über 100 Jahre Kino zu belehren. Da ließ Agnes Varda Michel Piccoli als unter Gedächtnisschwund leidenden Monsieur Cinéma in "Hundertundeine Nacht" melancholisch Bilanz ziehen. Doch die bestechendste Idee zum Filmgeburtstag hatte Philippe Poulet, ein unbekannter Forscher im Kino-Museum zu Lyon: Was käme dabei heraus, fragte er sich, wenn man den besten Regisseuren der Gegenwart die allererste Kamera von 1895 in die Hand gäbe und sie aufforderte, einen Kurzfilm zu machen?Mit einem Zehn-Millionen-Franc-Budget ausgestattet, kam das Projekt "Lumière et Compagnie" diesen Sommer ins Rollen. Von 150 angesprochenen Regisseuren erklärten sich 39 bereit, bei dieser Hommage an ihren Lebenszweck mitzumachen, von dem Griechen Theo Angelopoulos bis zum Franzosen Jacques Rivette, von dem Schweden Lasse Hallström bis zum Amerikaner David Lynch, von dem Russen Andrej Konchalowsky bis zum unvermeidlichen Wim Wenders.
Alle 39 waren auch einverstanden, sich an die strengen Spielregeln zu halten: maximal 52 Sekunden (so lange dauerte der erste Film der Brüder Lumière), eine durchgehende Einstellung (kein Stoppen zwischendurch, keine Schnitte), kein künstliches Licht (die Lumières benutzten auch keine Scheinwerfer) und maximal drei Versuche.
Die Kamera brachte Philippe Poulet den Regisseuren persönlich vorbei, nach Los Angeles, New York, Kairo, Johannesburg, Hiroshima oder auf die Große Mauer von China. Ein "Cinématographe", der Film sowohl belichten wie auch entwickeln und projizieren konnte, war von Poulet restauriert worden; er hatte auch nach Louis Lumières Originalrezept die Film-Emulsion aus Silberbromidgelatine gemixt.
"Lumière et Compagnie", das gestern in Paris Premiere hatte, zeigt beides: die Filmemacher bei den Dreharbeiten und ihre 52-Sekunden-Werke. Gekurbelt wurde wie in des Kinos Kindertagen von Hand, am besten mit ausgestrecktem Arm und lockerem Handgelenk. Zwei Umdrehungen pro Sekunde waren die Regel, die Lumièreschen Kameraleute pflegten zwecks Tempobestimmung einen Militärmarsch zu summen.
Eine Erinnerung an diese Abenteurer, die vor 100 Jahren im Auftrag der Lumières mit Kameras über die Welt ausschwärmten, stellt der Beitrag des Ägypters Youssef Chahine dar. Zwei Kameraleute filmen die Pyramiden, als plötzlich ein Einheimischer auftaucht und das Stativ umwirft: "Schon damals Zensur!" kommentiert Chahine am Ende per Zwischentitel.
Der Minuten-Happen des bekanntesten arabischen Regisseurs ist typisch für dieses einzigartige Mosaik, das filmische Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft aus sehr persönlichen Blickwinkeln verknüpft.
Ein Jahrhundert nachdem die Lumières ihr Publikum bei der allerersten Vorstellung mit Bildern eines auf sie zurasenden Zuges in Schrecken versetzten, kehrte Patrice Leconte ("Das Parfum von Yvonne") auf den Bahnhof La Ciotat zurück. Wieder sehen wir einen Zug einfahren, doch er hält nicht mehr. Der TGV braust nur durch.
Auch Zhang Yimou ("Rote Laterne") überbrückt diese 100 Jahre elegant; er läßt ein junges Paar auf der Chinesischen Mauer 20 Sekunden lang Peking-Oper spielen - und dann die historischen Kostüme abwerfen und in eine Rolling-Stones-Parodie ausbrechen.
Tribute an die Großen dürfen nicht fehlen. Francis Girod ("Trio Infernal") nimmt Abschied von Fellini; zwei Maler pinseln ein großes Kreuz über ein Riesenfoto von einem der Sets des Maestros. Helma Sanders stellt den 88jährigen Louis Cochet, Chefbeleuchter des großen Kameramanns Henri Alekan, auf ein Piedestal und läßt ihn das Licht dirigieren wie ein Dirigent seine Musiker. Bei Régis Wargnier ("Indochine") läuft auf dem Pariser Marsfeld langsam ein alter Herr auf die Kamera zu, der von seinen Lieblingsfilmen erzählt und sich als François Mitterrand herausstellt.
Politik, Gesellschaft und Film waren schon immer enge Nachbarn. Österreichs Michael Haneke ("Benny's Video") nahm einfach Kriegsschiffe, Müll, Fußball und Wetter von der Tagesschau des 19. März 1995 auf - welch ein Kontrast zu den ersten, ruhigen Aufnahmen der Lumières vom 19. März 1895! Der Engländer Hugh Hudson ("Die Stunde des Siegers") filmte fröhliche Kinder im Friedenspark von Hiroshima - und unterlegte die Idylle mit US-Präsident Trumans Bekanntgabe des Atombombenabwurfs. Ismail Merchant und James Ivory ("Was vom Tage übrig blieb") lassen die Kamera einfach die Pariser Rue Soufflot entlanggleiten, vom urfranzösischen Panthéon bis MacDonald's, dem Symbol des Kulturimperialismus.
Film hat auch schon immer das Privateste erforscht. Arthur Penn ("Little Big Man") reduziert die Beziehung von Frau und Mann auf eine dadaistische Minute. Spike Lee ("Malcolm X") versucht, seiner kleinen Tochter das Wort "Daddy" zu entlocken (was ihm kurz vor Filmende auch gelingt). Bei Abbas Kiarostami ("Quer durch den Olivenhain") stehen ein brutzelndes Spiegelei und die Töne eines Anrufbeantworters für das Ende einer Beziehung.
Nicht zuletzt lebt das Kino auch vom Ego seiner Protagonisten. Peter Greenaways Schnipsel feiert weniger die Kinogeschichte als solche denn das Kapitel Greenaway, David Lynchs atemberaubend komplizierter 52-Sekünder führt vor allem The Best of Lynch vor, und Wim Wenders zitiert zum dritten Mal seine Engel Otto Sander und Bruno Ganz auf Berlins Potsdamer Platz. Kameras üben eine unwiderstehliche Anziehungskraft aus, heute wie vor 100 Jahren. Costa-Gavras ("Z") und John Boorman ("Der Smaragdwald") spielen damit. Der Franzose läßt eine Gruppe Jungs neugierig auf den Apparat starren, der Brite die Schauspieler Liam Neeson, Aidan Quinn und Stephen Rea die Linse untersuchen.
"Lumière et Compagnie" steht für die Vielfalt all dessen, was Film sein kann. So uneinheitlich wie der Stil auch die Antwort auf die immer wiederkehrende Frage: "Ist das Kino sterblich?" Die Antworten reichen von dem pessimistischen Greenaway ("Wahrscheinlich ist es gerade dabei, im Stehen zu sterben") über den Cinéasten Claude Lelouch ("Ich glaube nicht an den Tod allgemein und erst recht nicht an den des Kinos") bis zum Realisten Arthur Penn: "Wenn die Menschheit überlebt, wird auch das Kino überleben. Bei beiden bin ich mir nicht so sicher."