Die Welt; 2?.9. 1990
Absonderlich, bedrohlich und faszinierend: David Lynchs effektvoll inszenierter amerikanischer Liebesthriller "Wild at Heart"


Ein Loblied der Liederlichkeit

"Baby, it`s a wild world" sang, lange ist`s her, der Pop-Barde Cat Stevens, und zu den melancholischen Klängen vermischten sich die Düfte von Räucherstäbchen und Haschzigaretten auf Parties der 60er Jahre. Ungezügelt ist die Welt nicht mehr. Die Träume und Alpträume von damals sind vorläufig oder endgültig, wer weiß das schon, in Kisten verpackt worden, deren Deckel wir nur noch in sentimentalen Momenten zu heben wagen. Aber es gibt doch Plätze, Räume und Zeiten, wo die Welt merkwürdig und unheimlich geblieben ist, wo auf dunklen Feldern dunkle Phantasmagorien blühen, wo Hexen nächtens reiten, verrückte Zeitgenossen noch verrücktere Geschichten erzählen und silberglänzende Feen in Seifenblasen für den guten Schluß sorgen. Wild sind auch die Herzen, jedenfalls einige, geblieben, die in einem Land voller skurriler Menschen und Orte einander suchen, gemeinsam fliehen und sich ein Leben lang die Treue halten. Oder zumindest eine Film lang. 

Etwas in David Lynchs "Wild at Heart", der, so der deutsche Untertitel, "Die Geschichte von Sailor & Lula" erzählt: eine Liebe voller Alpträume, ein Alptraum der Liebe, ein absonderliches, abschreckendes, bizarres und faszinierendes road movie, eine blutige Lovestory, ein verrücktes Märchen, ein kitschiges Musical, ein Fest der Lüste, eine Feier der Ironie, ein groteskes Loblied der liederlichen Leidenschaften. "Wild at Heart" gehört zu jenen seltenen und seltsamen Filmen, die keinen unberührt lassen: Entweder man haßt ihn, oder man brennt dafür. Die Geschichte arbeitet mit allen Tricks des Genres und ist dennoch geradlinig und geradezu schlicht gestrickt. Sailor, den Nicolas Cage als Enkel von Marlon Brando und Sohn von James Dean mit wunderschön verhaltener Selbstironie spielt - seine Jacke aus Schlangenlederhaut, erklärt er mit psychologisch wohlgewählten Worten einem Raufbold in einer Diskothek, sei Zeichen seiner ausgeprägten Individualität -, liebt Lula, für die Laura Dern sämtliche Teenager-typischen Gefühle bereithält: von der Aufmüpfigkeit über die bedingungslose Liebe bis hin zum postpubertären Weltschmerz. "Die ganze Welt ist wild im Herzen und verrückt im Kopf", sinniert sie im schmuddeligen Schlafzimmer eines heruntergekommenen Motels, eine der Stationen auf ihrer Flucht quer durch den amerikanischen Süden. Fliehen müssen sie vor Lulas Mutter Marietta (Dian Ladd), einer aparten Mischung aus Mae West und den prächtigsten Hexenerfindungen der Brüder Grimm. Marietta weiß, daß Sailor weiß, daß sie am Tod ihres Mannes schuldig geworden ist, und hetzt den Privatdetektiv Johnnie Farragut (Harry Dean Stanton) hinter den beiden her. Da der aber Sailor nicht umbringen will, läßt die stets hysterische und ewig betrunkene Marietta den Detektiv von ihrem Ex-Lover kaltherzig und -blütig beseitigen. Sailor und Lula stranden in Big Tuna, der häßlichsten Stadt nicht nur von Texas, sondern auf der ganzen Welt. Hier lebt Sailors Ex-Freundin Perdita Durango (Isabella Rossellini), die genau so aussieht, wie sich anständige Bürger ein Flittchen vorstellen. Von Perditas Freund Bobby Peru (Willem Dafoe) wird Sailor zu einem Bankraub überredet. 

Der Überfall endet in einem der abstrusesten Blutbäder der Filmgeschichte, und als Sailor nach sechs Jahren aus dem Gefängnis kommt, wartet Lula mit dem gemeinsamen Sohn auf ihn. Und wenn der Film die beiden jetzt auch fürchterlich glücklich sein läßt, so tut er das nur, indem er sich über die Happy-Ends aller Lovestories ziemlich zynisch lustig macht. Es sind die Nachtseiten des Lebens, denen der Regisseur David Lynch mit Vorliebe nachspürt, dort, wo die wilden Wünsche und bedrohlichen Begierden wuchern, über die man besser nicht genau nachdenkt. Genau dazu aber zwingt uns Lynch, und das Unbehagen des Zuschauers ist als feste Größe in seinen Filmen eingeplant. Das Ausgefallene, Übertriebene, Maßlose wird seinen Geschöpfen zur Norm - egal, ob es sich um Mord oder Sex handelt. Die Völlerei der Gefühle und Triebe ist der Maßstab der Dinge und Handlungen. Ein Autounfall gerät zur Nachtmahr, Morde gipfeln in Ritualen, in denen Voodoo und sick humor eine morbide Liaison eingehen. Und jeder Beischlaf von Sailor und Lula wird zu einem Akt grotesker Schwerstarbeit. In einige Effekte hat sich Lynch allzusehr verliebt, und deshalb mochte er nicht von ihnen lassen: Was beim ersten, zweiten und sogar dritten Mal die Nerven alarmiert, nervt dann nur noch - das laut zischende Streichholz mit der Close-up-Flamme, die mal ein flammendes Inferno erzeugt und mal zur gelben Leitlinie auf den Landstraßen wird, sich knisternd verzehrende Zigarettenglut in Großaufnahmen, Feuersbrünste und brennende Menschen. Da wir der Symbolismus der Flamme mit dem Holzhammer eingetrichtert. Doch nahezu folgenlos steckt das die Geschichte weg, die Lynch mit Versatzstücken aus Fellini- und Disney-Filmen spickt, für die er sich hemmungslos aus B-Pictures und Kult-Movies bedient, um seinen amerikanischen Alptraum so effektvoll wie möglich in Szene zu setzen: damit die Bilder auch unsere Herzen aufwühlen und Verwirrung stiften in unseren Köpfen.
Rainer Nolden